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20. April 2015, von Michael Schöfer
Bitte etwas mehr Demut und Empathie


Gelegentlich muss man Deutschland in Erinnerung rufen, wie dankbar es sein kann, nach 1945 äußerst großzügig behandelt worden zu sein. Großzügiger als es angesichts der schier unbeschreiblichen Verbrechen zu erwarten gewesen wäre. Greifen wir zwei Beispiele heraus: "In der Stadt ausgehängte Plakate forderten die jüdische Bevölkerung auf, sich zur Umsiedlung an bestimmten Plätzen zu versammeln. Über 30.000 folgten dem Aufruf und wurden anschließend zu einer Sammelstelle in der Nähe der Schlucht von Babi-Yar getrieben. Noch ahnten sie nichts von ihrem Schicksal. Auf freiem Feld mussten sie Gepäck und Kleidung ablegen und sich dann auf eine Anhöhe über der Schlucht stellen. Als die Salven der Mordkommandos ihr Werk taten, fielen die leblosen Körper der Opfer auf den wachsenden Hügel von Leichen unter ihnen." So ermordete ein Sonderkommando der Einsatzgruppe C in der Ukraine am 29. und 30. September 1941 innerhalb von 36 Stunden insgesamt 33.771 Juden. Ein anderes Einsatzkommando exekutierte allein im September 1941 26.243 Frauen und 15.112 Kinder. Grund: "Frauen und Kinder galten als mögliche Rächer in der Zukunft." [1] Ein winziger Ausschnitt des deutschen Wütens in der Sowjetunion.

Deutschland überzog ganz Europa mit Gräueltaten. In der UdSSR, die am 22. Juli 1941 überfallen wurde (Unternehmen Barbarossa), kamen schätzungsweise 8,6 bis 13 Mio. Soldaten und 12 bis 17 Mio. Zivilisten ums Leben. [2] Hätte Deutschland den Krieg gewonnen, wären viele Völker umgesiedelt oder ausgelöscht worden. Zahlreiche Menschen wären überdies zum Sklavendasein verdammt gewesen. Pläne sahen vor, den "Untermenschen" gerade noch die notwendigste Schulbildung zukommen zu lassen, um den "Herrenmenschen" angemessen dienen zu können.

Doch der Wahnsinnige im Führerhauptquartier war nicht nur gegenüber anderen Völkern unerbittlich, deutsche Soldaten kannten in seinen Augen ebenfalls keine Gnade. Als im Winter 1941 der deutsche Vormarsch kurz vor Moskau zum Erliegen kam und die russische Gegenoffensive begann, schlug ein deutscher General vor, die ausgelaugten Truppen zurückzuziehen. "Hitler blieb stur. Er befahl, die Truppen sollten sich dort eingraben, wo sie sich gerade befänden, und jeden Quadratmeter Boden halten." Was der GröFaZ (Größter Feldherr aller Zeiten) übersah: Bei Temperaturen von bis zu 40 Grad unter Null war der Boden bis zu einer Tiefe von 1,5 Meter gefroren. Eingraben unmöglich. Hitler bestand dennoch auf seinem Befehl. Als man ihn darauf hinwies, der Verlust unter den unzureichend ausgerüsteten Soldaten würde unvergleichlich hoch sein, erwiderte er kaltherzig mit Verweis auf den Alten Fritz: "Glauben Sie, die Grenadiere Friedrichs des Großen wären gerne gestorben? Sie wollten auch leben, und dennoch war der König berechtigt, das Opfer ihres Lebens von ihnen zu verlangen. Ich halte mich gleichfalls für berechtigt, von jedem deutschen Soldaten das Opfer seines Lebens zu fordern." [3]

