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23. Mai 2015, von Michael Schöfer
Ob das die Zukunft des Journalismus ist?


Niemand wird ernsthaft behaupten, dass Weblogs irgendwann einmal Zeitungen ersetzen könnten. So berichtet beispielsweise die Süddeutsche aktuell über einen europaweiten Lebensmittel-Skandal, in den eine bayerische Firma involviert sein soll und bei dem die Lebensmittelüberwachung des Freistaats offenbar kläglich versagt hat. [1] Es werden Ross und Reiter genannt. Zeitungen haben nicht nur häufig Zugang zu nichtöffentlichen Informationsquellen und verfügen über Ressourcen für investigative Recherchen, sie können sich die Veröffentlichung auch unter juristischen Gesichtspunkten erlauben.

Jeder Weblog eines privaten Betreibers wäre spätestens nach Eingang einer Klageandrohung durch den Rechtsanwalt der Firma eingeknickt. Selbst wenn man sich im Recht wähnt (und womöglich sogar ist), welcher Blogger hat den Nerv und die Mittel, notfalls bis zum Bundesgerichtshof oder bis zum Bundesverfassungsgericht zu gehen? Solche Prozesse kosten leicht mehrere zehntausend Euro. Verliert man, kann das den finanziellen Ruin bedeuten. Überregionale Zeitungen können sich erfolgreich wehren, weil sie in der Lage sind, solche Prozesse bis zur letzten Instanz durchzuziehen.

Dennoch sind Zeitungen wegen schrumpfenden Werbeeinnahmen und kontinuierlichem Leserschwund in der Krise. Die naheliegende Frage lautet daher: Womit künftig trotz sinkender Auflage Geld verdienen? Schließlich wollen Journalisten bezahlt werden, denn auch sie haben eine Familie zu ernähren. Den Stein der Weisen hat bislang noch niemand gefunden. Etliche Verlage versuchen mit "Paid Content" im Internet Geld zu verdienen. Bezahlschranken sollen die Kultur des "kost nix" ändern und Einnahmen generieren.

POCKETSTORY ist hierzulande ein neuartiger Versuch, übers Internet Inhalte an die Frau respektive den Mann zu bringen. Der Grundgedanke ist einleuchtend: Anstatt mehrere Produkte zu kaufen, erwirbt der Leser einzelne Artikel und hat dabei die Auswahl unter diversen Publikationen. Der Schwerpunkt des Angebots bei POCKETSTORY soll auf Qualitätstexten liegen, für die zwischen 0,39 und 1,99 Euro zu bezahlen sind. Die Leserinnen und Leser sollen nur das bezahlen, was sie wirklich interessiert. Auf POCKETSTORY kann man u.a. Artikel des "Spiegel", der "Zeit", der "Berliner Zeitung" und der "Technology Review" kaufen.

Noch ist das Angebot nicht so üppig wie am Kiosk, wird aber vermutlich noch wachsen. Sofern sich POCKETSTORY durchsetzt. Das Hauptproblem für den geneigten Leser: die Preisgestaltung. Greifen wir den "Spiegel" heraus. Das Einzelheft kostet am Kiosk 4,60 Euro, die Digitalausgabe 3,99 Euro (beide sind im Abo ein bisschen günstiger zu bekommen). Bei POCKETSTORY zahlt man zum Beispiel für die Spiegel-Artikel "Der unheimliche Dienst" 1,11 Euro, für "Der Stratege des Terrors" 1,10 Euro und für "Die Endlager des Krieges" 0,99 Euro. Macht summa summarum 3,20 Euro. Interessiert man sich noch für das Interview mit Johannes B. Kerner ("Ich war getrieben"), kommen weitere 0,91 Euro hinzu - wobei man andernorts und selbst bei Spiegel-Online kurze Zusammenfassungen lesen kann. Kostenlos, wohlgemerkt. Außerdem finden sich im Netz mehrere ältere Interviews mit Kerner und der gleichen Aussage "Ich war getrieben".

Für lediglich vier Spiegel-Artikel zahlt man also bei POCKETSTORY schon mehr, als für das gesamte Magazin im Digital-Format. Das ist schlicht zu teuer und damit unattraktiv. Attraktiver wäre das Ganze, wenn man nicht bloß ausgewählte Artikel einzelner Publikationen angeboten bekäme, sondern jeweils alle aktuellen Heft-Artikel. Vorteil: Die Leserinnen und Leser könnten sich aus mehreren Zeitungen/Zeitschriften/Magazinen das Gewünschte ohne Vorauswahl durch POCKETSTORY heraussuchen. Interessiert mich nämlich die Titelstory des aktuellen Spiegel-Heftes ("Sexualität - Was Frauen wollen?"), suche ich bei POCKETSTORY leider vergeblich. Die kann ich nur (siehe oben) durch den Kauf der Print- oder Digitalausgabe lesen.

Fazit: Meiner Meinung nach ist das Angebot bei POCKETSTORY noch zu dürftig und viel zu teuer. Wer beispielsweise die Hälfte der Printausgabe des Spiegels lesen möchte, würde bei POCKETSTORY (falls die Artikel dort zugänglich wären) ein Vielfaches des Heftpreises berappen. Wäre die Website jedoch die zentrale Sammelstelle für sämtliche Artikel diverser Publikationen und würde die Preise drastisch senken, könnte POCKETSTORY den Verlagen durchaus einen zusätzlichen Vertriebsweg öffnen, der Gelegenheitsleser zur Zahlung animiert. Entwickelt sich POCKETSTORY zu einem üppig ausgestatteten und preiswerten Online-Kiosk, könnte sich das Angebot als attraktive Alternative entpuppen. Die Richtung stimmt jedenfalls.

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[1] Süddeutsche vom 21.05.2015