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09. Januar 2015, von Michael Schöfer
Es gibt noch viel zu tun


Der Terroranschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" beschäftigt die Medien enorm, aber die Öffentlichkeit leider nur zum Teil. Ich sage hier bewusst "nur zum Teil", denn außerhalb Frankreichs hat der Anschlag zwar Bestürzung verursacht, aber ebenso erschreckend ist die offenkundige Lethargie der Bevölkerung. Viele scheinen den Wert der Presse- und Meinungsfreiheit zu verkennen - und damit die Bedeutung dieses Verbrechens. Die Presse- und Meinungsfreiheit ist nämlich das Fundament, auf dem unsere Demokratie ruht. "Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ist als unmittelbarster Ausdruck der menschlichen Persönlichkeit in der Gesellschaft eines der vornehmsten Menschenrechte überhaupt. Für eine freiheitlich-demokratische Staatsordnung ist es schlechthin konstituierend", stellte das Bundesverfassungsgericht bereits 1958 fest. [1] Anders ausgedrückt: Ohne Meinungsfreiheit keine Demokratie. Deshalb wäre es fatal, wenn sich die Presse künftig aus Angst vor Anschlägen der Selbstzensur unterwerfen würde (die berühmt-berüchtigte Schere im Kopf).

Je suis Charlie, ich bin Charlie: Am 8. Januar versammelten sich in Heidelberg lediglich 40 Menschen zur Mahnwache [2], in Mannheim waren es laut Presse "mehr als 50" (meiner persönlichen Einschätzung nach ungefähr 100) [3]. In Frankfurt am Main kamen immerhin rund 400 zusammen [4], im südbadischen Freiburg ebenfalls 300 bis 400 [5]. Man hat den Eindruck, hierzulande interessiert es die meisten einfach nicht. Sind sie schon zu abgestumpft? Oder haben sie "wichtigere" Dinge zu tun, etwa zu shoppen? Zum Vergleich: In Paris gedachten auf dem Place de la République noch am Abend des Anschlags mindestens 15.000 Menschen der Opfer und bekannten sich obendrein zu Demokratie und Pressefreiheit. [6] Mannheim hat fast 300.000 Einwohner, schätzungsweise 23.000 davon sollen Muslime sein. Es wäre schön gewesen, wenn sich wenigstens tausend an der Mahnwache beteiligt hätten. Und es wäre auch eine nette Geste gewesen, wenn auf diese Weise möglichst viele Muslime klar gemacht hätten, dass die Terroristen nicht in ihrem Namen handeln. Es muss sich offenbar noch viel ändern.

Die muslimischen Gemeinden und Vereine in Mannheim haben sich deutlich vom Terrorakt distanziert. "'Ich bedauere, dass das in Frankreich passiert ist. Das sind aus meiner Sicht keine Menschen, die so etwas machen, sondern Terroristen und Durchgedrehte', sagt Bilal Dönmez. Er ist Vorsitzender der DITIB-Türkisch-Islamische Gemeinde zu Mannheim. (…) Dönmez ist wütend darüber, 'dass sich solche Leute auf den Islam berufen'. Denn der Islam sei eine friedliche Religion, 'der Koran schreibt ein friedliches Zusammenleben vor'." [7] Man muss in der Tat aufpassen, die Mehrheit der Muslime nicht mit den Terroristen in einen Topf zu werfen. Jetzt alle über einen Kamm zu scheren ist weder gerechtfertigt noch hilfreich. Sicherlich sind die allermeisten Muslime ebenso friedliebend wie die übrige Bevölkerung. Wäre es anders, sähe es in Deutschland ganz anders aus.

Dennoch darf man nicht verschweigen, dass die Frage, ob der Islam überhaupt mit der Demokratie vereinbar ist, nach wie vor unbeantwortet bleibt. In den Staaten mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit ist die Demokratie bislang die absolute Ausnahme, und selbst dort (Indonesien, Tunesien, Türkei) steckt sie noch in den Anfängen oder ist fragil. Dass der Islam eine friedliche Religion ist, würde man gerne glauben, aber im Koran finden sich genug Stellen, die anders ausgelegt werden können. Genau darauf berufen sich die Terroristen. Ob nun religionswissenschaftlich zu Recht oder zu Unrecht, ist faktisch unbedeutend. Übrigens ebenso wie im Christentum, denn auch in der Bibel finden sich entsprechend auslegungsfähige Stellen. Christen haben bekanntlich jahrhundertelang kein Problem damit gehabt, im Namen der Nächstenliebe zu morden, zu foltern und die Freiheit zu unterdrücken. Es kommt eben immer darauf an, was man daraus macht.

Zweifellos durchläuft der Islam zur Zeit ein Phase extremer Radikalisierung. Nach dem "Global Terrorism Index 2014" waren 2013 allein vier Terrorgruppen (al-Qaida, Taliban, Boko Haram, Islamischer Staat) weltweit für 66 Prozent aller Anschläge verantwortlich. Ausnahmslos Islamisten. Von den 50 schlimmsten Terroranschlägen des Jahres 2013 wurden nur drei von einer nichtislamistischen Terrorgruppe verübt (je einer von den Anti-Balaka-Milizen in der Zentralafrikanischen Republik, den Allied Democratic Forces im Kongo und Kriminellen in Mexiko). Bei zehn Anschlägen sind die Täter unbekannt, sie fanden allerdings ausschließlich in islamischen Ländern statt (Irak, Pakistan, Syrien). [8] Die Quote der Islamisten ist also recht hoch. Tendenz der Anschlagszahl: Stark steigend.

Das bedeutet: Nicht alle Terrorakte werden von Islamisten begangen, aber zumindest fast alle. Es ist eine äußerst schwierige Aufgabe herauszufinden, warum unter Muslimen überproportional viele Terroristen entstehen, schließlich wird keiner als solcher geboren. Und es ist eine noch viel schwierigere Aufgabe, etwas dagegen zu unternehmen. Dazu müssen nicht zuletzt die Muslime selbst den Hauptteil beitragen. Es gibt noch viel zu tun.

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[1] Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 15. Januar 1958, 1 BvR 400/51
[2] Rhein-Neckar-Zeitung vom 09.01.2015
[3] Mannheimer Morgen vom 09.01.2015
[4] op-online.de vom 09.01.2015
[5] Badische Zeitung vom 08.01.2015
[6] FAZ.Net vom 07.01.2015
[7] Mannheim Morgen vom 09.01.2015
[8] Vision of Humanity, "Global Terrorism Index 2014", Seite 50 und 84, PDF-Datei mit 4,2 MB