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07. April 2015, von Michael Schöfer
Die Grenze zur Nörgelei ist fließend


Man kann's mit der Politikerschelte auch übertreiben, die Grenze zur Nörgelei ist bekanntlich fließend. Thomas Rothschild kritisiert in der Wochenzeitung "Kontext" am Beispiel des Absturzes der Germanwings-Maschine die Betroffenheitsgesten von Politikern: "Ihre öffentliche Trauer ist nicht mehr und nicht weniger als ein Sympathieköder, ein Selbstdarstellungsakt für die Medien, ein Kalkül, im besten Fall ein Ritual, ein rhetorisches Zeremoniell. Sie dient einzig und allein der Ausbeutung der allgemeinen Erschütterung für wahlarithmetische Zwecke." [1] "Will man den Tränen dieser Herrschaften trauen?", fragt er mit Blick auf Angela Merkel, François Hollande und Mariano Rajoy, die umgehend an den Unglücksort eilten. Genauso gut könnte man fragen: Werden wir bloß von Zynikern regiert?

Natürlich wirken die Sätze der Politiker vorgestanzt. Sie sind es auch: "Unsere Gedanken sind bei denjenigen, die darum fürchten müssen, dass ihre Angehörigen unter den Opfern sind", twitterte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. "Meine Gedanken sind bei den Familienangehörigen und Freunden der vielen Opfer", versicherte Bundespräsident Joachim Gauck. "Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien." (FDP-Chef Christian Lindner) "Unsere Gedanken sind bei den Opfern und den Angehörigen." (SPD-Chef Sigmar Gabriel) Sogar die US-Regierung ließ mitteilen: "Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern, ihren Familien und ihnen nahestehenden Personen." [2] Selbstverständlich war nicht zuletzt die Bundeskanzlerin in Gedanken "bei den Menschen, die in diesen schweren Stunden Trost suchten". [3] Die Reihe mit "meine Gedanken sind..." ließe sich beliebig lange fortsetzen.

Doch geht es den Politikern dabei primär um Wahlarithmetik oder Selbstdarstellung, wie Thomas Rothschild unterstellt? Ob ein Politiker als Person wirklich betroffen ist, muss man offen lassen. Kann sein, kann aber auch nicht sein. Muss freilich auch gar nicht, denn hier sollte man strikt zwischen Amts- und Privatperson unterscheiden. Als Bundeskanzlerin ist es die Pflicht von Frau Merkel, Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen. Das sind Trauerrituale, die einfach dazugehören - egal wer im Bundeskanzleramt gerade das Sagen hat. Das haben andere vor ihr so gemacht, und die nach ihr werden daran nichts ändern. Perfide: Täte sie es nicht, würde man Angela Merkel sicherlich Gefühlskälte vorwerfen. Was sie als Mensch tatsächlich fühlt, wissen wir ohnehin nicht. Und es geht uns auch nichts an. Außerdem ist es im vorliegenden Zusammenhang vollkommen irrelevant. Die Öffentlichkeit erwartet bei solchen Unglücken von den Volksvertretern Worte der Anteilnahme. Zu kritisieren, dass sie diesen Erwartungen nachkommen, ist in meinen Augen total überzogen.

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[1] Kontext: Wochenzeitung vom 01.04.2015
[2] n-tv vom 24.03.2015
[3] Bundesregierung vom 25.03.2015