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06. Juni 2015, von Michael Schöfer
Alles eine Frage des Trainings

"Werte Vereinskollegen", beginnt der 100-Meter-Läufer ziemlich kleinlaut, "ich muss gestehen, dass ich euch angelogen habe. In den letzten Jahren habe ich nämlich nicht so hart trainiert, wie ich das im Trainingsbuch dokumentiert habe. Die von mir eingetragenen Zeiten sind leider falsch. Sorry, aber in Zukunft mache ich es bestimmt besser."

"Das haben wir uns schon gedacht", antwortet der Vereinsvorsitzende, "und deshalb hat der Vorstand beschlossen, dich ab sofort schärfer zu kontrollieren. Dein Training muss härter und deine Zeiten müssen schneller werden. Und damit dass endlich geschieht, werden wir dir zunächst den rechten Laufschuh wegnehmen. Sobald du die 100 Meter unter elf Sekunden läufst, bekommst du ihn wieder. Glaube ja nicht, du könntest uns erneut übers Ohr hauen, wir werden zu dritt mit der Stoppuhr neben der Tartanbahn stehen"

"Aber mit einem Schuh kann ich doch nicht richtig laufen", erwidert der 100-Meter-Läufer. "Dann laufe ich ja noch langsamer."

"Streng dich an", ermahnt ihn der Schatzmeister, "alles eine Frage des Trainings. Erst wenn sich deine Zeiten verbessern, darfst du wieder ohne Aufsicht trainieren."

Es kam, wie es kommen musste, die Zeiten des 100-Meter-Läufers verschlechterten sich spürbar.

Monate später:

"Wir sind enttäuscht von dir", hält ihm der Trainer vor. "Du trainierst nicht hart genug, obgleich du es versprochen hast, deine Zeiten sind ja noch schlechter geworden. Bedauerlicherweise müssen wir dir jetzt auch noch den linken Laufschuh wegnehmen. Doch wenn du dich wirklich anstrengst, spendieren wir dir immerhin ein neues Trikot."

"Aber ich habe euch doch gesagt, dass ich mit einem Schuh nicht richtig laufen kann, meine Zeiten mussten ja zwangsläufig langsamer werden."

"Das interessiert uns nicht", meldet sich der Schriftführer. "Wir hatten eine Vereinbarung. Erst bessere Zeiten, dann Laufschuh. So haben wir das abgemacht. Stattdessen hast Du uns bitter enttäuscht. Wir sehen, dass sich an deiner Einstellung überhaupt nichts geändert hat."

Weitere Monate danach:

"Ihr müsst doch endlich einsehen", klagt der 100-Meter-Läufer, "dass ich barfuß nur noch langsamer werden konnte. Mittlerweile sind meine früheren Bestzeiten außerhalb jeder Reichweite. Wenn ihr mir die Laufschuhe nicht zurückgebt, hat jedes Training seinen Sinn verloren. Und für den Wettkampf braucht ihr mich erst gar nicht anzumelden, da kann ich mich nämlich nur blamieren. Ehrlich gesagt überlege ich ernsthaft, den Verein zu wechseln."

"Stimmt, deine Zeiten sind noch viel schlechter geworden. Du hättest dich eben mehr anstrengen müssen. Und wenn du den Verein wechselst, bekommst du eine zweijährige Sperre aufgebrummt. Trainiere endlich so, wie du es versprochen hast: Hart, härter, am härtesten. Der Rest kommt dann von allein."

Der 100-Meter-Läufer ist völlig verzweifelt und fragt sich, ob er im falschen Film ist. "Schneller sprinten ist ohne Spikes definitiv unmöglich, das müssen die doch einsehen. Stattdessen soll ich barfuß meine Zeiten verbessern, um mir die Laufschuhe zurückzuholen. Ein totaler Irrsinn, die haben doch von Sport keine Ahnung."
Man braucht kein Leichtathletik-Fan zu sein, um über die fragwürdigen Methoden der Vereinsführung den Kopf zu schütteln. Jeder Laie weiß, dass es so nicht klappen kann. Aber ersetzen Sie, liebe Leserinnen und Leser, im obigen Text die Vereinsführung durch die Troika (EU, EZB, IWF) und den 100-Meter-Läufer durch Griechenland. Die Griechen haben vor ein paar Jahren die Zahlen frisiert und eine höhere Schuldenquote gehabt, als sie ursprünglich zugaben. Okay, shit happens. Die Troika versprach Hilfe, sofern die Griechen - analog zum Entzug des rechten Laufschuhs - Löhne und Renten kürzen sowie Beamte entlassen würden. Zwangsläufige Folge: Die Wirtschaft brach ein, die Schuldenquote stieg, ein partieller Schuldenschnitt war unvermeidlich. Nun verlangt die Troika - analog zum Entzug des linken Laufschuhs -, die Renten abermals zu kürzen und zudem die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Dadurch wird aber die Wirtschaft noch mehr einbrechen, weil die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erneut sinkt. Wie soll so ein investitionsfreundliches Klima geschaffen werden, das die griechische Wirtschaft wieder ankurbelt? Ein weiterer Schuldenschnitt wird dadurch nahezu unumgänglich. Von der offenbar erschöpften Leidensfähigkeit der Bevölkerung ganz zu schweigen.

Wenigstens EU-Präsident Jean-Claude Juncker zeigt ein bisschen Einsicht: "Wir waren zu unachtsam, was die sozialen Konsequenzen der Krisenpolitik in den einzelnen Ländern anbelangt. Da muss man eingreifen. Wer nicht sieht, dass es in Griechenland eine humanitäre Krise gibt, der ist blind und taub für das, was vor Ort geschieht. (…) Die etablierten Parteien haben oft das Gefühl für die Ängste und Nöte der Menschen verloren." [1] Wie sollen die Griechen je von ihren Schulden herunterkommen, wenn man ihrer Wirtschaft die Luft zum Atmen abschnürt? Und wenn sie auf die Strangulation hinweisen, bekommen sie von der Troika keine Schere zum Durchschneiden des Seils angeboten, sondern bloß den angesichts der lebensbedrohlichen Situation absolut hirnrissigen Rat, sie mögen halt härter trainieren. Es drängt sich einem der Eindruck auf, die Troika wünscht den "Grexit" (das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone) geradezu herbei. Jedenfalls scheint sie derzeit alles zu tun, dass es dazu kommt.

Spannende Frage: Wer ist schuld, wenn Griechenland kollabiert? Die Vereinsführung oder der 100-Meter-Läufer? Die Troika oder die neue griechische Regierung unter Alexis Tsipras?

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[1] Süddeutsche vom 01.06.2015