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25. April 2015, von Michael Schöfer
Träume von Abenteuer und Männerfreiheit


Was machen alte Säcke, die nicht mehr an die jungen, hübschen Studentinnen herankommen, weil diese schlicht und ergreifend keine Lust darauf haben, mit mehr als doppelt so alten Männern in die Kiste zu steigen? Sie sublimieren! Subli... was? "Sigmund Freud verstand unter Sublimierung eine Umwandlung oder Umlenkung von Libido in 'sozial nützliche' Errungenschaften, in eine geistige Leistung oder kulturell anerkannte Verhaltensweise (vor allem in den Bereichen wie Kunst und Wissenschaft). (…) Nach psychoanalytischer Deutung ist die Entstehung der gesamten menschlichen Kultur das Ergebnis von Sublimierung", lesen wir bei Wikipedia. [1]

Nun, eine reichlich gestelzte Erläuterung, finden Sie nicht? Übersetzt in die Umgangssprache heißt das: Wir haben Beethovens Symphonien bloß dem Umstand zu verdanken, dass er nicht mehr an die jungen, hübschen Studentinnen herangekommen ist. Denn was macht ein alter Sack, wenn er ihnen an der Supermarktkasse nur noch wehmütig hinterherblicken kann? Er komponiert als Ersatzhandlung musikalische Epen. Anders ausgedrückt: Er sublimiert. Verstehen Sie jetzt? "Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium..." Elysium ist in der griechischen Mythologie die "Insel der Seligen", belehrt uns Wikipedia. [2] Genau das, was bei den Achtundsechzigern "Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll" gewesen ist. Insofern war Ludwig van Beethoven der Mick Jagger des frühen 19. Jahrhunderts. Obgleich Letzterer kurioserweise sogar noch im hohen Alter junge, hübsche Studentinnen begeistern kann. So wird, ganz nebenbei, Freuds gesamte Psychoanalyse widerlegt. Einziges Manko (Studentinnen aufgepasst!): Jagger ist selten an Supermarktkassen anzutreffen.

Doch ich schweife ab. Bleiben wir beim Autor, dem (inzwischen ebenfalls) alten Sack. Früher, als er jung war, hat er über die alten Säcke, die ständig über dieses oder jenes Zipperlein lamentierten, höchstens milde gelächelt. "Kann mir nicht passieren", dachte er hochmütig. "Abwarten", die anderen. Und heute, 35 Jahre danach, macht er sich ernsthaft Gedanken darüber, ob er in fünfzehn Jahren noch in seine Wohnung im 4. Obergeschoss kommt. In einem Treppenhaus ohne Fahrstuhl, wohlgemerkt. Aber es geht im Grunde gar nicht um ein paar Treppenstufen. Beruflich und finanziell längst abgesichert, stellen sich ihm unweigerlich die durchaus naheliegenden Fragen: "War es das schon? Kommt noch was? Und will ich das, was ich momentan mache, in der mir verbleibenden Restlaufzeit wirklich weitermachen?" Permanent die Mahnungen des britischen Schriftstellers William Somerset Maugham im Hinterkopf: "Wenn man genug Erfahrungen gesammelt hat, ist man zu alt, sie auszunutzen." Oder: "Im Alter bereut man vor allem die Sünden, die man nicht begangen hat." Ist das eine verspätete Midlife-Crisis?

Wie dem auch sei, vor 35 Jahren besaß ich jedenfalls mal eine Enduro von Honda. Lang, lang ist's her. Und obgleich ich immer von einer Motorradtour nach Andalusien geträumt habe, ist es nie dazu gekommen. Naja, wie das halt mit Träumen so ist, die man nie ernsthaft verfolgt. Aus Bequemlichkeit, mangels geeignetem Motorrad oder weil man gerade wichtigere Dinge zu erledigen hat und es zeitlich nicht passt. Ausreden fliegen einem ja gewissermaßen wie von selbst in den Mund, sobald man seine Lippen öffnet.


Die XL250S von Honda - mein allererstes Motorrad
[mit freundlicher Genehmigung von www.honda-museum.com]

Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum! Gesagt, getan. Bevor ich vielleicht einen Hüftschaden bekomme und das Motorradfahren beerdigen kann, weil ich es mit dem Bein nicht mehr über die Sitzbank schaffe, will ich es noch einmal wissen: Der alte Sack, von dem hier die Rede ist, hat sich nämlich soeben eine Enduro von Kawasaki gekauft. Eine 250er, keine zum Rasen also. Und sparsam im Verbrauch. Ich war ohnehin schon von jeher der Überzeugung, man sollte nur Maschinen fahren, die man im Bedarfsfall auch selbst aufheben kann. Ohne fremde Hilfe, versteht sich. Das ist bei 318 kg schweren Boliden kaum möglich. Zumindest dann nicht, wenn man nicht auf den Namen Arnold Schwarzenegger hört. (Böswillige Gerüchte behaupten übrigens, die umgestürzte Harley des "Terminators" wäre durch drei Helfer der Filmcrew aufgerichtet worden.)

"Die Kawa ist ein wahrer Jungbrunnen: Jetzt werde ich bestimmt auch wieder 20. So wie damals", schrieb ich augenzwinkernd einer Freundin, die sich noch an meine alte Honda erinnern kann. "Aber sicher", mailte sie offenbar wenig überzeugt zurück. "Du zweifelst daran?", fragte ich gespielt indigniert. "Neeeein, wie käme ich denn dazu", antwortete sie erkennbar ironisch. Hey, Mädels, alte Säcke wollen wenigstens ein bisschen ernst genommen werden. Wenn ihr sie schon an der Supermarktkasse links liegen lasst, dann geht zumindest taktvoll mit ihren Träumen von Abenteuer und Männerfreiheit um.


Back to the roots...

Motorradfahren bedeutete für mich von jeher: gemütliche Touren abseits von Autobahnen und Bundesstraßen. Selten schneller als 100 km/h. Und immer dorthin, wo man bislang noch nie gewesen ist. Probiert es einfach mal aus: Bei Abzweigungen stets den unbekannten Ortsnamen folgen. Sich hinschlängelnde Waldstraßen, auf denen einem fünf oder zehn Minuten lang kein anderes Fahrzeug entgegenkommt und die unvermittelt in ein Tal münden, in dem es saftige Wiesen, einen Bach und drei Bauernhäuser gibt - sie existieren tatsächlich. Vielleicht klappt's ja demnächst auch mit dem Endurowandern bis nach Andalusien. Und wer ist an dieser - im Freudschen Sinne - Umlenkung meiner Libido schuld? Natürlich - siehe oben - die jungen, hübschen Studentinnen. Einer muss ja schuld sein...

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[1] Wikipedia, Sublimierung (Psychoanalyse)
[2] Wikipedia, Elysion