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06. Januar 2015, von Michael Schöfer
Kartoffeln statt Döner?


Es ist gut, dass die selbsternannten Retter des Abendlandes darüber Bescheid wissen, was nicht zum Abendland gehört. Türken jedenfalls nicht, das ist schon mal klar. Muslime natürlich auch nicht, das ist ebenso klar. Halt alles, was irgendwie fremd ist. Auf der Kögida-Demo, das ist der Kölner Ableger von Pegida, hat ein Demonstrant ein Plakat "Kartoffeln statt Döner!!!" hochgehalten. [1] Absolut richtig, denn der Kulturkampf findet auf allen Ebenen statt. Schließlich müssen wir das, was das Abendland an Werten hervorgebracht hat, erhalten und an unsere Kindeskinder weitergeben. Der Döner, dieses orientalische Importgewächs, droht unsere traditionellen Speisen zu verdrängen. Dönerläden finden sich inzwischen überall, das ist im Grunde eine kulinarische Überfremdung. Dagegen müssen wir uns wehren, die Liebe zum Abendland geht nämlich auch durch den Magen. Und was wäre da besser geeignet als die urdeutsche Kartoffel, das landwirtschaftliche Symbol des Abendlandes? Eine Feldfrucht, womit schon unsere Geistesgrößen (Goethe, Schiller, Kant und Beckenbauer) von klein auf gefüttert wurden, darf niemals vom Mittagstisch verschwinden.

Bloß blöd, dass die Kartoffel gar nicht zum Abendland gehört, denn sie kommt aus Südamerika. Sie wurde ursprünglich "in den Anden vom westlichen Venezuela bis nach Argentinien und der Insel Chiloé bzw. dem Chonos-Archipel im Süden von Chile" kultiviert, die ältesten bekannten Spuren schätzt man auf ein Alter von 13.000 Jahren. Spanische Conquistadoren haben sie dann nach Europa gebracht (der erste Beleg für ihre Ankunft auf dem spanischen Festland stammt aus dem Jahr 1573). Übrigens ebenso wie Tomaten, Paprika und Mais.

Die rein abendländische Küche wäre verdammt eintönig und geschmacklos: Zucker gab es erstmals 8.000 v. Chr. in Polynesien, die europäische Zuckerrübe wurde erst 1747 entdeckt. Unser morgendlicher (in gewissem Sinne auch morgenländischer) Kaffee kommt wahrscheinlich aus dem Südwesten Äthiopiens und gelangte von dort nach Arabien. Reis, Tee sowie die meisten Gewürze kommen aus Asien, der Kakao aus Süd- bzw. Mittelamerika. Bei der Nudel weiß man es nicht so genau, sie könnte aus China stammen, aber es soll bereits im antiken Griechenland Nudelgerichte gegeben haben. Die Spuren des Roggen kann man bis nach Nordsyrien (6.600 v. Chr.) zurückverfolgen, Weizen findet sich zuerst 7.800 v. Chr. und Gerste sogar 15.000 v. Chr. im Vorderen Orient. Die Kunst des Brotbackens erfanden vor über 5.000 Jahren die Ägypter. Achtung: Alles Länder, aus denen heute Muslime kommen! Der Tabak stammt genauso wenig aus dem Abendland, aber der wird ja nicht gegessen, sondern nur geraucht. Und im Restaurant bezahlen wir mit Geldscheinen, auf denen indisch-arabische Ziffern stehen. Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Plakate schreiben wir mit einer Schrift, deren Ursprünge im Orient zu finden sind. Selbst die Mathematik erlebte ihre erste Blüte in Mesopotamien, Indien und China.

Zu uns, den Abendländern, sind all diese Sachen entweder durch friedlichen Handel oder kriegerische Raubzüge gekommen. Vieles davon hat man kopiert und fortentwickelt - ganz so, wie es heutzutage die Chinesen mit unseren Industrieprodukten machen. In der Welt hat es schon von jeher einen regen Austausch gegeben: Waren, Wissen, Ideen und Menschen. Das hat sich als äußerst fruchtbar erwiesen, isolierte Völker sind deshalb auch meist rückständig. Das haben die selbsternannten Retter des Abendlandes anscheinend vollkommen verdrängt. Nicht einmal die berühmt-berüchtigte Currywurst ist abendländisch, denn das Currypulver kommt aus Indien. Okay, man muss keinen Döner essen. Man muss ihn noch nicht einmal mögen. Aber ausgerechnet die Kartoffel als abendländische Alternative zu präsentieren, ist offenkundig ziemlich dumm. Ich freue mich immer wieder, wenn sich jemand selbst entlarvt. Aber wenn das das geistige Niveau ist, auf dem sich Pegida & Co. bewegen, dann gute Nacht...

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[1] Tagesschau vom 05.01.2015, 20:00 Uhr, zu sehen nach 8:31 Min.