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11. Januar 2015, von Michael Schöfer
Ihr werdet unsere Demokratie nicht zerstören


Die Strafe für falsche Propheten und Verführer zum Götzendienst ist der Tod. Wörtlich steht geschrieben: "Der Prophet (...) oder der Träumer soll sterben, weil er euch gelehrt hat abzufallen von dem HERRN."

Doch nicht nur falsche Propheten sollen bestraft werden, sondern alle, die jemanden insgeheim zum Abfall vom Glauben anregen: "Wenn dich dein Bruder, deiner Mutter Sohn, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine Frau in deinen Armen oder dein Freund, der dir so lieb ist wie dein Leben, heimlich überreden würde und sagen: Lass uns hingehen und andern Göttern dienen (...), so willige nicht ein und gehorche ihm nicht. Auch soll dein Auge ihn nicht schonen, und du sollst dich seiner nicht erbarmen und seine Schuld nicht verheimlichen, sondern sollst ihn zum Tode bringen. Deine Hand soll die erste wider ihn sein, ihn zu töten, und danach die Hand des ganzen Volks. Man soll ihn zu Tode steinigen, denn er hat dich abbringen wollen von dem HERRN, deinem Gott."

Und der "richtige" Prophet droht seinen Gegnern unmissverständlich: "Habe ich erst die Klinge meines Schwertes geschliffen, um das Recht in meine Hand zu nehmen, dann zwinge ich meinen Gegnern die Strafe auf und denen, die mich hassen, die Vergeltung. Meine Pfeile mache ich trunken von Blut, während mein Schwert sich ins Fleisch frisst - trunken vom Blut Erschlagener und Gefangener, ins Fleisch des höchsten feindlichen Fürsten."

Muss man vor einer Religion, die so etwas propagiert, Angst haben? Meiner Ansicht nach ja. Allerdings stammen diese Zitate nicht, wie man angesichts der aktuellen Ereignisse vorschnell annehmen könnte, aus dem Koran oder von Mohammed, sondern sind der Bibel entnommen. Genauer: Altes Testament, 5. Buch Mose Kap. 13,6 und Kap. 13,7-11 und Kap. 32,41-42, Übersetzung: Luther 1984. [1] Irregeleitete Christen könnten sich also bei ihrem Handeln durchaus auf solche Befehle berufen. Ob das theologisch korrekt wäre, steht auf einem anderen Blatt, schließlich lautet das 5. Gebot "Du sollst nicht töten". Offenbar gab es damals ebenfalls schon spitzfindige Juristen, die eigentlich unvereinbare Positionen miteinander in Einklang zu bringen wussten.

Nun haben wir dem Christentum mittlerweile beigebracht, sich an die demokratischen Spielregeln zu halten. Ein langer und beschwerlicher Weg. Natürlich wäre es absurd zu behaupten, die Inquisition oder die Kreuzzüge hätten nichts mit dem Christentum zu tun gehabt. Und es mag Christen geben, die nach wie vor der Meinung sind, die Bibel stehe über dem Grundgesetz, doch zum Glück sind das nur Ausnahmen. Wichtig ist: Sie leben in einem gesellschaftlichen Umfeld, das die gewaltsame Durchsetzung religiöser Vorschriften ächtet. Solange er andere in Ruhe lässt und die weltlichen Gesetze beachtet, kann jeder glauben was er mag. Er darf kritisieren, muss freilich auch Kritik am Glauben akzeptieren. Und sogar Spott ertragen. Stichwort: Karikaturen.

"Terroristische Anschläge haben nichts mit dem Islam zu tun", behauptet hingegen Bundesinnenminister Thomas de Maizière. [2] Doch das ist in meinen Augen genauso absurd. Die Anschläge in New York, Madrid, London und Paris sollen nichts mit dem Islam zu tun haben? Taliban, Boko Haram, al-Qaida und der sogenannte Islamische Staat in keiner Beziehung zum Islam stehen? Das glaubt Thomas de Maizière bestimmt nicht einmal selbst. Natürlich haben sie etwas mit dem Islam zu tun. Dschihadisten berufen sich etwa gerne auf die 9. Sure: "Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf!" [3] Hinweis: In den vier heiligen Monaten Muharram, Radjab, Dhu 'l-Qa´da und Dhu'l-Hiddja herrschte Friedenspflicht. (Ich erspare mir, weitere einschlägige Fundstellen zu zitieren.)

