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06. Februar 2015, von Michael Schöfer
Widerlich! Einfach ekelerregend!


Die russische Propaganda, die den expansiven Kurs von Präsident Wladimir Putin rechtfertigen soll, wird von Tag zu Tag schlimmer. Anfangs, als die "höflichen grünen Männchen" der Ukraine die Krim entrissen, bemühte sie sich noch, die Soldaten des Riesenreiches als einigermaßen zivilisiert erscheinen zu lassen. Bei der völkerrechtswidrigen Annexion waren kaum Tote zu beklagen. O-Ton Putin: "Die Soldaten haben sich sehr korrekt verhalten, aber resolut und professionell." Doch nach und nach lassen die russischen Medien die Maske der moralischen Integrität fallen, neuerdings unterstützen sogar eigens angeheuerte Künstler die aggressive Politik des Kremlherrschers. Beim alljährlich im Juni stattfindenden Internationalen Filmfestival Moskau (IFF Moskau) soll nämlich, wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautete, ein Film über den russischen Scharfschützen Alexander Sergejewitsch Golubew, genannt Sascha, Premiere feiern.

Golubew gilt in Russland als Held, weil er im Donbass 160 Ukrainer eliminierte - mehr als jeder andere russische Soldat, Verzeihung, Separatist. Regisseur Victor Komarow widmet sein 132 Minuten zäh dahinfließendes Machwerk der wiedererwachten russischen Nation, der er im vaterländischen Kampf gegen die - wie er sagt - "Kiew-Faschisten" beistehen will. Sascha hat die Aufgabe, seinen Kameraden im brutal geführten Häuserkampf mit dem Scharfschützengewehr präzise den Weg freizuballern. Kurzum: Widerlich! Einfach ekelerregend! Dass Golubew an einem völkerrechtswidrigen Krieg mitwirkte, ficht Komarow nicht an. Er habe lediglich Befehle befolgt und der bedrohten russischen Nation heroisch zur Seite gestanden, beschwichtigt der bislang an den Kino-Kassen nahezu erfolglose Regisseur. Sein Held mutiert am Ende zur tragischen Figur, weil Golubew sich in Nischni Nowgorod mit exzessivem Wodka-Genuss selbst zugrunde richtete. Offenbar hat seine sensible Seele trotz der von ihm vollbrachten Heldentaten Schaden genommen, glaubt Komarow. Unter der harten Schale des Soldaten schlummerte angeblich ein weicher Kern. In Wahrheit waren es natürlich Schandtaten. Und Golubew war nichts anderes als eine eiskalte Killermaschine, die ganz in der blutrünstigen Tradition der Roten Armee stand.

Wir sind ja hierzulande inzwischen an vieles gewöhnt, an Putin-Versteher beispielsweise. Oder an die Trolle Putins, die die Kommentarspalten des Internets mit ihrer von Moskau ferngesteuerten Meinungsmache verstopfen. Aber dieser abstoßende Propagandafilm erreicht den absoluten Tiefpunkt. Doch es kommt noch schlimmer: Nach der Moskauer Premiere will Komarow sein Machwerk auch im Westen präsentieren, und zwar bei den Filmfestspielen in Venedig. Man kann nur hoffen, dass die Venezianer ihrem Unmut freien Lauf lassen und den Film dort hinschicken, wo er hingehört - in den Orkus des Vergessens. Wenn ein Soldat, der sich an dem brutalen Überfall auf ein heillos unterlegenes Land beteiligt, zum Held hochstilisiert wird, lässt das tief blicken. In Russland scheint inzwischen jede Moral verloren gegangen zu sein. Aber mal ehrlich: Haben Sie etwas anderes erwartet? Ich nicht.

Mist! Verdammter Mist! Meine lieben Leserinnen und Leser, wie mir soeben bewusst wird, habe ich einen unverzeihlichen Fehler begangen: Der Film kommt nämlich gar nicht aus Russland, sondern aus den USA. Und er heißt "American Sniper", Regisseur ist der den Republikanern nahestehende Filmschauspieler Clint Eastwood. Es geht darin um den Soldat Chris Kyle, der im Irak-Krieg mit 160 bestätigten Abschüssen als bester Scharfschütze der US-Militärgeschichte brillierte. Er wird auch nicht, wie ich zunächst annahm, in Russland als Held gefeiert, sondern selbstverständlich in Amerika. Es ist vollkommen unerklärlich, wie mir ein solcher Irrtum unterlaufen konnte.

"American Sniper" hat seit Mitte Januar in den US-Kinos 250 Mio. Dollar eingespielt und gilt zu Recht als Eastwoods Meisterwerk. Der spannungsgeladene Streifen zeigt den heroischen Kampf gegen die Bagdad-Faschisten. Kyle hat die Aufgabe, seinen Kameraden im taktisch äußerst geschickt geführten Häuserkampf mit dem Scharfschützengewehr treu und brav den Rücken freizuhalten. Mit einem Wort: Phänomenal! Dass der damalige amerikanische Präsident George W. Bush die Öffentlichkeit belog und völkerrechtswidrig ins Zweistromland einmarschierte, mindert die grandiosen Heldentaten Kyles keineswegs, schließlich hat der Scharfschütze lediglich Befehle befolgt und dem irakischen Volk hingebungsvoll zur Seite gestanden. Hollywood-Legende Eastwood arbeitet auf profunde Art und Weise das sensible Wesen Kyles heraus, das unter der harten Schale des hocheffizienten Befreiungskämpfers schlummert.

Wir Europäer müssen uns wohl noch ein bisschen gedulden, bis wir das 132 Minuten kurzweilige Epos bewundern dürfen, denn Clint Eastwood, der sich im fortgeschrittenen Alter zu einem wahren Meisterregisseur entwickelte, will "American Sniper" zunächst auf den Filmfestspielen in Venedig präsentieren, bevor er auch bei uns in die Kinos kommt. Die Vorfreude des venezianischen Publikums ist riesengroß, unter Kritikern gilt der Streifen schon jetzt als Favorit für den Goldenen Löwen. Meine lieben Leserinnen und Leser, eines kann ich Ihnen versichern, Sie werden gewiss begeistert sein. Die üblichen Verdächtigen (Weltverbesserer, Pazifisten, Gutmenschen etc.) halten ja "American Sniper" für ein mieses Machwerk der amerikanischen Propagandaindustrie, das jede Kritik am Irakkrieg vermissen lasse. Diese haarsträubende Aussage führt sich selbst ad absurdum. "Die Soldaten haben sich sehr korrekt verhalten, aber resolut und professionell", bezeugt der ehemalige US-Außenminister Colin Powell. Schätzungen zufolge kamen bloß eine halbe Million Zivilisten ums Leben. Und man darf seinem Urteil unbesehen vertrauen, denn wie man weiß ist er überall für seine Ehrlichkeit bekannt. Freuen wir uns also auf ein Werk, das wie kein anderes die Identität von Moral und Politik der westlichen Führungsmacht zu präsentieren weiß.