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18. Juli 2014, von Michael Schöfer
Das Wichtigste ist jetzt die Ermittlung der Fakten


Was wissen wir? Zur Zeit nicht allzu viel. Zumindest eines ist sicher: Eine Passagiermaschine der Malaysia Airlines ist in der Ostukraine abgestürzt. Ob das Flugzeug abgeschossen wurde, ist allerdings noch ungewiss. Theoretisch wäre auch denkbar, dass es beim Flug von MH17 einen technischen Defekt gab, der zur Katastrophe führte und die wiederum nur rein zufällig über dem umkämpften Rebellengebiet stattfand. Von den Piloten gab es keinen Notruf, doch das spricht für sich genommen noch nicht für einen Raketenabschuss. Auch bei der nach wie vor verschollenen Passagiermaschine MH370 gab es keine Notfallmeldung.

Mysteriöse Flugzeugunglücke gibt es immer wieder. So explodierte etwa 1996 "eine Boeing 747-100 nach dem Start vom New Yorker John F. Kennedy International Airport, nachdem ein Kurzschluss stark erhitztes Kerosin entzündet hatte. Die Maschine stürzte vor der Küste Long Islands ins Meer." 2002 brach "eine Boeing 747-200 (…) auf dem Weg von Taipeh nach Hongkong, wahrscheinlich aufgrund von Materialermüdung, auseinander." [1]

Ein technischer Defekt ausgerechnet über diesem heiklen Gebiet wäre freilich ein großer Zufall. Doch das Leben lehrt, solche für unwahrscheinlich gehaltenen Zufälle geschehen tatsächlich. Ein Beispiel: "Die Australierin Kaylene Mann hat beim Flugzeugabsturz über der Ost-Ukraine ihre Stieftochter verloren. Bereits in der verschwundenen malaysischen Maschine MH370 saßen ihr Bruder und ihre Schwägerin." [2] Wenn wir die mathematische Wahrscheinlichkeit des Zusammentreffens dieser beiden Schicksalsschläge berechnen würden, kämen wir vermutlich auf eine recht hohe Zahl. Welch ungeheurer Zufall, fast nicht zu glauben, aber dennoch wahr.

Gleichwohl sollte man nicht allzu sehr auf diese politisch bequeme Möglichkeit bauen, ein Abschuss liegt durchaus nahe. Dann stellt sich natürlich die Frage: Wer war es? Wie so oft versuchen die potentiellen Verdächtigen, sich die Schuld gegenseitig in die Schuhe zu schieben. Moskau sagt, die ukrainische Regierung trage die Verantwortung. Kiew behauptet, die prorussischen Separatisten seien für den Abschuss verantwortlich. Man sollte sich jedoch vor voreiligen Schuldzuweisungen hüten, das Wichtigste ist jetzt die Ermittlung der Fakten.

Zeit-Redakteur Carsten Luther sieht, falls sich die Abschussthese durch die Separatisten bestätigen sollte, dramatische Folgen: "An weiteren Sanktionen gegen Russland führt kein Weg mehr vorbei, chirurgisch und selektiv dürften sie diesmal nicht sein. Und selbst eine Beteiligung westlicher Kräfte an der Militäroperation ist unter diesen Umständen kein Tabu mehr." [3] Stefan Kornelius von der Süddeutschen bläst ins gleiche Horn: "Der Absturz der malaysischen Maschine wird diesen Krieg entscheidend beeinflussen. Die Ukraine wird alle Unterstützung brauchen, um ihre Grenzen schließen und sichern zu können. Sollte am Ende die Beweiskette gegen die prorussischen Separatisten und die Waffenlieferanten aus Moskau geschlossen sein, dann wird Russland die volle Wucht der Sanktionen treffen müssen - auch und gerade aus Europa. (…) Der Absturz führt direkt in den UN-Sicherheitsrat, die Ukraine wird vielleicht um militärischen Beistand bitten." [4] Das riecht ein bisschen nach Krieg.

Die bislang zusammengetragenen Indizien sind widersprüchlich. Schauen wir sie uns an, der Schweizer Journalist Jürg Vollmer hat eine beachtliche Indizienkette zusammengetragen. [5] Greifen wir das wichtigste Indiz heraus, nämlich die Verfügungsgewalt über Flugabwehrraketen - die mutmaßliche Tatwaffe. In dem Gebiet gebe es nur eine Waffe, die dafür infrage käme: das russische Flugabwehrsystem "Buk M1" (noch von der Sowjetunion entwickelt). "Am 29. Juni eroberten (pro-)russische Separatisten die ukrainische Militärbasis A-1402. Dabei erbeuteten sie ein Flugabwehrraketen-System BUK und ein mobiles Radarsystem vom Typ KUPOL (russisch 'Kuppel'), das Ziele in einem Radius von 160 Kilometern orten kann. Dies berichteten staatliche russische Medien wie die Nachrichtenagentur ITAR-TASS und das Auslands-Radio 'Stimme Russlands' am gleichen Tag. Die Meldungen sind heute noch im russischen Internet zu lesen", schreibt Vollmer.

