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31. Mai 2015, von Michael Schöfer
Bloß nicht nachdenken


Die Welt ist voller Klischees: das der ewigen Liebe (bis dass der Tod Euch scheidet), das des guten Westens, das des ehrbaren Kaufmanns, das der unbedarften Blondine, das des fairen Sportlers, das des Wirtschaftsflüchtlings, das der faulen Griechen etc. Klischees sind dazu gemacht, um die Wirklichkeit in Schubladen zu pressen. Jeder soll irgendwie in irgendeine hineinpassen. Und dann stecken wir in ihnen drin. Oder anders ausgedrückt: Wir stecken in ihnen fest. Rauskommen? Äußerst schwierig. Klischees ersetzen das Nachdenken, das Infragestellen von Meinungen. Klischees sind Vorurteile. Und vorgestanzte Reaktionsmuster deren Folge. Dopende Radfahrer? Bestechliche Fußballfunktionäre? Lediglich Betriebsunfälle, nichts weiter als die sattsam bekannten schwarzen Schafe. Heute jubeln Spieler im Trikot von Borussia Dortmund, morgen tun sie es genauso enthusiastisch im Trikot von Bayern München. Vollkommen egal, solange der zahlende Fan die Show schluckt.

Eines der dümmsten Klischees ist die Liebe zum Vaterland. "Ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau," spottete einmal der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann. Dennoch ist die Liebe zum Vaterland nach wie vor ein Phänomen, das man einkalkulieren muss. Die Herrschenden benutzen es nämlich ganz bewusst, damit möglichst viele ihren Interessen dienen. Von dort ist es bis zum Missbrauch nicht mehr allzu weit. Der schwülstigen Liebe zum Vaterland begegnen wir etwa in Nationalhymnen. Mit "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt" auf den Lippen hat man einst deutsche Soldaten bis vor Tore Moskaus getrieben - und die Juden in die Gaskammern der Vernichtungslager. Jetzt wird nur noch "Einigkeit und Recht und Freiheit" gesungen. Wenigstens das. Recht und Freiheit sind ja auch tatsächlich erstrebenswert.

"Verehrte Erde, unter vielen Tausend bist Du, Brasilien, die geliebte Heimat! Den Kindern dieses Bodens bist Du fürsorgliche Mutter, geliebte Heimat, Brasilien! (…) Auf ewig gebettet in den Glanz Deiner Wiege, dem Rauschen des Meeres und dem Licht des weiten Himmels, erscheinst Du, Brasilien, als die große Blüte Amerikas. (…) Du bist die herrlichste hier auf Erden. (…) Wenn wir im Namen der Gerechtigkeit dem Kampf uns stellen, wirst Du sehen, dass keiner Deiner Söhne flieht, und, dass niemand, der Dich liebt, den eigenen Tod fürchtet." [1]

Die Masse soll sich beim Erklingen der Hymne ehrerbietig erheben und voller Pathos den Text mitsingen (am besten mit Tränen in den Augen und der Hand auf dem Herzen). Immerhin sind dann für ein paar Sekunden die 12-Stunden-Schichten für einen Hungerlohn vergessen. Zur Erinnerung: Brasilien gehört zu den Ländern mit den größten sozialen Gegensätzen. Und zum Dank für all das sollen die Ausgebeuteten auch noch tapfer ihr Leben hingeben. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen, denn der Tod fürs Vaterland ist ja bekanntlich der süßeste von allen. Was für ein Bullshit. Das Dumme ist: es funktioniert, wie uns die Geschichte leidvoll lehrt.

"O Russland, geheiligte, kostbare Erde, O Russland, Dir sei unsre Liebe geweiht. Aus mächtigem Willen erwachse und werde ein ruhmreicher Staat für ewige Zeit! Ruhm gebührt Dir, freies Vaterland! (…) Die kommenden Jahre versprechen ein Leben gewaltiger Fülle, wo Träume gedeih’n. Die Treue zur Heimat wird Stärke uns geben. So war es, so ist es und so wird es immer sein!" [2]

Das freie Vaterland? Ein Leben in gewaltiger Fülle? Der Kontrast zu Putins Russland könnte nicht größer sein. Doch solange das einfache Volk daran glaubt, droht ihm keine Gefahr. Die Liebe zum Vaterland soll den Bürgern stets heilig sein. Machthaber und Klerus gehen dabei Hand in Hand, über das Klischee "Gott" soll man ja auch nicht so intensiv nachdenken. Eigenständiges Denken schadet - dem Staat und der Kirche. Deshalb wird zensiert. Wozu die Menschen auf dumme Gedanken bringen? Stellt Euch vor, da kommt jemand und behauptet, die Erde drehe sich um die Sonne. Wenn das erst einmal Schule macht...

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[1] Wikipedia, Hino Nacional Brasileiro
[2] Wikipedia, Hymne der Russischen Föderation