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30. Juli 2014, von Michael Schöfer
Pauschalierungen sind scheiße!


"Bild am Sonntag"-Kommentator Nicolaus Fest fühlt sich durch "den Islam" immer mehr gestört. Ihn stören "die totschlagbereite Verachtung des Islam für Frauen und Homosexuelle, Zwangsheiraten, 'Friedensrichter', 'Ehrenmorde' und antisemitische Pogrome". Religion sei zwar nicht generell ein Integrationshindernis, doch beim Islam bejaht er dies. Fest braucht "keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht". [1] Über den sich daraufhin erhebenden Shitstorm ist viel geschrieben worden, über die Entschuldigung von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann ebenfalls. [2] Immerhin kann man Diekmann in einem zustimmen: Pauschalisierungen sind scheiße - ob in Bezug auf den Islam oder andere Religionen. Pauschalierungen sind generell scheiße, egal wem gegenüber. Und das, mein lieber Herr Diekmann, gilt natürlich auch gegenüber den vermeintlich "faulen Griechen" oder den angeblich "in der sozialen Hängematte liegenden Arbeitslosen".

Andererseits dürfen wir nicht die Augen vor der Realität verschließen. Momentan erlebt der Islam unbestreitbar eine Phase der Radikalisierung, die ganze Regionen berührt und Kontinente übergreift (Asien, Afrika, Europa). Viele Muslime unterstützen in unterschiedlichem Ausmaß eine der zahlreichen radikalen Gruppierungen (Hamas, Islamischer Staat, Boko Haram, al-Qaida, al-Nusra-Front etc.). Letztere könnten nämlich gar nicht überleben, wenn sie nicht - warum auch immer - zumindest von relevanten Teilen der Bevölkerung in den jeweiligen Operationsgebieten unterstützt würden. Und sei es durch stillschweigende Duldung. In der Regel führen sie nämlich einen Guerillakrieg. Und schon Mao wusste: Die Guerilla muss im Volk schwimmen wie der Fisch im Wasser, nur so hat sie überhaupt eine reelle Chance zu gewinnen. Das heißt keineswegs, dass alle Muslime Fundamentalisten unterstützen, aber es sind gewiss auch nicht wenige.

Fundamentalismus ist jedoch nichts, was ausschließlich auf den Islam beschränkt wäre. Auch Christen sind zuweilen fundamentalistisch und greifen zur Gewalt. Jedenfalls dann, wenn es ihnen die gesellschaftlichen Verhältnisse erlauben. Beispiel: In El Salvador muss eine Frau wegen einer Fehlgeburt für 40 Jahre ins Gefängnis. Grund: Mord im Mutterleib. Ein Richter stellte fest, "der Fötus sei durch 'schlechte Behandlung und Aggression der Mutter' abgestorben. Sein Urteil: Mord." Solch absurde Urteile sind in El Salvador kein Einzelfall: Ein Richter in der Provinzstadt San Francisco Gotera verurteilte eine 22-Jährige, die ins Krankenhaus kam, weil es bei der Hausgeburt Komplikationen gab. "Das Kind starb bei der Geburt. Der Richter stellte 'mangelnden Mutterinstinkt' fest: 30 Jahre Haft." [3] Die drakonischen Strafen sind der katholischen Kirche zu verdanken, der es gelang, in der Verfassung ein absolutes Abtreibungsverbot zu verankern. Das ist ebenfalls Gewalt, strukturelle Gewalt. Zwar subtiler als Bombenanschläge, weil moralisch bemäntelt, aber dennoch fast genauso grausam. In Irland hat die katholische Kirche lange Zeit verhindert, dass Frauen selbst bei Gefahr für ihr eigenes Leben abtreiben dürfen. [4] In Teilen Südamerikas, etwa in Chile, sind Abtreibungen sogar nach Vergewaltigungen verboten. [5]

Fundamentalisten, gleich welcher Couleur, sind zu den bestialischsten Verbrechen imstande. In Israel verbrennen fundamentalistische Juden aus Rache einen 16-jährigen Palästinenser bei lebendigem Leib. Der Mob skandiert dort gerne "Tod den Arabern". [6] Hierzulande rufen fundamentalistische Muslime neuerdings öffentlich "Tod den Juden". [7] In Myanmar gibt es Pogrome von Buddhisten gegen Muslime. [8] In Indien wiederum terrorisieren radikale Hindus Christen. [9] Eine Liste, die sich beliebig erweitern ließe. Jeder gegen jeden? Genau, alle sind irgendwo Opfer und irgendwo Täter.

Obgleich Religionen fundamentalistische Strömungen begünstigen (denn sie sind mehrheitlich dogmatisch und daher intolerant), werden derartige Verbrechen auch von Atheisten begangen, man braucht bloß an das Wüten Stalins, Pol Pots, Mao Zedongs oder an das Schreckensregime in Nordkorea zu denken. Das Foltern in CIA-Geheimgefängnissen gehört ebenfalls in diese Reihe. Mexikanische Drogenkartelle dito. Es gibt folglich, um im Jargon Nicolaus Fests zu sprechen, eine "totschlagbereite Verachtung von Fundamentalisten" für alle Andersdenkenden, für die Freiheit des Einzelnen und für unveräußerliche Menschenrechte. Der Täter ist freilich stets irgendein Mensch oder eine Gruppe von Menschen. Aber es sind niemals die Muslime, die Christen, die Hindus oder die Buddhisten. Nicht einmal die Atheisten. Auch nicht die Juden.

