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23. November 2014, von Michael Schöfer
Der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt


Ich lese gerade die Josephus-Trilogie von Lion Feuchtwanger, die es neuwertig bedauerlicherweise nur noch als E-Book zu kaufen gibt (die drei Taschenbuch-Bände aus dem Jahr 1982 habe ich in einem gut bestückten Antiquariat in Heidelberg erstanden). Feuchtwanger schildert darin das Leben des jüdisch-römischen Historikers Flavius Josephus, dem wir u.a. die Geschichte des jüdischen Krieges (66-70 n. Chr.) verdanken, welcher mit der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Zweiten Tempels endete. Heute steht dort der Felsendom, eines der höchsten islamischen Heiligtümer. In jener Zeit war Judäa eine Provinz am östlichen Rand des Römischen Reiches. Es kam, wozu es in militärisch besetzten Gebieten nahezu zwangsläufig kommt (das moderne Israel müsste das eigentlich am besten wissen), zum Aufstand der Juden gegen die Römer. Trotz spektakulärer Anfangserfolge hatte das kleine jüdische Volk der militärischen Überlegenheit Roms, der Supermacht der Antike, nichts entgegenzusetzen.

Feuchtwangers Roman-Trilogie verzichtet zwar auf historische Genauigkeit, spiegelt aber dennoch die damaligen Geschehnisse wider. Frappierend: Vieles von dem, was Feuchtwanger schildert, kommt einem, wenn man die aktuellen Nachrichten aus Israel verfolgt, bekannt vor. Dieser Fanatismus, dieses sture Festhalten an Illusionen, das eklatante Verkennen von Realitäten, die schier unbeschreiblichen Grausamkeiten. Es erscheint einem fast so, als gäbe es eine durchgezogene Linie von 70 n. Chr. bis ins Jahr 2014. Historisch Bewanderte wissen natürlich um die vielen Brüche, die es zwischenzeitlich gab.

Titus, der spätere römische Kaiser, soll das zu Ende bringen, was sein Vater, Vespasian, begonnen hat, aber nicht mehr vollenden konnte: die Eroberung Jerusalems. Vermutlich weil Titus eine Beziehung mit der jüdischen Prinzessin Berenike begann, wollte er anfangs Jerusalem und den Tempel schonen. Die römischen Belagerer boten den jüdischen Einwohnern der Stadt Verhandlungen an und machten ihnen dabei ein attraktives Angebot. Bei Feuchtwanger liest sich das so: "Die Römer (…) verpflichten sich, im ganzen Land den früheren Zustand herzustellen. Sie garantieren das Leben aller Zivilpersonen in der belagerten Stadt, die Autonomie des Tempeldienstes. Ihre einzige Forderung ist, dass die Garnison sich auf Gnade und Ungnade ergibt. (…) Was habt ihr zu verlieren, wenn ihr die Stadt übergebt? Was habt ihr zu gewinnen, wenn ihr es nicht tut? Übergebt ihr die Stadt, dann bleibt die Zivilbevölkerung, der Tempel, der Dienst Jahves gerettet. Muss die Stadt aber mit der Waffe erstürmt werden, dann ist alles verloren, Armee, Bevölkerung, Tempel. (…) Schickt die Armee zu den Römern, lasst einige büßen statt aller." (Band I, Seite 362)

Die Juden lehnten das für die damalige Zeit äußerst großzügige Angebot brüsk ab. In der Stadt regierten Fanatiker, die jeden Kompromiss hassten. So nahm das Unglück seinen Lauf: Jerusalem wurde erobert und der Tempel, das Allerheiligste, für immer zerstört. 1,1 Millionen Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein. Wären die Juden vernünftig gewesen, hätten sie dem übermächtigen Gegner die Stadt zu den angebotenen Bedingungen übergeben. Doch wo die Emotionen hochkochen, kann sich die Vernunft kein Gehör mehr verschaffen. Dieses Muster ist beileibe kein spezifisch jüdisches, es ist vielmehr ein zutiefst menschliches und wird in den meisten Kriegen beobachtet. [1] Deshalb sind sich Kriege, vom Kampf um Troja bis zu den aktuellen Wirren in Nahost, so ähnlich.