Seien wir froh, dass Deutschland den Krieg verloren hat. Hätten die Nazis gesiegt, wäre das Morden endlos weitergegangen. Wenn man sich mit der Barbarei befasst, die Deutschland über die Menschheit brachte, ist man ehrlich gesagt in hohem Maße verwundert, dass die Deutschen nach 1945 allmählich wieder in die Völkerfamilie zurückfanden. Zurückfinden durften! Für mich wäre es naheliegend gewesen, den deutschen Staat unwiderruflich aufzulösen und sein Staatsgebiet unter den Nachbarn aufzuteilen. Sachsen und Brandenburger wären jetzt Polen, Pfälzer und Saarländer Franzosen, Schleswig-Holsteiner Dänen und die Bayern Tschechen. Na und? Es wäre jedenfalls kein Weltuntergang gewesen. Es kam, wie wir wissen, anders. Deutschland ist heute wieder eine Großmacht - zumindest ökonomisch.

Doch die Arroganz und Kaltschnäuzigkeit, mit der man hierzulande etwa den Griechen gegenübertritt, ist in meinen Augen absolut widerlich. 80.000 Griechen fielen der "Endlösung" zum Opfer, sie wurden vorwiegend nach Auschwitz und Treblinka deportiert. Weitere etwa 70.000 bis 80.000 wurden im Partisanenkrieg oder bei Vergeltungsaktionen von deutschen, italienischen und bulgarischen Truppen getötet. "Zählt man den Zweiten Weltkrieg und den Bürgerkrieg als dessen Folge zusammen, so verlor Griechenland nahezu 10 % seiner Bevölkerung." [4] Natürlich kann Deutschland keine dreistelligen Milliardenbeträge an Reparationen zahlen. Aber wir könnten trotzdem mehr tun, Demut und Empathie zeigen beispielsweise. Als der Internationale Währungsfonds (IWF) kürzlich den ohnehin arg von der Wirtschaftskrise gebeutelten Griechen weitere Rentenkürzungen und zudem eine Mehrwertsteuererhöhung empfahl, forderte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble von der sich sträubenden Athener Regierung unnachgiebig die Fortsetzung der Reformen. Es geht gar nicht darum, den Griechen keine Therapie aufzuerlegen, aber die verordnete Medizin darf den Patienten nicht umbringen. Genau das ist jedoch die Konsequenz der unseligen Sparpolitik à la Angela Merkel.

Hätten uns die Sieger nach 1945 ähnlich unbarmherzig behandelt, was - siehe oben - angesichts der grausamen Verbrechen nur allzu verständlich gewesen wäre, gäbe es heute keinen Exportweltmeister namens Deutschland (Außenhandelsbilanzüberschuss 2014: 216,9 Mrd. Euro). Wir sollten uns dessen erinnern und Griechenland fair behandeln. Genau so, wie wir nach dem Krieg von anderen fair behandelt wurden: "Mit 30 Milliarden DM war die Bundesrepublik Anfang der 1950er Jahre im Ausland verschuldet. (…) Ab dem Sommer 1952 versuchte eine deutsche Delegation in London gemeinsam mit zahlreichen Gläubigerländern eine Lösung für die Schuldenproblematik zu finden. (…) Am 27. Februar 1953 wurde das Ergebnis verkündet: 15,5 Milliarden DM Schulden wurde den Deutschen erlassen. Und nicht nur das: die Gläubigerstaaten verzichteten zudem noch auf alle nicht bezahlten Zinsen in Höhe von rund 20 Milliarden DM. Weiterhin wurden die noch ausstehenden Schulden in Bezug auf Laufzeiten, Zinsen und Tilgungsraten angepasst: jeweils zu Gunsten der Bundesrepublik. Die Londoner Schuldenkonferenz legte also einen wichtigen Grundstein für das nun folgende Wachstum." [5]

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[1] Ian Kershaw, Hitler, Band II: 1936-1945, Seite 625
[2] Süddeutsche vom 04.04.2015
[3] Ian Kershaw, Hitler, Band II (1936-1945), Seite 610
[4] Wikipedia, Griechenland, Von der Unabhängigkeit bis zum Zweiten Weltkrieg
[5] Spiegel-Online vom 07.02.2008