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11. November 2014, von Michael Schöfer
Folgen einer verfehlten Drogenpolitik


In Mexiko sind die 43 im September verschleppten Studenten höchstwahrscheinlich tot, jedenfalls haben Mitglieder einer Drogengang zugegeben, sie ermordet und verbrannt zu haben. Als Drahtzieher bzw. Mittäter werden der Bürgermeister der Stadt Iguala, dessen Ehefrau sowie Beamte der kommunalen Polizei beschuldigt. Man kann dieses brutale Verbrechen nicht einmal als Spitze des Eisbergs bezeichnen, denn der Drogenkrieg in Mexiko wird in aller Öffentlichkeit geführt. Leichenfunde sind in dem mittelamerikanischen Land an der Tagesordnung, nicht selten wurden die Opfer zuvor grausam gefoltert. Seit 2006 sind dort Schätzungen zufolge mehr als 70.000 Menschen umgebracht worden, 26.000 weitere sind spurlos verschwunden und anscheinend ebenfalls tot.

"Das alles war stets bekannt. Und das alles hat aber zum Beispiel nicht einmal im Ansatz bewirkt, dass der Kokainkonsum in den angesagteren Kreisen der hippen Großstädte dieser Welt je mal als uncool gelten würde. Doch selten haben die Opfer und Täter so prägnante Gesichter wie hier und jetzt, bei den toten und verbrannten jungen Männern", schreibt die Süddeutsche. [1] Richtig, diese Erkenntnis hat bislang nichts bewirkt. Doch meine Prognose lautet: Selbst dann, wenn in Mexiko in den nächsten Jahren noch einmal 70.000 Menschen - man muss es so drastisch formulieren - abgeschlachtet werden, wird der Kokainkonsum in den angesagten Kreisen der hippen Großstädte wohl kaum seine Attraktivität verlieren. So ist der Mensch: Es juckt hier im Westen nur eine Minderheit, was diesbezüglich in Mexiko oder andernorts passiert. Am wenigsten die Süchtigen. Wer hierzulande je ein T-Shirt für 4,95 Euro gekauft hat und dabei nicht an die verbrannten oder zerschmetterten Leiber der Näherinnen in Bangladesch gedacht hat, hält sich jetzt am besten mit ostentativer Empörung zurück.

Was ist für die Misere verantwortlich? Ganz ohne Zweifel die bittere Armut und die weit verbreitete Korruption in den Anbau- bzw. Transitländern, aber gewiss ebenso die Nachfrage in den reichen Staaten des Nordens. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts versucht man mit repressiven Maßnahmen den Drogenkonsum einzudämmen, besonders intensiv seit Anfang der siebziger Jahre, als der damalige US-Präsident Richard Nixon den "war on drugs" (Krieg gegen Drogen) ausrief. Herstellung, Handel und Konsum von Drogen wurde der Kampf angesagt. Die Vereinigten Staaten haben die höchste Inhaftierungsrate der Welt, nahezu die Hälfte der Insassen in den Justizvollzugsanstalten sitzt wegen Drogendelikten hinter Gittern, dennoch muss man den "war on drugs" für gescheitert erklären. Nichts, weder harte Strafen im Inland noch Militäroperationen im Ausland, haben am Drogenanbau und -konsum irgendetwas geändert. Die Repression hat bloß die Drogenkartelle immer reicher und gefährlicher werden lassen.

Es ist daher an der Zeit, die Drogenpolitik grundlegend zu ändern. Dem Krebsgeschwür ist offenkundig nicht mit dem Skalpell beizukommen, aber vielleicht mit der Legalisierung. Es soll hier gar nicht um die philosophische Frage gehen, ob der Staat dem Einzelnen überhaupt vorschreiben darf, ob und mit was sich der berauscht. Die Frage nach dem "Recht auf den Rausch" wird von mir also bewusst ignoriert, derlei mag man im Elfenbeinturm erörtern. Es interessiert mich auch nicht, was für die Gesellschaft schädlicher ist: der Alkoholkonsum oder das Rauchen eines Joints. Schließlich stelle ich unumwunden fest: Drogen, egal welche, sind aus ärztlicher Sicht zweifellos bedenklich. Mehr oder weniger - je nachdem, um welche Droge sich es handelt und mit welcher Intensität sie genommen wird. Doch repressive Maßnahmen haben uns in der Vergangenheit nicht geholfen. Und vermutlich werden sie auch künftig nicht helfen. Wir sollten deshalb das Problem pragmatisch als ein rein ökonomisches behandeln.

