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27. März 2015, von Michael Schöfer
Subjektive Einschätzung widerspricht objektiven Tatsachen


Der Absturz der A320 der Fluggesellschaft Germanwings in den französischen Alpen, bei dem 150 Menschen ums Leben kamen, ist zweifelsohne eine furchtbare Katastrophe. Insbesondere der Tod einer deutschen Schulklasse aus Nordrhein-Westfalen mit 16 Schülern und zwei Lehrern erschüttert zutiefst. Für Eltern gibt es wohl nichts Schlimmeres, als ihre Kinder beerdigen zu müssen. Wie immer bei solch spektakulären Ereignissen, erinnert sei hier nur an das mysteriöse Verschwinden von Flug MH370 oder der Abschuss von Flug MH17 über der Ukraine, bringt das Fernsehen ständig Sondersendungen und in den Gazetten wird tagelang ausgiebig über das Unglück berichtet.

Bedauerlicherweise verlieren wir dadurch leicht den Überblick und schätzen die Gefahren völlig falsch ein. Die subjektive Einschätzung der Lebensgefahr unterscheidet sich aber fundamental von den objektiven Tatsachen. Natürlich ist es viel spektakulärer, wenn auf einen Schlag 150 Menschen aus dem Leben gerissen werden, nichtsdestotrotz ist das Flugzeug das mit Abstand sicherste Verkehrsmittel: In den 28 Mitgliedstaaten der EU starben allein im vergangenen Jahr 25.700 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen (täglich im Durchschnitt 70). [1] Im gesamten Zeitraum zwischen 1990 und 2013 kamen jedoch in Passagiermaschinen von Airlines aus den 28 EU-Mitgliedstaaten lediglich 1.530 Menschen ums Leben (tägl. Ø 0,2). [2] Weltweit kommen jährlich 1,24 Millionen Menschen bei Straßenverkehrsunfällen ums Leben (tägl. Ø 3.397) [3], im Flugverkehr waren es 2014 jedoch nur 990 (tägl. Ø 2,7) [4].

Flugangst ist folglich völlig unbegründet. Daran ändert auch der mutmaßliche erweitere Suizid des Co-Piloten keinen Deut, denn solche Fälle sind zum Glück extrem selten. Noch seltener als technische Defekte. Davor, was für uns in Wahrheit am gefährlichsten ist, nämlich die Fahrt im eigenen Pkw, fürchten wir uns kurioserweise am allerwenigsten. Sogar erweiterte Suizide kommen dort viel häufiger vor. Stichworte: Geisterfahrer auf Autobahnen und bewusst herbeigeführte Frontalzusammenstöße. Bei Autounfällen gibt es freilich in der Regel keine Sondersendungen, in den überregionalen Zeitungen findet man sie allenfalls als kleine Randnotiz. Der Berichterstattung über Flugzeugabstürze kann der Leser oder Fernsehzuschauer hingegen kaum entrinnen. Zumal, wenn eine Maschine unter diesen außergewöhnlichen Umständen in den Bergen zerschellt ist.

Ebenfalls bedenkenswert: Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen trägt Unterernährung jährlich zum Tod von 2,9 Millionen Kindern unter fünf Jahren bei (tägl. Ø 7.945), sie sterben allerdings meist ohne große Aufmerksamkeit. [5] So schlimm Flugzeugabstürze sind, der auf Samtpfoten daherkommende Hungertod ist genau besehen viel schlimmer. Das mindert natürlich nicht die Trauer um jeden Einzelnen.

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[1] Spiegel-Online vom 24.03.2015
[2] EU-Kommission, Statistical pocketbook 2014, Seite 108, PDF-Datei mit 1,1 MB
[3] WHO
[4] Deutschlandfunk vom 25.03.2015
[5] WFP