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04. April 2015, von Michael Schöfer
Seite 36


Die traurigsten Seiten einer Tageszeitung sind nicht die, in denen über Kriege, Morde oder Flugzeugunglücke berichtet wird. Nein, die traurigsten Seiten einer Tageszeitung sind natürlich die Bekanntschaftsanzeigen, versteckt ganz hinten auf Seite 36. Es gibt viel mehr einsame und gebrochene Herzen als Terroropfer, was Tageszeitungen allerdings für gewöhnlich völlig kalt lässt (es sei denn, es entwickeln sich daraus auflagensteigernde Beziehungsdramen). Wer hat eigentlich die romantische Liebe erfunden, nach der wir uns alle so furchtbar sehnen? Die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts? Oder war es Hollywood? Und wer sorgt dafür, dass diese Illusion regelmäßig wie eine Seifenblase zerplatzt? Natürlich wir selbst, niemand anderes. In Liebesfilmen gibt es allerlei Verwicklungen, bis sie sich am Ende glücklich in den Armen liegen. Liebe Leut', in Wahrheit fängt doch damit der ganze Schlamassel erst an! In Filmen folgt an dieser Stelle der Abspann, im echten Leben beginnt dagegen der Alltag.

2013 gab es in Deutschland 373.655 Eheschließungen, denen stehen freilich 169.833 Scheidungen gegenüber. Knapp die Hälfte der Ehen scheitert also. Und das, wenn man sich an Altbundeskanzler Gerhard Schröder oder Ex-Außenminister Joschka Fischer orientiert, sogar mehrfach. Die andere Hälfte hält es erstaunlicherweise miteinander aus. Aber fragen Sie mich nicht, wie. Trotz der eher ernüchternden Realität plagt uns, siehe Bekanntschaftsanzeigen, ständig der bemitleidenswerte Drang, dem gesellschaftlichen Beziehungsklischee dennoch irgendwie gerecht zu werden.

Klischeehaft sind auch die dort anzutreffenden Formulierungen. Auszüge: "Sehr erfolgreicher, international agierender Unternehmer, blendende Erscheinung, sehr vermögend, weit gereist und welterfahren, will sich jetzt und für immer neu verlieben! Es warten auf Sie: Luxus, Reisen in die ganze Welt, eine Jacht im Mittelmeer", lesen wir in der Rubrik "Er sucht Sie". Und bei "Sie sucht Ihn" findet sich das weibliche Pendant: "Ich wünsche mir einen erfolgreichen Mann (Gentleman), großzügig, vermögend, aber nicht materiell fixiert, mit Niveau und Klasse, der das Leben genießen kann." Oje...

Er hält es offenbar für opportun, mit seinem Vermögen zu protzen. Für was er sich interessiert? Literatur, Politik, Kultur, Wissenschaft? Fehlanzeige! Hat ein vermögender Mann ja nicht nötig. Für Literatur kann sich schließlich jeder arme Schlucker interessieren, aber zwischen den Balearen kreuzen... Er bietet ein prall gefülltes Portemonnaie, das muss reichen. Sie wiederum sucht zwar den vermögenden und großzügigen Herrn, er darf aber kurioserweise nicht materiell fixiert sein. Genauso gut hätte sie schreiben können: "Suche schwarzen Schimmel." (Gemeint ist das Pferd, nicht der Pilz!) Immerhin weist sie vorsorglich darauf hin, dass sie sich auch in der gehobenen Gesellschaft bewegen kann. Wennschon, dennschon!

Die Kurzform der Anzeigen bedeutet jeweils: "Biete Lamborghini, möchte Sex!" Und: "Biete Sex, möchte mondäne Villa!" Ob die Eigenbeschreibungen überhaupt wahr sind, lassen wir einmal offen. Die Welt ist bekanntlich voller Hochstapler. Jedenfalls finde ich es ziemlich traurig, wenn sich Menschen derart platt anpreisen und uns ihre überspannten Erwartungen präsentieren. Doch wenn es sie glücklich macht - bitteschön! Allerdings wage ich genau das zu bezweifeln. Ach, wo ist bloß die freie Liebe à la Simone de Beauvoir & Jean-Paul Sartre geblieben? Antwort der Smartphone-Generation: Simone... who? Unter uns: Diese Beziehung war ebenfalls ein Klischee, wie wir ihren posthum veröffentlichten Briefen an Sartre entnehmen.

In Bekanntschaftsanzeigen finden sich obendrein allerlei verräterische Formulierungen: "Ich bin vielseitig interessiert" heißt in Wahrheit: Ich interessiere mich für nichts richtig. Mein Gott, der Tag hat nur 24 Stunden. Ein Drittel verschlafen wir, mindestens ein weiteres Drittel widmen wir unserem Lebensunterhalt (vulgo: wir malochen). Ziehen wir vom verbleibenden Drittel die Hausarbeit, das Essen, die Körperpflege und alle anderen kleinen Zeiträuber ab, bleibt für vielfältige Interessen nicht mehr allzu viel übrig. Wirklich intensiv kann man sich deshalb höchstens mit zwei oder drei Dingen befassen.

Ich brauche beispielsweise allein für die Zeitungslektüre täglich mehrere Stunden, von interessanten Büchern und dem Schreiben von Elaboraten für meine Website ganz zu schweigen. Das Schlagwort von der "gehetzten Generation" ist für mich kein Fremdwort. Sorry, Mädels, aber für die Jacht im Mittelmeer oder die Zweitwohnung in Monaco habe ich einfach keine Zeit. Kurzum, wer angeblich "vielseitig interessiert" ist, kratzt bei seinen Interessen naturgemäß bloß an der Oberfläche. Gewissermaßen von allem ein bisschen, aber praktisch nirgends in die Tiefe gehend. Und das reicht beim Candle-Light-Dinner vielleicht für zwei oder drei Abende. Wissen Sie jetzt, warum trotz des beklagenswerten Programms fast in jedem Haushalt ein Fernseher steht?

In Bekanntschaftsanzeigen sind Männer vorwiegend sportlich, charmant und gut situiert. Frauen sind - selbstverständlich - attraktiv, oft schlank (behaupten sie zumindest), unternehmungslustig und zum Glück "altlastenfrei". Er ist kultiviert und mit viel Herzenswärme ausgestattet. Sie sucht jemand, der sie zum Lachen bringt (ihr eigener Humor reicht dafür leider nicht mehr aus). Tiefschürfende Gespräche, gerne bei einem edlen Rotwein, sind ohnehin obligatorisch. Und Treue überhaupt kein Problem. Nö, nö... Die zu Druckerschwärze geronnenen Sehnsüchte schreien uns förmlich an: "Rette mich! Die wahre menschliche Tragödie findest Du nicht in Mossul oder Bengasi, sondern im unterfränkischen Prosselsheim, in der Winzergasse 1a, erstes Obergeschoss rechts." Die Statistik hält fest: 373.655 Eheschließungen, 169.833 Scheidungen. Doch niemand zählt die Verzweifelten. Auf Seite 36 finden wir wenigstens einen Bruchteil davon.