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31. Januar 2015, von Michael Schöfer
Gebt den Amateuren wieder eine Chance!


Das Golfemirat Katar kann es sich leisten, geradezu verschwenderisch mit Geld um sich zu werfen. Neuerdings macht sich das vor allem im Sport bemerkbar. Momentan läuft dort die Handball-Weltmeisterschaft, 2016 finden die Straßen-Radweltmeisterschaften statt, 2019 gehen die Leichtathletik-Weltmeisterschaften über die Bühne und 2022 ist es die Fußball-Weltmeisterschaft. Ob der Wüstenstaat auch für die Sommerolympiade 2024 den Zuschlag erhält, ist noch nicht entschieden. Man munkelt hinter vorgehaltener Hand, die dafür notwendigen Überweisungen seien noch nicht getätigt worden. Aha. Und es heißt, Katar würde nur wegen den klimatischen Verhältnissen auf die Ausrichtung der olympischen Winterspiele verzichten. Finanziell leisten könnten sie es sich allemal. Wie uns überhaupt die Sporttradition des Emirats bloß als zusammengekauft vorkommt. Die Katarer? Zumindest was den modernen Sport angeht lediglich traditionslose Parvenüs. Kamelrennen, nun gut. Aber Radrennen?

Bestes Beispiel: die Handball-WM. Als Nationaltrainer wurde der Spanier Valero Rivera López verpflichtet - der erfolgreichste Vereinstrainer der Welt. Außerdem kaufte Katar für das Team etliche Nationalspieler anderer Länder ein (Montenegro, Bosnien, Frankreich, Kuba). Im Handball ist das erlaubt. Und dann erdreistet sich diese Söldner-Truppe, die bislang bei Weltmeisterschaften nie über Platz 16 hinauskam, auch noch, die ruhmreiche deutsche Nationalmannschaft im Viertelfinale aus dem Rennen zu werfen. Unerhört! Zu allem Überfluss schafften es die Mannen von López sogar bis ins Finale. Jetzt muss Endspielgegner Frankreich die Ehre der etablierten Handball-Nationen verteidigen. Übrigens: Handball, ehedem "Torball" genannt, war ursprünglich ein reines Mädchenspiel. Dieser Hinweis wird die Katarer, bis in die Haarspitzen stolze Araber, hoffentlich ein bisschen verunsichern. Dass die Franzosen deshalb im Ballettkostüm (Tutu) anzutreten gedenken, ist allerdings ein böswilliges Gerücht.

Sport und Geld sind offenkundig eine ekelerregende Verbindung eingegangen. Avery Brundage, der stets den
Amateuren Vorzug vor den Profis gegeben hat, dreht sich gewiss im Grab herum. Da lobe ich mir Traditionsvereine wie Bayern München, die ausschließlich mit einheimischen bayerischen Buam antreten: Dante, Medhi Benatia, Pepe Reina, Rafinha, Xabi Alonso, Franck Ribéry, Javi Martínez, Arjen Robben, Claudio Pizarro und wie sie alle heißen. Der Erfolg gibt dem Rekordmeister und mehrfachen Champions League-Sieger recht: Triumphe erringt man nur mit eigener Nachwuchsarbeit. Einen Kader wie die Katarer schnöde zusammenkaufen? Niemals!

Es wird überhaupt Zeit, sich endlich wieder auf den Amateurstatus zurückzubesinnen. Und das nicht nur im Sport. Nehmen wir zum Beispiel die Kultur. Robert Downey (Iron Man) soll 2014 Hollywoods bestbezahlter Filmschauspieler gewesen sein. 75 Mio. US-Dollar! Stellen Sie sich das mal vor. Bei den Filmschauspielerinnen ist es angeblich Sandra Bullock (Gravity) gewesen, mit einem Jahreseinkommen von 51 Mio. Dollar. Ich finde das maßlos übertrieben. Kein Wunder, wenn Kinokarten so teuer sind und Kinowerbung inzwischen gefühlt fast so lang ist wie der eigentliche Hauptfilm.

Wenigstens in Deutschland muss sich daran etwas ändern. Und das - im wahrsten Sinne des Wortes - radikal. Der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz hat für die Hauptrolle in dem Film "Der Untergang" bestimmt eine horrende Gage eingesackt. Vollkommen überflüssig. Meinen Sie nicht auch, das hätte PEGIDA-Gründer Lutz Bachmann genauso gut hingekriegt? Für einen Bruchteil der Gage, wohlgemerkt. Schon rein sprachlich ("Viehzeug", "Dreckspack", "Gelumpe") scheint er für die Rolle geradezu prädestiniert zu sein. Bachmanns Vorteil: Er bräuchte sich in Dresden nicht jeden Montag - Verzeihung - den Arsch abzufrieren, der Führerbunker im Filmatelier ist nämlich beheizt. Volkstribun spielen, im Warmen sitzen und dafür auch noch Geld kassieren - was will man mehr?

Mein Motto: Gebt den Amateuren wieder eine Chance! Stellen Sie sich vor, die Wiener Akademie der bildenden Künste hätte seinerzeit einen gewissen Adolf Schicklgruber alias Hitler nicht mangels Talent abgewiesen, sondern wider Erwarten in ihre erlauchten Reihen aufgenommen. Es wäre uns zweifellos viel erspart geblieben. Der Kunstmaler Schicklgruber hätte dann zwar vielleicht beim Nachmalen die Mona Lisa verhunzt, aber zumindest den Rest der Welt in Ruhe gelassen. Dabei sein ist bekanntlich ohnehin alles.

Apropos dabei sein: Wissen Sie noch, wer 1988 bei der Winterolympiade in Calgary das Skispringen gewonnen hat? Nein? Es war sowohl auf der Groß- wie auf der Normalschanze der Finne Matti Nykänen. Ihnen völlig unbekannt? Das dacht' ich mir. Aber an Michael Edwards alias Eddie the Eagle werden Sie sich vermutlich erinnern. Der Brite mit der großen Brille und den starken Augengläsern wurde in beiden Wettbewerben jeweils mit großem Abstand Letzter. "Als größten Moment seiner Karriere bezeichnet Edwards die Abschlussfeier der Olympischen Spiele in Calgary 1988. Als der Chef des Organisationskomitees, Frank King, in seiner Rede den Athleten mit den Worten dankte 'Sie haben Weltrekorde gebrochen, persönliche Bestleistungen aufgestellt und einer von Ihnen flog wie ein Adler', jubelten die 100.000 Zuschauer und schrien 'Eddie, Eddie!'." [1] Gänsehautgefühle, wie sie keine zusammengekaufte Söldner-Truppe je erzeugen wird.

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[1] Wikipedia, Michael Edwards

Nachtrag (01.02.2015):
Frankreich ist Handball-Weltmeister geworden. Ohne Tutu!