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13. Oktober 2014, von Michael Schöfer
Zum Glück ist es bloß ein Videospiel


"Revolutionäres Videospiel. So echt wie die Wirklichkeit. Musst du unbedingt haben", schleudert uns die schrille Kampagne seit Wochen im Stakkato ins Gesicht.

Tom ist ganz begeistert. "Muss ich unbedingt haben", denkt der 13-Jährige. Rasch zum nächsten Elektronik-Markt. Werbung funktioniert!

Das Videospiel hat im Markt sogar einen eigenen Stand bekommen, das gibt es normalerweise nur bei absoluten Megasellern. Da liegt sie, die heißbegehrte Ware. Stapelweise. Kostet 79,99 Euro. Nicht billig, aber dafür bekommt man schließlich einiges geboten.

Tom liest die Spielbeschreibung: "Wir schreiben das Jahr 2114: Die Menschheit lebt in Agonie. Tödliche Seuchen, denen Milliarden zum Opfer fallen, legen sich wie ein Leichentuch über den gesamten Planeten. Die Welt wird von korrupten Politikern regiert, die jeden Widerstand sofort im Keim ersticken. Über vom Zerfall bedrohten Megastädten schwirren schussbereite Drohnen umher, die beim leisesten Verdacht auf subversives Verhalten ihre Raketen abfeuern. Die Regierung überwacht die Menschen lückenlos. Weite Gebiete der Erde sind durch Chaos und Gewalt geprägt, längst haben dort brutale Terrorbanden die Herrschaft übernommen. Die Meere versauern, die letzten Regenwälder fallen der Brandrodung zum Opfer, Wasser und Nahrungsmittel werden knapp, die Weltwirtschaft steht vor dem Kollaps. Nur John Baltimore kann die Menschheit vor dem drohenden Untergang retten... Tauche ein in die Welt des 22. Jahrhunderts. So echt wie die Wirklichkeit."

"Wow", denkt Tom, "ich will John Baltimore sein. Die Grafik des Spiels soll ja phantastisch sein, die Entwickler haben dafür angeblich zig Millionen investiert."

79,99 Euro wandern über den Ladentisch.

Daheim: Auspacken, flugs ins Laufwerk der Spielkonsole legen und auf "Start" drücken. Es erscheint der Tagesschau-Sprecher:
  • "Zahl der Ebola-Toten steigt sprunghaft" [1]
  • "Schlechter Schutz vor Korruption" [2]
  • "Korrupte Eliten, islamistische Fanatiker" [3]
  • "Gezi-Aktivisten drohen lange Haftstrafen" [4]
  • "Von der Leyen sagt Ja zu Kampfdrohnen" [5]
  • "NSA könnte Zugriff auf Netze der Deutschen Telekom haben" [6]
  • "Liberias nationale Existenz ist bedroht" [7]
  • "Kobane steht vor einer Katastrophe" [8]
  • "IS-Terroristen enthaupten Briten" [9]
  • "Treibhausgase auf Rekord-Hoch" [10]
  • "IWF findet Banken noch viel zu schwach" [12]
"Was schaust du dir denn da an?" Toms Mutter hat ihrem Junior heimlich über die Schulter gelugt.

"Oh, Mam, ein ganz neues Videospiel. Der helle Wahnsinn. Hier, lies mal die Beschreibung."

"Hm, das hört sich ja schlimm an. Und warum guckst du dann Tagesschau anstatt zu spielen?"

"Mensch, die Tagesschau gehört doch zum Spiel. Das ist bloß das Intro, bestimmt kommt gleich der Sprung ins 22. Jahrhundert."

"Ja, gewiss", meint Toms Mutter noch, bevor sie sich halb amüsiert, halb besorgt wichtigeren Dingen zuwendet. "Die Spielbeschreibung stimmt haargenau, alles vollkommen realistisch. Man könnte fast meinen, das passiert wirklich. Aber zum Glück ist es bloß ein Videospiel."

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[1] Tagesschau vom 06.10.2014
[2] Tagesschau vom 24.04.2014
[3] Tagesschau vom 15.06.2014
[4] Tagesschau vom 12.06.2014
[5] Tagesschau vom 02.07.2014
[6] Tagesschau vom 14.09.2014
[7] Tagesschau vom 10.09.2014
[8] Tagesschau vom 02.10.2014
[9] Tagesschau vom 04.10.2014
[10] Tagesschau vom 09.09.2014
[11] Tagesschau vom 08.10.2014