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15. Januar 2015, von Michael Schöfer
Man muss nicht, aber man darf


Politiker sind nicht selten peinlich, zum Beispiel der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu: Am 11. Januar sah man ihn in Paris beim "Marsch der Republik" mitmarschieren - vier Tage danach befürwortet er in der Türkei die Blockade von Internetseiten, die das Titelbild der aktuellen Ausgabe von "Charlie Hebdo" zeigen. Man sieht darauf einen weinenden Mohammed. "Pressefreiheit bedeutet nicht die Freiheit zur Beleidigung", meint Davutoglu. [1]

"Je suis Charlie" - aber nicht Ahmet Davutoglu. Es wäre besser gewesen, er wäre dem "Marsch der Republik" ferngeblieben, denn diese Heuchelei ist unerträglich. Von wegen Solidarität mit den Opfern des Anschlags, nachträglich verhöhnt er sie. Wer so reagiert, hat von Pressefreiheit nicht das Geringste verstanden. Mit dieser Haltung wird die Türkei nie in die EU kommen. Er ist nicht allein: Weltweit hagelt es Proteste von Muslimen - und das nicht einmal nur von den üblichen Verdächtigen, den Islamisten. Dies zeigt erneut den Grunddissens zwischen der islamischen Welt und dem Westen: Hier gilt der Vorrang der weltlichen Gesetze, dort hat die Religion eine Sonderstellung. Ist der Islam überhaupt mit der Demokratie kompatibel? Die Zweifel daran sind keineswegs ausgeräumt. Im Gegenteil, sie verstärken sich. Ohne eine durchgreifende Säkularisierung wird er es vermutlich kaum schaffen.

Allzu schnell fühlen sich nämlich Muslime durch irgendetwas beleidigt. Und dann muss man Gewalt befürchten - keine, wie es in einem Rechtsstaat üblich ist, Auseinandersetzung vor Gericht. Apropos Beleidigung: Normalerweise wird der aktiv, der sich beleidigt fühlt. Falls es einen Gott gibt, braucht er wirklich andere, die an seiner statt behaupten, er sei beleidigt worden? Braucht er Verrückte mit Sturmgewehren, die ihn rächen? Er, der angeblich Allmächtige? Doch Allah schweigt. Man hört lediglich die Krakeeler, die vorgeben, in seinem Namen zu sprechen. Jede Religion muss Spott ertragen können. Ebenso, dass religiöse Vorschriften für Ungläubige vollkommen bedeutungslos sind. Alles andere bedeutet gesellschaftlichen Rückschritt, geistige Trägheit und das Ende jeglicher Freiheit. Nicht ohne Grund ist die islamische Welt, einst führend in Kunst, Kultur und Wissenschaft, heute so rückständig.

Ich halte Kritik des Öfteren für überzogen oder unpassend, gelegentlich wirkt sie auf mich sogar beleidigend, häufig ist sie einfach nur doof. Na und? Geht daran die Welt zugrunde? Man muss Karikaturen wie die von "Charlie Hebdo" nicht veröffentlichen, aber man darf. Die Grenze ziehen allein die weltlichen Gesetze, legale Meinungsäußerungen fallen somit unter das Toleranzgebot, egal wie drastisch sie ausfallen. Für Kritik, die mir total missfällt, gilt der fälschlicherweise Voltaire zugeschriebene Satz: "Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen." (In Wahrheit stammt er von der englischen Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall.) Ohne die Freiheit der Rede gibt es keine Demokratie. Und wir dürfen sie uns nicht durch Intoleranz kaputt machen lassen, gleichgültig aus welcher Ecke die Angriffe kommen (bekanntlich hat die offene Gesellschaft viele Feinde).

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[1] Handelsblatt vom 15.01.2015