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02. Februar 2015, von Michael Schöfer
Die Arroganz der Krawattenträger ist unerträglich


Ach, wie habe ich sie früher geliebt, diese herablassende Attitüde Älterer: "Junge, wenn du erst mal so alt bist wie ich, dann..." Darin schwang stets mit: "Jetzt zeig' ich dir mal, wo der Barthel den Most holt, du Grünschnabel. Werde erst einmal trocken hinter den Ohren." Sie wollten mir damit wohl sagen: "Du hast keine Ahnung. Ich weiß ohnehin alles besser. Und das wirst du schon noch merken." Selbstverständlich durfte auch das Einfordern von Respekt nicht fehlen. Dabei vertrat ich schon von jeher die Auffassung, Respekt müsse man sich erst verdienen. Jemandem bloß aufgrund seines Alters Respekt erweisen kommt in meinen Augen einem substanzlosen Ritual gleich, schließlich wird selbst der dümmste Esel irgendwann einmal von alleine alt. Und alt werden an sich ist keine Leistung.

So ähnlich mag sich die neue griechische Regierung vorkommen. Ältere Politiker innerhalb der EU fühlen sich nämlich bemüßigt, Alexis Tsipras von oben herab über die Gepflogenheiten zu belehren. "Griechenland muss Europa respektieren", fordert EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. [1] Hallo? Ist Griechenland kein EU-Mitglied mehr? Bislang dachte ich, Griechenland sei ein Teil Europas und stünde nicht außerhalb. Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem vergaß bei seinem Griechenland-Besuch fast, dem neuen Finanzminister Giannis Varoufakis zum Abschied die Hand zu reichen und zog es stattdessen vor, die beleidigte Leberwurst zu spielen. Keine souveräne Vorstellung, wenn Sie mich fragen. Vor allem Politiker deutscher Provenienz echauffieren sich lautstark. EU-Kommissar Günther Oettinger schäumt: "Alexis Tsipras ist frech und unverschämt." [2] Den Vogel schießt aber eindeutig EU-Parlamentspräsident Martin Schulz ab: "Ich habe keinen Bock, ideologische Debatten zu führen mit einer Regierung, die gerade mal zwei Tage im Amt ist." Über Ministerpräsident Tsipras: "Ich werde sicherlich Tacheles mit ihm reden." [3] Tsipras solle "verbal abrüsten", fordert Schulz. [4] Das sagt ausgerechnet er, der mit der Sensibilität eines Nashorns durch sämtliche Gazetten eilt. Natürlich handelt die neue griechische Regierung seiner Meinung nach "verantwortungslos". [5] Mehr Arroganz kann man eigentlich kaum an den Tag legen, diplomatisches Geschick ist offenkundig nicht seine Stärke.

Und die Presse spielt bereitwillig mit. In Athen seien "Halbstarke" am Werk, kommentiert die FAZ. [6] Die Deutsche Welle zeigt sich entsetzt: "Griechenland läuft Amok." [7] Andere warnen, Tsipras fahre Griechenland an die Wand. [8] Die aktuelle Printausgabe des Spiegel nennt ihn einen "Geisterfahrer" und "Europas Alptraum". [9] So geht es in einem fort, die Meinungsmacher haben sich auf ihr Ziel eingeschossen, ausgewogene Kommentare sind die Ausnahme.

Müsste man die griechische Regierung nicht wenigstens akzeptieren, anstatt sie ständig schulmeisterlich eines Besseren zu belehren? Immerhin wurde sie ja vom Volk gewählt. Da sitzen einige ziemlich hoch auf dem Ross, jedenfalls wenn es um die Griechen geht. Wird Martin Schulz auch mit dem britischen Premierminister David Cameron respektlos "Tacheles reden", weil der die Mitgliedschaft seines Landes in der EU zur Disposition stellt? Hat er sich nach dem Machtwechsel in Frankreich je genauso despektierlich über Präsident François Hollande geäußert, weil der ursprünglich ebenfalls eine andere Wirtschaftspolitik anstrebte? Nein. Im Gegenteil, damals hat er ihn überschwänglich gelobt: "Deine Wahl ist ein Signal des Aufbruchs mit einer Strahlkraft, die weit über Frankreich hinaus reicht." [10] Nun, in gewisser Weise ist jetzt auch die Wahl von Alexis Tsipras ein Signal des Aufbruchs - mit einer Strahlkraft, die weit über Griechenland hinausreicht. Mein Rat: Man sollte die Sache nüchterner betrachten, es gibt momentan weder Anlass zu himmelhochjauchzender Euphorie noch zu düsteren Prophezeiungen. Und für markige Sprüche ist die Lage viel zu ernst.

Die Arroganz der Krawattenträger ist unerträglich. Ich schäme mich, und zwar für Politiker, die keinen Anstand besitzen und denen die verheerende soziale Lage der griechischen Bevölkerung offenbar vollkommen egal ist. Solche Politiker repräsentieren nicht die Europäische Union, die ich mir wünsche. Tsipras wird vorgeworfen, er verkenne die Realität. Mag durchaus sein. Das kann man freilich auch von Angela Merkel und ihrer Austeritätspolitik behaupten. In Griechenland hat die schwäbische Hausfrauenpolitik jedenfalls kläglich versagt. Alle Warnungen, man könne sich nicht aus der Krise heraussparen, wurden aus ideologischen Gründen ignoriert. Oder war es Dilettantismus? Nun, nachdem die griechische Wirtschaft um ein Viertel eingebrochen und das Durchschnittseinkommen der Bürger um 40 Prozent geschrumpft ist, steckt der Karren tiefer im Dreck denn je. Wer glaubt, ihn dort mit Überheblichkeit wieder herausholen zu können, irrt gewaltig.

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[1] tagessschau.de vom 29.01.2015
[2] N24 vom 31.01.2015
[3] tagesschau.de vom 29.01.2015
[4] tagesschau.de vom 01.02.2015
[5] FAZ.Net vom 31.01.2015
[6] FAZ.Net vom 31.01.2015
[7] Deutsche Welle vom 30.01.2015
[8] Die Presse.com vom 01.02.2015
[9] Der Spiegel 6/2015 vom 31.01.2015
[10] Süddeutsche vom 06.05.2012