Auf der anderen Seite weisen Experten darauf hin, dass man für die Bedienung dieses Flugabwehrsystems Spezialisten braucht, und innerhalb der kurzen Zeitspanne seit Ende Juni hätten sich die Separatisten wohl kaum die dafür notwendigen Kenntnisse angeeignet haben können. "Für die Bedienung eines solchen Flugabwehrsystems ist eine aufwendige Ausbildung notwendig. 'Das sind in der Regel mehrwöchige Theoriekurse, gefolgt von Praxistraining', so Karl-Josef Dahlem, Chefberater für Luftverteidigungssysteme beim europäischen Rüstungskonzern MBDA. Zudem enthält eine komplette Abwehrstellung ein Fahrzeug mit Überwachungsradar, eines mit der Kommandozentrale sowie mehrere Fahrzeuge mit Feuerleitradar und Abschussanlagen für jeweils vier Raketen. 'Insgesamt sind dafür rund 20 Mann notwendig.'" [6] Andere sprechen von "einer intensiven Ausbildung von mindestens sechs Monaten, um das Gerät zu beherrschen. (...) 'Das ist kein System, das man so ohne weiteres gleich benutzen kann', sagte Douglas Barrie vom Internationalen Institut für Strategische Studien (IISS) in London." [7]

Das Flugabwehrsystem könnte selbstverständlich auch von einer sachkundigen russischen Mannschaft bedient worden sein. Die Amerikaner schicken ja ihre "Militärberater" ebenfalls in alle möglichen Konfliktregionen dieser Welt. So etwas macht man üblicherweise, wenn man seine Interessen verfolgt, aber offiziell nicht in Erscheinung treten will. Und diese Vorgehensweise ist sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal der USA, das machen etliche Staaten genauso. Die Russen gelten diesbezüglich nicht unbedingt als Waisenknaben, verdeckte Operationen gehörten früher zum Handwerkszeug des KGB. Und ihr Handwerk werden die Damen und Herren inzwischen kaum verlernt haben. In diesem Fall wird es jedoch äußerst brenzlig, da eine gut ausgebildete Mannschaft normalerweise den Unterschied zwischen einer zivilen Passagiermaschine und einem ukrainischen Militärflugzeug erkennt. Hätte man MH17 nicht irrtümlich, sondern gezielt abgeschossen, käme das einem Überdrehen der Schraube gleich. Das Knacken wäre weltweit zu hören.

Aber um die Verwirrung um dieses zentrale Indiz, die Verfügungsgewalt über die Tatwaffe, komplett zu machen: Der ukrainische Generalstaatsanwalt Witali Jarema behauptet, "nach seiner Kenntnis hätten die prorussischen Separatisten in der Ostukraine keine Raketenflugabwehrsysteme vom Typ 'Buk' für den Abschuss von Flugzeugen in ihrem Besitz gehabt. Die Aufständischen hätten, anders als von ihnen selbst im Juni behauptet, keine einsatzfähigen Waffensysteme dieser Art erobert, sagte Jarema am Freitag in Kiew. Diese Informationen seien auch Präsident Poroschenko und dem nationalen Sicherheitsrat vom ukrainischen Militär übergeben worden." [8] Das sagt, wohlgemerkt, der ukrainische Generalstaatsanwalt, nicht der russische. Falls diese Information tatsächlich zutrifft und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wirklich darüber Bescheid wusste, weshalb macht er dann die Separatisten für den Abschuss verantwortlich und spricht von einem Terrorakt?

Auf andere Indizien, beispielsweise angebliche Selbstbezichtigungen im Internet oder abgehörte Telefongespräche, will ich hier gar nicht eingehen. Wie erwartet behaupten die einen, die Indizien wären echt, andere hingegen bezeichnen sie als plumpe Fälschung. Das bringt uns, so vermute ich, derzeit nicht viel weiter. Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. (Hiram Johnson) Was fehlt, sind unwiderlegbare Beweise. Es bleibt dabei: Momentan wissen wir lediglich, dass eine Passagiermaschine der Malaysia Airlines in der Ostukraine abgestürzt ist. Und wir müssen zunächst akribisch alle Fakten zusammentragen. Erst danach kann man mit der politischen Bewertung beginnen und die für notwendig erachteten Maßnahmen ergreifen.

Wer immer schuld ist am Absturz des Passagierjets, er wird die Folgen definitiv zu spüren bekommen. Der politische Druck, etwas zu unternehmen, ist wahrscheinlich zu groß, um ihn geflissentlich zu ignorieren. Sollte die Maschine tatsächlich von prorussischen Separatisten abgeschossen worden sein, vielleicht sogar unter tätiger Mithilfe von Wladimir Putin, wird es zweifellos wesentlich härtere Sanktionen geben als bislang. Schon jetzt ist der Handel der Eurozone (EU18) mit Russland stark zurückgegangen (1. Quartal 2014: Ausfuhren -13%, Einfuhren -9%). [9] Dieser Trend wird sich bestimmt noch verschärfen.

Andererseits sollten wir uns vor Torheiten hüten. Vor 100 Jahren war das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand der äußere Anlass für den Ersten Weltkrieg. Heute wissen wir, dass dieses singuläre Ereignis für gewisse Kreise lediglich die willkommene Rechtfertigung zum Losschlagen war, denn die Pläne für den Krieg lagen bekanntlich längst in den Schubladen. Übrigens auf allen Seiten. Weil die Hauptakteure kein Interesse an Deeskalation hatten, kam es zur Katastrophe. Wir sollten daher klüger handeln und uns nicht leichtfertig in einen militärischen Konflikt hineintreiben lassen. Ein Krieg zwischen dem Westen und Russland könnte leicht aus dem Ruder laufen und verheerende Folgen haben. Für alle Beteiligten, versteht sich.

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[1] Wikipedia, Flugzeugabsturz
[2] FAZ.Net vom 18.07.2014
[3] Die Zeit-Online vom 18.07.2014
[4] Süddeutsche-Online vom 18.07.2014
[5] Carta vom 18.07.2014
[6] Spiegel-Online vom 18.07.2014
[7] FAZ.Net vom 18.07.2014
[8] FAZ.Net vom 18.07.2014
[9] Die Zeit-Online vom 17.07.2014