Die Nachfrage erzeugt bekanntlich das Angebot. Und wenn eine hohe Nachfrage auf ein knappes Angebot trifft, steigen logischerweise die Preise. Das heißt, weil die Süchtigen kriminalisiert werden und Drogen illegal sind, verdienen sich die Drogenkartelle in den Anbau- bzw. Transitländern dumm und dämlich. Der weltweite Umsatz im Drogenhandel wird auf jährlich 320 Mrd. US-Dollar geschätzt. [2] Die Gewinnspannen sind gigantisch, sie sollen ca. 2.500 Prozent betragen. [3] Kein Wunder, wenn mit allen Mitteln darum gekämpft wird, einen erklecklichen Anteil am Kuchen zu ergattern.

Den Drogenkonsum zu legalisieren macht, auch wenn nebenbei intensive Aufklärungspolitik betrieben wird, den Gebrauch zwar nicht unbedingt kleiner. Aber wird er durch die Freigabe größer? "Im internationalen Vergleich stehen die Niederlande mit ihrer Drogenpolitik nicht schlecht da. 3,1 Prozent der Bevölkerung galten 2008 als drogenabhängig. In Großbritannien (10,2 Prozent), Spanien (8,5 Prozent) oder Italien (7,9 Prozent) war der Anteil der Menschen, die einen problematischen Umgang mit Drogen hatten, wesentlich höher. Bei Heroin und Kokain liegen die Niederlande laut Drugmonitor 2012 im europäischen Mittelfeld, allerdings gibt es viel mehr Schüler im Alter von 15 und 16, die Cannabis konsumieren - nämlich 14 Prozent versus sieben Prozent im europäischen Durchschnitt. Laut einer Studie des Open Society Institute ist der Anteil derer, die je in ihrem Leben Marihuana probiert haben, in den Niederlanden mit 25 Prozent deutlich niedriger als in den USA (mehr als 40 Prozent) und Großbritannien (mehr als 30 Prozent)." [4] In den Niederlanden ist die Drogensterblichkeit geringer als in Deutschland, laut dem "World Drugs Report 2012 der UNODC liegt sie mit 12,5 Drogentoten pro eine Million Einwohner auf einem der hinteren Ränge in Europa. In Deutschland sind es 22,7 Drogentote pro eine Million Einwohner". [5] Mit anderen Worten: Ängste, wir würden nach der Legalisierung im Drogensumpf versinken, sind unbegründet.

Wenn man den Anbau weicher Drogen erlaubt und harte Drogen kontrolliert an Süchtige abgibt, kann das die Drogenkartelle zerschlagen. Nicht militärisch, sondern über den Preis. Wer legal an fast jeder Ecke Drogen kaufen kann, wird für das gleiche Produkt beim Dealer kaum das Zehn- oder Zwanzigfache bezahlen. Die lukrativen Einnahmequellen der Drogenkartelle könnten mit einem Mal versiegen. Trefft sie dort, wo sie am verwundbarsten sind: beim Geld. Sicherlich, es gibt jede Menge Argumente, es weiterhin mit harter Repression zu versuchen. Aber warum soll das, was in den letzten Jahrzehnten trotz enormer Anstrengungen nicht geklappt hat, plötzlich funktionieren? Es ist eine Illusion, dadurch den Drogenkonsum wirksam eindämmen zu können. Und Länder wie Mexiko werden die kriminellen Drogenbanden nie besiegen, solange diese über praktisch unbegrenzte finanzielle Mittel verfügen. Politiker, Militärs und Polizisten lassen sich kaufen - doch nur, wenn man Geld hat.

Die 43 mexikanischen Studenten kann keiner mehr zum Leben erwecken. Allerdings sollte ihr Tod Anlass sein, in der Drogenpolitik endlich eine radikale Wende einzuleiten. Falls das nicht geschieht, werden die grausamen Verbrechen wohl nie aufhören.

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[1] Süddeutsche vom 10.11.2014
[2] Auswärtiges Amt vom 31.03.2014, Drogenbekämpfung
[3] Pharmazeutische Zeitung-Online vom August 2013
[4] Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Drogenpolitik in den Niederlanden
[5] Spiegel-Online vom 28.01.2013