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16. Oktober 2014, von Michael Schöfer
Dummheit tötet


Was sagt Ihnen Pearl Harbor? Falsche Antwort: "Das war, als die Vietnamesen einen Hafen bombardierten und den Vietnamkrieg begannen." Richtige Antwort: Es waren die Japaner und sie zogen die USA im Jahr 1941 mit dem Bombardement des Flottenstützpunkts auf Hawaii in den Zweiten Weltkrieg hinein. Der Vietnamkrieg hingegen fand zwischen 1955 und 1975 statt.

Amerikanischer Bürgerkrieg? Wann war der nochmal? Das wissen in Amerika weniger als die Hälfte der Jugendlichen. Richtige Antwort: Von 1861 bis 1865. Übrigens der Krieg mit den höchsten amerikanischen Verlusten - höher als im Zweiten Weltkrieg und im Vietnamkrieg.

In den USA meint jeder vierte 17-Jährige, Kolumbus habe die Neue Welt erst nach 1750 entdeckt. Richtige Antwort (falls wir von der skandinavischen Entdeckung im 10. Jahrhundert absehen): 1492.

Wer war Adolf Hitler? Falsche Antwort: Entweder ein Waffenhändler, deutscher Kaiser oder Österreichs Ministerpräsident. Viele sind sich da nicht sicher. Richtige Antwort: Ehemaliger deutscher Reichskanzler und der größte Massenmörder aller Zeiten.

"Zwei Drittel der Studenten können nicht mehr die drei Gewalten ihrer Republik nennen." [1] Wohlgemerkt: Studenten, keine Hilfsarbeiter! Falsche Antwort: Facebook, McDonalds und Google. Richtige Antwort: die Legislative (= der Kongress, oder genauer: das Repräsentantenhaus und der Senat), die Exekutive (der Präsident und seine Administration) sowie die Judikative (die Justiz).

"90 Prozent der Amerikaner glauben nicht an Evolutionstheorie." [2] Verständlich, denn anhand von Bibeldaten kann man leicht ausrechnen, dass die Welt am 23. Oktober 4004 v. Chr. von Gott erschaffen wurde. (Achtung: Ironie!)

Angeblich wissen in den USA ein Viertel der Erwachsenen nicht, dass sich die Erde um die Sonne dreht. [3] Für eine Nation, die Astronauten auf den Mond geflogen hat, erstaunlich. Mit Hilfe der Religion wären die Amerikaner dort nie hingekommen.

Ursachen respektive Symptome: Von den Spitzenunis abgesehen ein miserables Bildungssystem, sinkende Leselust und -fähigkeit, schrumpfende Auflagen der Zeitungen, Dominanz von TV und Internet, ökonomischer Niedergang der Mittelschicht. Doch wer jetzt dünkelhaft über die Amerikaner spottet, sollte vorsichtig sein: Eine Umfrage unter den Deutschen käme vielleicht zu ähnlichen Ergebnissen. Und bekanntlich sind uns die Amerikaner in der gesellschaftlichen Entwicklung lediglich 10 oder 20 Jahre voraus.

Wie auch immer, im Zusammenhang mit Ebola wird jedenfalls klar, dass Dummheit sogar lebensgefährlich ist. Dummheit tötet, und zwar ganz konkret.

Was ist passiert? Zwei Krankenschwestern des in Dallas verstorbenen Ebola-Patienten haben sich ebenfalls infiziert, man sucht aber noch nach dem Grund. Pflegepersonal gehört zweifellos zur Risikogruppe, die normalerweise unter verstärkter Überwachung steht. Eine der Krankenschwestern bemerkte, dass sie Fieber hat. Sie nahm daraufhin mit der US-Gesundheitsbehörde Kontakt auf und schilderte ihren Zustand. Trotzdem hatte die Gesundheitsbehörde nichts gegen einen Inlandsflug von Cleveland nach Dallas einzuwenden. Folge: Jetzt muss man 132 Passagiere und deren Kontaktpersonen ausfindig machen. [4]

Wie kann man bloß so dumm sein? Das hätte selbst ein Laie wissen müssen, dass sich in diesem Fall der Flug mit einer Passagiermaschine verbietet. Von einem Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde ganz zu schweigen. Solch haarsträubende Fehler sind absolut unerklärlich. Oder hat die grassierende Bildungsarmut inzwischen auch die US-Behörden infiltriert?

Seit Ausbruch der Ebola-Epidemie sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation mindestens 8.997 Menschen erkrankt und 4.493 gestorben (Stand: 15. Oktober 2014) [5] Das ist eine Sterberate von 49,9 Prozent. In Wahrheit dürften die Zahlen wegen der Dunkelziffer wesentlich höher sein. Je nach Ebolavirus kann die Letalitätsrate bis zu 90 Prozent betragen.

