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22. August 2014, von Michael Schöfer
Bitte keine allzu großen Erwartungen


Die Erwartungen allzu hoch zu schrauben, kann leicht zu herben Enttäuschungen führen. Kürzlich bin ich während einer Recherche im Internet zufällig bei der deutschen Huffington Post hängengeblieben. Dort las ich die Schlagzeile "15 wissenschaftliche Fakten über das Sexleben von Männern". Und weil mir gerade - abgesehen von der NSA - niemand neugierig über die Schulter sah, habe ich den Artikel kurzerhand angeklickt. Ihm konnte man u.a. entnehmen, welche Sex-Positionen bei Single-Männern am beliebtesten sind: 29 Prozent stehen angeblich "auf den sogenannten Doggie-Style", aber 31 Prozent "ziehen Cowgirls vor". Aha. Die Huffington Post vergisst bei Letzterem freilich nicht ein bisschen verschämt hinzuzufügen: "...wenn Sie verstehen, was wir meinen". Ho, ho, ho! Jetzt stell' ich mich mal bewusst treudoof. Ihren Leserinnen und Lesern erläutern, wie die "Doggie-Style"-Stellung konkret aussieht und was das "Cowgirl" beim Sex genau macht, traut sich die Huff leider nicht. Dabei ist doch lückenlose Aufklärung die höchste Chronistenpflicht. Wissenschaft ist das jedenfalls nicht, wenn Sie mich fragen. In Wahrheit haben lediglich ein Datingportal und ein Weblog "zahlreiche Männer über ihr Sexleben befragt". Was die wissenschaftliche Substanz des Artikels angeht, sollte man deshalb keine großen Erwartungen hegen, es ging offenbar abermals bloß um Klickzahlen. Hey, und ich bin prompt darauf reingefallen!!! Ob jedoch angesichts dessen die deutsche Huffington Post als Nachrichtenportal wirklich ernstgenommen werden kann, muss jeder selbst entscheiden. Boulevard, Promiklatsch und pseudowissenschaftliches Getue gibt es im Netz schließlich mehr als genug.

Das ZDF macht es allerdings nicht viel besser. Am 17. August 2014 lief die Sendung "Terra X Zeitreise - Die Welt im Jahr 0". Der Archäologe Matthias Wemhoff erläutert, wie die Welt im Jahr 0 unserer Zeitrechnung ausgesehen hat. Ungefähr ab der 20. Sendeminute traktiert er seine Zuschauer dann plötzlich mit der biblischen Geschichte. "Dem Wanderprediger folgt eine immer größere Gruppe von Anhängern", heißt es. Gemeint ist ein gewisser Jesus von Nazareth. "Den Römern und den jüdischen Tempelpriestern ist er ein Dorn im Auge. Als Jesus die Händler und Geldwechsler aus dem heiligen Tempel vertreibt, sehen seine Widersacher ihre Chance gekommen. Jesus wird angeklagt und verurteilt." Ich habe hier schon mehrfach darauf hingewiesen, dass das Neue Testament eine Quelle ist, deren Authentizität angezweifelt werden muss. Nach heutiger Lehrmeinung entstanden die Evangelien frühestens zwischen 60 und 80 n. Chr. bzw. spätestens zwischen 80 und 100 n. Chr. Keine Zeitzeugenberichte also, bloß Geschichten vom Hörensagen, denn zu dieser Zeit war Jesus, sofern es ihn überhaupt je gab, mindestens schon 30 Jahre tot. Zeitgenössische schriftliche Überlieferungen erwähnen Jesus mit keinem Wort, obgleich der doch angeblich sogar Tote zum Leben erweckt und bei dessen Tod "im ganzen Land eine Finsternis" geherrscht haben soll. Die Bibel ist in sich widersprüchlich und kollidiert obendrein an etlichen Stellen mit den Naturgesetzen. [1] Kurzum, der christliche Glaube steht - wissenschaftlich betrachtet - auf tönernen Füßen. Warum das ZDF mit seiner Dokumentationssendung, die dem unbedarften Zuschauer Objektivität suggeriert, dieses orientalische Märchen dennoch als historische Tatsache präsentiert, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft. Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen darf man die Erwartungen offenkundig ebenfalls nicht allzu hoch schrauben.

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[1] Zwei Beispiele:

a) Dem Neuen Testament zufolge ist Jesus am Passahfest gekreuzigt worden, es wird immer bei Vollmond (der erste Frühlingsvollmond) gefeiert. Als er starb soll sich Folgendes zugetragen haben: "Es war etwa um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Die Sonne verdunkelte sich." (Lk 23, 33-46) Man darf wohl mit Recht behaupten, dass diese Schilderung nicht der Wahrheit entspricht, gar nicht entsprechen kann. Denn Sonnenfinsternisse gibt es nur, wenn der Mond zwischen Sonne und Erde vorüberzieht, bei Vollmond (Passahfest) steht jedoch die Erde zwischen Sonne und Mond, eine Sonnenfinsternis ist daher grundsätzlich unmöglich. Astronomische Berechnungen liefern ebenfalls keine den Schilderungen entsprechende Sonnenfinsternis.

b) Altes Testament, Josua Kap. 10, Vers 12 und 13: "Da redete Josua mit dem HERRN des Tages, da der HERR die Amoriter dahingab vor den Kindern Israel, und sprach vor dem gegenwärtigen Israel: Sonne, stehe still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! Da stand die Sonne und der Mond still, bis daß sich das Volk an ihren Feinden rächte. (...) Also stand die Sonne mitten am Himmel und verzog unterzugehen beinahe einen ganzen Tag." Ausgesprochen dumm für das Christentum, dass wir mittlerweile so fundamentale Naturgesetze wie das Masseträgheitsgesetz entdeckt haben. Isaac Newton sei Dank. Danach verharrt ein Körper "im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Translation [Bewegung], sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird." Inzwischen wissen wir obendrein, dass nicht die Sonne um die Erde kreist, sondern die scheinbare Bewegung unseres Zentralgestirns durch die Erdrotation verursacht wird. Die Rotationsgeschwindigkeit am Äquator beträgt mehr als 1.600 km/h. Mit anderen Worten: Hätte Gott tatsächlich die Erde abrupt angehalten, hätte gemäß dem Masseträgheitsgesetz alles mit Überschallgeschwindigkeit weiterfliegen müssen. Weltweit wären sämtliche Lebewesen und Gebäude zerschmettert worden sowie alle Ozeane übergeschwappt. Die Historiker verzeichnen freilich nichts dergleichen.