Gegenwärtig liest man immer öfter, der israelisch-palästinensische Konflikt entwickle sich zu einem Religionskrieg. Ganz so, als ob er das nicht schon immer gewesen wäre. Ausgerechnet das heute von den Palästinensern bewohnte Westjordanland (Judäa und Samaria) ist nämlich das historische Kerngebiet des biblischen Israel. Für national-religiöse Juden ist es das "Gelobte Land", das Gott Abrahams Nachkommen für alle Zeiten versprochen haben soll. [2] Nicht ohne Grund gibt es dort immer mehr radikale jüdische Siedler, und nicht ohne Grund ist deren Siedlungstätigkeit das größte Friedenshindernis. Für viele Israelis ist der Verzicht auf Judäa und Samaria völlig undenkbar und nicht verhandelbar. In Israel wird der politische Einfluss derjenigen, die so denken, immer größer. Da ist es kein Trost, wenn auf der Gegenseite der Einfluss der islamischen Extremisten ebenfalls wächst. Ein positiver Rückkopplungseffekt. Oder, wenn Sie so wollen, ein Teufelskreis.

Wer auf unrealistischen Maximalpositionen beharrt und jeden fairen Kompromiss konsequent ablehnt, kann - wie die Geschichte vielfach belegt - alles verlieren. Weder die Israelis noch die Palästinenser werden sich in Luft auflösen oder sang- und klanglos aus der Region verschwinden. Wer den einzig vernünftigen Ausweg, die Zweistaatenlösung, immer wieder vereitelt, erntet den permanenten Krieg. Dies gilt, wohlgemerkt, für beide Seiten. Die Radikalisierung nimmt hüben wie drüben zu, es droht deshalb ein Desaster ohnegleichen. Mir scheint, als beschreibe Lion Feuchtwangers Trilogie keine lange zurückliegenden Ereignisse, sondern die Gegenwart.

Masada symbolisiert den Selbstbehauptungswillen Israels, dort wurden lange Zeit die Rekruten der Armee vereidigt. Motto: "Masada darf nie wieder fallen." 73/74 n. Chr. belagerten die Römer die Felsenfestung am Toten Meer. Auch davon berichtet Flavius Josephus. Als die Lage aussichtslos wurde, wählten 960 Männer, Frauen und Kinder den Freitod. Die Belagerer fanden nur noch ihre Leichen. Ein ruhmvoller Tod sei besser als ein Leben im Elend. Mag sein, keiner wird gerne versklavt. Doch ist das wirklich ein Vorbild für das moderne Israel? Die Verteidiger Masadas gehörten zu den Sikariern (Messerstecher, Messerschwinger, Dolchträger), einer radikalen Gruppe, die religiös-politische Attentate beging. Zweifelhafte Widerstandskämpfer, die man heutzutage als Terroristen bezeichnen würde.

Masada war sozusagen der Nachhall des jüdischen Krieges, doch ohne die fatale Kompromisslosigkeit - siehe Jerusalem - wäre er vielleicht ganz anders ausgegangen. Anders ausgedrückt: Die Situation hätte nicht unabwendbar in den kollektiven Selbstmord führen müssen. Es gibt auch für das moderne Israel vernünftige Alternativen. Doch solange die politisch Verantwortlichen auf dem angeblich von Gott versprochenen "Gelobten Land" beharren, sind alle Auswege aus dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt versperrt. Was zeichnet große Politiker aus? Weitsicht, die Fähigkeit über den Tellerrand hinauszublicken, Prinzipienfestigkeit gepaart mit Einfühlungsvermögen, Bescheidenheit und - falls notwendig - das Zurückstellen persönlicher Interessen, Mitmenschlichkeit. Bedauerlicherweise sind solche Persönlichkeiten rar - vor allem in Nahost. Israel ist da leider keine Ausnahme.

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[1] siehe Gedenkt den Athenern vom 01.01.2013
[2] siehe Der Kampf der Landkarten vom 26.06.2011