Bei einer Inkubationszeit von bis zu 21 Tagen und einer noch nicht en détail geklärten Ansteckungsfähigkeit können sich zahlreiche Kontaktpersonen infizieren. "Eine Übertragung von Mensch-zu-Mensch ist durch den direkten Körperkontakt mit an Ebolafieber erkrankten oder verstorbenen Menschen oder durch den Kontakt mit deren Blut oder anderen Körperflüssigkeiten möglich. (…) Ebolaviren können außerhalb des Körpers einige Tage infektionsfähig bleiben. Eine Ansteckung über Gegenstände wie Spritzen, die mit infektiösen Körperflüssigkeiten kontaminiert sind, ist daher möglich. Auf Oberflächen, die dem Sonnenlicht ausgesetzt oder getrocknet sind, überlebt das Virus allerdings nur wenige Tage. (…) Bei genesenen Patienten konnten Ebolaviren noch drei Monate nach Beginn der Symptomatik in der Samenflüssigkeit nachgewiesen werden." [6] Die Anfangszeit, in der die Epidemie noch in den Griff zu bekommen gewesen wäre, ist offenbar vorbei. Da die Kontaktpersonen von Infizierten ihrerseits weitere Kontaktpersonen anstecken, breitet sich die Seuche mit einem Schneeballeffekt aus. Am Ende könnte sie sich zu einer unkontrollierbaren und alles hinwegfegenden Lawine aufschaukeln.

Man sollte sich vor der Verbreitung von Schreckensszenarien hüten, aber Experten rechnen mit einem rasanten Anstieg der Erkrankten. Im Dezember werden es laut WHO pro Woche bis zu 10.000 Neuinfektionen sein. [7] Die US-Seuchenschutzbehörde kommt in ihren Berechnungen auf bis zu 1,4 Millionen Infizierte Ende Januar 2015. [8] Spätestens dann laufen konventionelle Maßnahmen ins Leere. In Deutschland gibt es auf Sonderisolierstationen lediglich 50 Betten, es seien aber "höchstens zwanzig Fälle auf höchster Schutzstufe kontrolliert zu bewältigen". [9] Möglicherweise ist die Epidemie nur noch durch eine Impfung einzudämmen, es gibt aber bislang noch keinen Impfstoff. Ob er rechtzeitig kommt, ist fraglich.

Es könnte durchaus sein, dass sich Ebola von einer lokal begrenzten Epidemie zur kontinentübergreifenden Pandemie entwickelt. Dann würde die Seuche den Schrecken, den der sogenannte Islamische Staat verbreitet, in den Schatten stellen. Sollte Anfang nächsten Jahres immer noch kein Impfstoff zur Verfügung stehen und die Zahl der Infizierten in Afrika tatsächlich die Millionengrenze überschreiten, werden die Regierungen wohl oder übel zu drastischen Maßnahmen greifen müssen. Wahrscheinlich wird man den Verkehr von und nach Afrika stark einschränken oder sogar ganz unterbinden, um das unkontrollierte Überschwappen der Seuche auf andere Kontinente zu verhindern. Was selbstverständlich entsprechende Auswirkungen auf die ohnehin angeschlagene Weltwirtschaft hätte.

Wurde auch hier am falschen Ende gespart? "Francis Collins, Chef des amerikanische National Institutes of Health (NIH) sagte, zehn Jahre stagnierender Ausgaben habe die Forschung in jeder Hinsicht gebremst - darunter auch die Forschung an Impfungen gegen Infektionskrankheiten. Das Ergebnis sei, dass die internationale Gemeinschaft nun einer wohl vermeidbaren humanitären Katastrophe hinterherhinke. Wir könnten schon lange einen Impfstoff haben." [10] Da hatten einige mal wieder bloß die Kosten im Blick. Auch diese aufs rein Ökonomische fixierte Sicht ist eine weit verbreitete Form der Dummheit.

"Russland ist laut Vize-Regierungschefin Olga Golodez gegen das tödliche Ebola-Virus, dem in Afrika bereits Tausende Menschen zum Opfer gefallen sind, sicher geschützt." Das Land komme "bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Ebola gut voran." [11] Na, dann hoffen wir mal, dass es sich hierbei nicht um die übliche Propaganda handelt. Wer den Impfstoff entwickelt, ist egal. Hauptsache, es steht überhaupt einer in absehbarer Zeit zur Verfügung.

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[1] Die Welt vom 01.04.2008 (für alle vorangehenden Zitate und Angaben)
[2] Hamburger Abendblatt vom 18.02.2014
[3] USA Today vom 15.02.2014
[4] FAZ.Net vom 16.10.2014
[5] WHO, Global Alert and Response, Situation reports: Ebola response roadmap, PDF-Datei mit 1,5 MB
[6] Robert Koch Institut, Übersicht Ebolafieber, Stand 15.10.2014
[7] tagesschau.de vom 14.10.2014
[8] Die Zeit-Online vom 23.09.2014
[9] FAZ.Net vom 16.10.2014
[10] The Huffington Post vom 14.10.2014
[11] Stimme Russlands vom 08.10.2014