Selbstverständlich neigt nicht jeder Mensch zum Fundamentalismus und ist ein potenzieller Mörder. Es gibt bestimmt überall Menschen, die buchstäblich keiner Fliege etwas zuleide tun. Aber es gibt auch unstreitig überall skrupellose und sadistisch veranlagte Menschen, die ohne mit der Wimper zu zucken bereit wären, Ihresgleichen aus den nichtigsten Gründen abzuschlachten. Vollkommen gleichgültig, ob Kinder, Frauen oder Greise zu den Opfern gehören. Es sind allein die gesellschaftlichen Verhältnisse, die solche Verbrechen verhindern: Rechtsstaat, Achtung der Menschenrechte, Meinungs- und Pressefreiheit, gerechte Verteilung des Wohlstands, ausreichende Bildungschancen etc. Das heißt aber zugleich, dass überall dort, wo es diesbezüglich Defizite gibt, die schlimmsten Dinge passieren können. Hexenverbrennungen? Sobald es der gesellschaftliche Kontext zulässt, wird es erneut geschehen. Der Firnis der Zivilisation ist bekanntlich dünn.

Wir sollten daher unser Augenmerk weniger auf die Religionen richten, selbst wenn derzeit viele Extremisten im Gewand eines Islamisten daherkommen, sondern uns mehr mit dem gesellschaftlichen Kontext befassen. Natürlich muss man zunächst Religion auf den Privatbereich begrenzen, denn ohne eine völlige Säkularisierung bleibt der Gesellschaft keine Luft zum Atmen. Religionen haben die weltliche Ordnung zu achten, nicht umgekehrt. Alle Religionen, versteht sich. Das allein reicht aber noch nicht aus, denn wir müssen uns darüber hinaus fragen, ob die weltliche Ordnung ihrerseits gerecht ist. Es wird kaum gelingen, den Fundamentalismus erfolgreich zu bekämpfen, wenn die Rahmenbedingungen, die ihn gefördert haben, weiterexistieren. Die Rückbesinnung auf die Religion ist für viele lediglich die letzte Bastion, die es ihnen scheinbar erlaubt, dieser chaotischen Welt zu entfliehen. So wollen etwa Salafisten die Zeit der "ehrwürdigen, rechtschaffenen Vorfahren" wieder auferstehen lassen, das ist ihrer Interpretation nach die Frühzeit des Islam (622 - 855 n. Chr.). Abgesehen von der Frage, ob da nicht vieles idealisiert wird, stehen sie unweigerlich vor der Herausforderung, mit dem geistigen Rüstzeug des Mittelalters in der modernen Welt zurechtkommen zu müssen. Anfangs erlebte der Islam zweifellos eine wissenschaftliche Blüte und war vergleichsweise tolerant. Ob aber ausgerechnet die Salafisten an wissenschaftlicher Blüte und religiöser Toleranz interessiert sind, ist eher zu bezweifeln.

Es gibt kein Patentrezept. Doch die Frage, warum zur Zeit viele Muslime fundamentalistisch sind, hat vielleicht weniger mit ihrer Religion, sondern mehr mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun, in denen sie leben - also der ungenügenden politischen Partizipation, der ungleichen Verteilung des Reichtums, der eigenen geschichtlichen Entwicklung (= die fehlende Aufklärung), der krass abweichenden Bevölkerungsstruktur (ziemlich jung und rasch wachsend), den andersartigen kulturellen Errungenschaften und dem im Durchschnitt niedrigeren Bildungsstand. Religion ist dabei keineswegs unwichtig, aber eben bloß einer von mehreren Parametern. Im Umkehrschluss bedeutet das: Man kann den Fundamentalismus gesellschaftlich austrocknen, sobald man sein Umfeld verändert. Ob dabei allerdings Kriege und Menschenrechtsverletzungen à la George W. Bush hilfreich sind, ist fraglich. Die Forderung, Fundamentalisten konsequent entgegenzutreten (egal, ob Salafisten oder Nazis), wird dadurch nicht überflüssig. Ganz im Gegenteil.

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[1] Bild.de vom 27.07.2014, Islam als Integrationshindernis
[2] Bild.de vom 27.07.2014, Keine Pauschalurteile über den Islam!
[3] taz vom 24.07.2014
[4] Der Tagesspiegel vom 13.07.2013
[5] Süddeutsche vom 10.07.2013
[6] Neue Zürcher Zeitung vom 06.07.2014
[7] Der Freitag vom 21.07.2014
[8] Neues Deutschland vom 08.04.2013
[9] FAZ.Net vom 03.09.2008