Es kommt eben immer darauf an, wer den Koran wie auslegt. Was nützt es, wenn einige muslimische Rechtsgelehrte betonen, mit "Dschihad" (Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz) sei der innere Kampf gegen die Untugend gemeint, während viele ihn als militärischen Kampf gegen Andersgläubige interpretieren? Solange die zweite Interpretation nicht einmütig verworfen wird, finden Fanatiker immer eine Rechtfertigung für ihre Verbrechen, und sei sie auch noch so an den Haaren herbeigezogen. Das kennen wir ja zur Genüge: Eherne Grundsätze, wie etwa das Folterverbot, solange uminterpretieren, bis es den Verantwortlichen in den Kram passt. George W. Bush und Dick Cheney sind im Grunde vom gleichen Schlag wie die Dschihadisten - die einen hatten die mächtigste Armee der Welt zur Verfügung, die anderen bloß Kalaschnikows, Sprengstoffgürtel und Autobomben. Das Recht wurde bzw. wird von beiden gebrochen.

Manche sagen, der Islam sei eine Religion der Barmherzigkeit, beispielsweise der österreichische Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. "Er kritisiert es, wenn der Koran wörtlich ausgelegt wird, und wirbt für einen freundlichen, aufgeschlossenen Islam." Andere wiederum meinen, Khorchide sei als Islamgelehrter untragbar. Das attestiert ihm zumindest der hiesige Koordinationsrat der Muslime in einem Gutachten. Die von Khorchide propagierte "Theologie der Barmherzigkeit" beruhe "nicht auf einer eindeutig identifizierbaren wissenschaftlichen Methode" (…), "stattdessen scheint es sich um eine dem Zeitgeist entgegenkommende Lesart der Heiligen Schriften zu handeln." [4] Klingt wie Joseph Aloisius Ratzinger alias Benedikt XVI.: "Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich 'vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen', als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt." [5] Der "Zeitgeist" wird von allen Dogmatikern abgelehnt, darin sind alle Religionen gleich.

Die Muslime sind sich offenbar einig, dass sie sich uneinig sind. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich will damit keineswegs sagen, der Koordinationsrat propagiere Gewalt und wäre erst unter dem Eindruck des Anschlags auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" umgeschwenkt. Aber wenn es schon in unserem vergleichsweise liberalen Umfeld große Auslegungsprobleme gibt, unter welchem Druck müssen dann solche Diskussionen in einem gewalttätigen Umfeld stehen? Oft kommen sie gar nicht zustande, weil die vermeintlichen Abweichler um ihr Leben fürchten müssen. Ketzer, hießen sie früher in unseren Breiten. Nur zur Erinnerung: Als die Kirche noch mächtig war, endeten Ketzer häufig auf dem Scheiterhaufen.

Es darf dennoch keinen Generalverdacht gegen Muslime geben, auch wenn Rechtsextreme und Rechtspopulisten genau den erheben. Es ist ohnehin erstaunlich, wer sich jetzt plötzlich für bissige Satire begeistert und seine Liebe zur Meinungsfreiheit entdeckt. Leute, von denen man annehmen darf, dass sie es nur dann tun, wenn es ihnen nützt. Oder halten Sie etwa den Front National und Marine Le Pen für Verteidiger der offenen Gesellschaft? Vermutlich nicht. Wie auch immer, jedenfalls scheint bei Muslimen ein Klima vorzuherrschen, das Gewalt nicht wirksam genug unterbindet. Das ist der Nährboden, auf dem Terrorismus entsteht. Wir sollten uns, was das angeht, nicht aus falscher Rücksichtnahme in die Tasche lügen. Terror, gleich welcher Couleur, kommt nie aus dem luftleeren Raum. Insofern hat der salafistische Terrorismus selbstverständlich mit dem Islam als Religion zu tun.

Wie handeln? Keinesfalls weiteren Hass säen, vielmehr Demokratie und Freiheit hochhalten. Vorbild sein, den Dialog pflegen. Als ein rechtsextremer Attentäter 2011 in Norwegen ein Massaker anrichtete, hat der damalige Ministerpräsident Jens Stoltenberg m.E. vollkommen richtig reagiert: "'Ihr werdet unsere Demokratie und unser Engagement für eine bessere Welt nicht zerstören“, kündigte er in einer Pressekonferenz an. Niemand könne Norwegen 'zum Schweigen schießen', das Land werde nicht aufhören, zu seinen Werten zu stehen. (…) 'Wir sind ein kleines Land, aber wir sind ein stolzes Volk. Wir sind entrüstet über das, was uns getroffen hat, aber wir werden nie unsere Werte aufgeben. Unsere Antwort wird mehr Demokratie sein, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nie Naivität.'" [6]

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[1] Bibelserver.com
[2] Süddeutsche vom 08.01.2015
[3] Wikipedia, Schwertvers
[4] Spiegel-Online vom 18.12.2013
[5] Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung, Was ist das – der Glaube?
[6] Stern.de vom 25.07.2011