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09. September 2014, von Michael Schöfer
Diese Einseitigkeit ist unerträglich


Man muss kein Putin-Versteher sein, um die Einseitigkeit der hiesigen Presse zu beklagen, dazu genügt schon allein der gesunde Menschenverstand. Ob es klug ist, in Zeiten erhöhter Spannungen die brisante Lage auch noch durch Militärmanöver anzuheizen, ist mehr als fraglich. Es sind schon Kriege durch Missverständnisse entfacht worden. Oder bloß deswegen, weil jemand die Nerven verloren hat. Militärmanöver gehören zwar zum unter Primaten seit Jahrmillionen üblichen Imponiergehabe, sind aber genau besehen ziemlich töricht. Vor allem zwischen Kontrahenten, die über Atomwaffen verfügen. Es ist halt noch zu viel Homo erectus im Homo sapiens.

"Provokation über der Nordsee: Russische Kampfbomber nähern sich Nato-Grenze", titelte Focus-Online im April diesen Jahres. [1] Was war passiert? Zwei russische Kampfbomber hatten sich über der Nordsee dem Luftraum mehrerer Nato-Staaten genähert, daraufhin stiegen Kampfflugzeuge der Allianz auf und eskortierten die russischen Maschinen hinaus. Das britische Verteidigungsministerium teilte mit, dass sich die russischen Flugzeuge ausschließlich im internationalen Luftraum befanden. Es gab keine Verletzung nationaler Lufträume, rein rechtlich war also alles okay. Zur gleichen Zeit wurde der russische Zerstörer "Vizeadmiral Kulakow", der sich den britischen Hoheitsgewässern näherte, von einem britischen Kriegsschiff begleitet. [2] Solche Aktionen sind vollkommen unnötig und ausgesprochen dumm. Spielchen postpubertärer Jungs, die das Risiko der Eskalation in sich tragen.


[Die Nordsee - umgeben von Nato-Staaten, Quelle: Wikimedia Commons,
CC BY-SA 3.0-Lizenz, Urheber: Halava]

Doch auch die Jungs der Nato dürfen gelegentlich spielen. Momentan findet nämlich im Schwarzen Meer ein Seemanöver statt, an dem Kriegsschiffe der USA, der Ukraine, Kanadas, Rumäniens, Spaniens und der Türkei teilnehmen. Das Schwarze Meer liegt, für die, die es bislang noch nicht wussten, unmittelbar vor der Haustür Russlands. Dass die Russen davon wenig begeistert sind, ist kein Geheimnis. Vermutlich sind sie es genauso wenig wie im April die Nato-Anrainer der Nordsee. Nun haben "zwei russische Kampfjets sowie ein Überwachungsflugzeug" die am Manöver beteiligte kanadische Fregatte "HMCS Toronto" überflogen und umkreist. [3] Wohlgemerkt: Nicht beschossen, sondern lediglich überflogen und umkreist. Also im Grunde genau das, was vor ein paar Monaten in der Nordsee passierte, eben nur mit vertauschten Rollen. Die Regierung in Ottawa spricht dennoch von einer "unnötigen Provokation". Damit wir uns nicht missverstehen: Eine Provokation Russlands, keine Provokation Kanadas. Diese Interpretation wird unhinterfragt übernommen: "'Unnötige Provokation' Russischer Jet umkreist kanadische Fregatte." [4]



[Das Schwarze Meer - direkt vor der Haustür Russlands, Quelle: Wikimedia Commons,
CC BY-SA 3.0-Lizenz, Urheber: Created by User:NormanEinstein derivative work: NNW (talk)]


Fazit: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe: Wenn russische Flugzeuge in der Nordsee, gewissermaßen dem Hausmeer der Nato, herumfliegen, ist das natürlich eine Provokation. Die Reaktion der Allianz, ihnen Kampfjets entgegenzuschicken, somit absolut verständlich. Wenn jedoch Kriegsschiffe mehrerer Nato-Staaten im Schwarzen Meer herumfahren, ist das keine Provokation, sondern angeblich vollkommen normal. Eine Provokation sind vielmehr die Kampfjets, die Russland den Nato-Schiffen entgegenschickt. Hier wird offenkundig mit zweierlei Maß gemessen. Egal was die Russen tun - es ist schlecht und demzufolge zu verurteilen. Und egal was die Nato tut - es ist gut und demzufolge zu begrüßen.

Stellen wir uns einmal vor, die russische Marine würde gerade jetzt in der Nordsee ein Manöver abhalten. Das Geschrei in den Zeitungen kann man sich leicht ausmalen. Qualitätsjournalismus sieht allerdings anders aus, denn dazu gehört ein Mindestmaß an Objektivität. Die Presse braucht sich demzufolge über die mangelnde Akzeptanz bei den Leserinnen und Lesern nicht zu wundern. Den spürbaren Gegenwind in den Leserzuschriften allein mit den vermeintlichen Aktivitäten der Trolle Putins zu erklären, greift zu kurz. Der Vorwurf, die Berichterstattung sei unausgewogen, ist nämlich - wie man an dem o.a. Beispiel sieht - keineswegs aus der Luft gegriffen.

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[1] Focus-Online, Ukraine im Live-Ticker
[2] Spiegel-Online vom 24.04.2014
[3] Spiegel-Online vom 09.09.2014
[4] Focus-Online vom 09.09.2014