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07. Juni 2015, von Michael Schöfer
Schön blöd, die Europäer


Anfang 2014 eskalierte die Ukraine-Krise, die mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland am 18. März 2014 ihren ersten Höhepunkt fand. Der Westen reagierte mit Sanktionen. Neuerdings heißt es jedoch, die Europäer seien schön blöd, weil sie sich - im Gegensatz zu den USA - auch an die Sanktionen halten würden: "Die Sanktionen gegen Russland bereiten europäischen Unternehmen große Probleme - dagegen machen ihre US-Konkurrenten weiterhin gute Geschäfte: Im vergangenen Jahr hat der amerikanisch-russische Warenaustausch laut russischen Statistiken um knapp sechs Prozent zugelegt. Der Handel mit den Staaten der Europäischen Union (EU) schrumpfte demgegenüber um fast zehn Prozent", liest man etwa auf Spiegel-Online. [1] Russlandfreundliche Kreise zitieren das mit einer gewissen Häme. Die wäre sogar verständlich - falls es wirklich stimmen würde. Doch die Fakten sagen etwas anderes.

Nach Angaben der Europäischen Kommission sind die Exporte der EU nach Russland im Jahr 2014 gegenüber dem Vorjahr um 13,5 Prozent gesunken, die Importe der EU aus Russland gingen um 12,1 Prozent zurück. Das Handelsvolumen der EU mit Russland ist 2014 gegenüber 2013 von 326,4 Mrd. Euro auf 285,1 Mrd. Euro gefallen (= -12,6 %). [2] Die Europäer halten sich also offenbar an die Sanktionsbeschlüsse.

Wie sieht es auf Seiten der USA aus? Nach Angaben der US-Regierung sind die Exporte der USA nach Russland im Jahr 2014 gegenüber dem Vorjahr um 3,5 Prozent gesunken, die Importe der USA aus Russland gingen um 12,7 Prozent zurück. Das Handelsvolumen der USA mit Russland ist 2014 gegenüber 2013 von 38,2 Mrd. US-Dollar auf 34,4 Mrd. US-Dollar gefallen (= -10 %). [3]

Aktuellere Zahlen über den Handel der EU mit Russland gibt die EU-Kommission noch nicht preis, aber die amerikanische Regierung weist bereits die Daten über die ersten vier Monate des Jahres 2015 aus. Danach sind die Exporte der USA nach Russland von Januar bis April 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 30,4 Prozent (von 3,9 Mrd. US-Dollar auf 2,7 Mrd. US-Dollar) und die Importe der USA aus Russland um 30,1 Prozent (von 8,7 Mrd. US-Dollar auf 6,0 Mrd. US-Dollar) gefallen. Die Amerikaner halten sich daher offenbar ebenfalls an die Sanktionsbeschlüsse.

Der Spiegel (Eigenwerbung: "Keine Angst vor der Wahrheit") schreibt, der amerikanisch-russische Warenaustausch habe 2014 "um knapp sechs Prozent zugelegt" und nennt als Quelle lediglich nicht näher bezeichnete "russische Statistiken", die sich deshalb auch nicht überprüfen lassen. Die amerikanische Außenhandelsstatistik belegt freilich das genaue Gegenteil, nämlich einen Rückgang des Handelsvolumens um 10 Prozent. Und die US-Statistik über die ersten vier Monate des laufenden Jahres weist gegenüber dem Vorjahreszeitraum sogar einen Rückgang von nahezu einem Drittel aus. Wie das Magazin zu der Aussage kommt, der Handel zwischen den USA und Russland floriere trotz der verhängten Sanktionen, ist unklar.

Natürlich habe ich versucht, übers Internet selbst an russische Statistiken über den Außenhandel zu kommen. Bei der Statistikbehörde der russischen Föderation (Rosstat) ist zwar der Handel mit Daten zu einzelnen Ländern aufgeführt, allerdings endet die Statistik im Jahr 2013, obgleich man sie unter "Russia in figures - 2014" findet. Trotzdem fehlt das Jahr 2014. Das mag aber vielleicht auch an meinen fehlenden Russischkenntnissen liegen. Wenigstens habe ich bei Rosstat den Außenhandelsumsatz der Russischen Föderation mit den wichtigsten Handelspartnern für das erste Quartal 2015 gefunden. Und danach ist der russische Außenhandel mit den USA im ersten Quartal 2015 gegenüber dem ersten Quartal 2014 (also dem Zeitpunkt vor den Sanktionen) um 17,4 Prozent (von 6,4 Mrd. US-Dollar auf 5,3 Mrd. US-Dollar) gesunken!

Anhaltspunkte für die These des Spiegels, die USA würden die Sanktionen der Europäer unterlaufen bzw. für eigene ökonomische Interessen ausnutzen, gibt es somit keine.

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[1] Spiegel-Online vom 30.05.2015
[2] European Commission, Trade in goods with Russia, PDF-Datei mit 162 kb
[3] U.S. Department of Commerce, The United States Census Bureau, Trade in Goods with Russia