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23. Dezember 2014, von Michael Schöfer
Bloß der erste Schritt eines Marathonlaufs


Der erste Schritt zur Besserung ist die Selbsterkenntnis. Und diesbezüglich haben wir soeben zwei bemerkenswerte Vorgänge erlebt: Die Veröffentlichung des CIA-Folterberichts durch den US-Senat und die Kritik von Papst Franziskus an der Kurie, dem Leitungs- und Verwaltungsorgan des Heiligen Stuhls. Beide, die Supermacht und die Kirche, brauchen dringend Reformen. Die eigentliche Frage ist jedoch, welche Konsequenzen aus der Selbsterkenntnis gezogen werden, denn nur dann ist es auch ein Akt der Selbstreinigung.

Der Mensch ist schwach: Die Franziskaner geloben zwar Armut und Bescheidenheit, sind aber dennoch in dubiose Finanzgeschäfte verwickelt. Offenbar hat sich der Orden bei der Investition in ein Luxushotel verhoben. Die Presse berichtet zudem über Konten in der Schweiz, mit deren Hilfe Geld in den Drogen- und Waffenhandel geflossen sei. [1] Schließen sich Armut und Luxus nicht aus? Genaugenommen schon, aber manche sind anscheinend bei der Auslegung des Armutsgelübdes etwas großzügiger. Allein die Feststellung, dass die Franziskaner, ursprünglich ein Bettelorden, überhaupt Kapital zum Investieren besitzen, sollte zu denken geben. Nur ein Beispiel für die von vielen praktizierte Heuchelei, anderen Wasser zu predigen, aber selbst Wein zu saufen. In Bezug auf die eigenen Sünden hat sich die Kirche lange äußerst nachsichtig gezeigt. Man darf daher gespannt sein, ob sie demnächst über andere milder urteilt. Wie rigoros die Kirche nach wie vor ihre Macht auszuüben gedenkt, hat erst kürzlich der Chefarzt eines kirchlichen Krankenhauses erfahren müssen. Weil er sich scheiden ließ und erneut heiratete, wurde er entlassen. Die Kirche sollte endlich auf ihre Privilegien verzichten, nur so kann sie Glaubwürdigkeit gewinnen. Es gibt viel zu tun, die harsche Kritik von Papst Franziskus ist bloß der erste Schritt eines Marathonlaufs.

Der Mensch ist schlecht: Die USA prangern vor dem UN-Sicherheitsrat die Menschenrechtsverletzungen der nordkoreanischen Regierung an, beklagen dort u.a. systematische Folter und Hinrichtungen. "Diktator Kim gehöre vor den internationalen Gerichtshof, sagte US-Botschafterin Samantha Power." [2] Das ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Erstens existierte bekanntlich lange Zeit im Verborgenen ein von den USA betriebenes Folternetzwerk. Ob man den Beteuerungen, diese Praktiken seien inzwischen aufgegeben worden, Glauben schenken darf, bleibt offen. Ich hege da gewisse Zweifel. Wie auch immer, von einer Anklage der Folterer und ihrer Befehlsgeber (George W. Bush, Dick Cheney & Konsorten) hat jedenfalls niemand etwas gehört. Zweitens erkennen die USA den Internationalen Strafgerichtshof, dem sie Kim Jong-un gerne überstellen würden, gar nicht an. Übrigens ebenso wenig wie China, Kuba, Nordkorea, Russland oder Saudi-Arabien. Die westliche Führungsmacht ist wahrlich in bester Gesellschaft. Drittens tötet US-Präsident Obama mit seinem Drohnenkrieg viele Unschuldige, darunter sogar Frauen und Kinder. Ziel der Angriffe ist, Terrorverdächtige ohne Anklage oder Prozess zu liquidieren. Außergerichtliche Hinrichtungen nennt man das für gewöhnlich. Schwere Rechtsverstöße, die allerdings ebenfalls ohne Folgen blieben. Auch hier ist bislang keine Anklage erhoben worden. Die USA nehmen sich weiterhin das Recht heraus, nach eigenem Gusto über Leben oder Tod zu entscheiden.

Um nicht missverstanden zu werden: Das nordkoreanische Regime ist abscheulich und gehört tatsächlich in Den Haag vor Gericht gestellt. Aber sollte nicht gleiches Recht für alle gelten? Dass Amerikaner quasi über dem Gesetz stehen, ist nicht hinnehmbar. Für Kim Jong-un, George W. Bush und Barack Obama muss derselbe Maßstab gelten. Doch die Messlatte, die die Vereinigten Staaten an Nordkorea anlegen, unterscheidet sich grundlegend von der, die sie für sich selbst gelten lassen. Die USA müssen auf ihre, ihnen angeblich zustehenden Sonderrechte verzichten, nur so können sie wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen. Es gibt viel zu tun, die Kritik von Samantha Power ist bloß der erste Schritt eines Marathonlaufs.

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[1] Die Zeit-Online vom 19.12.2014
[2] Blick.ch vom 23.12.2014