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02. Juli 2015, von Michael Schöfer
Warum eigentlich ausgerechnet die Zeitungen?


Griechen-Bashing ist momentan en vogue. Aber warum brillieren beim Trommelfeuer der Medien ausgerechnet die Zeitungen? Das ist doch im Grunde vollkommen unverständlich, denn sie sind in einer ähnlichen Situation.

Ihre gegenwärtige Lage ist ebenfalls - zumindest zum Teil - selbstverschuldet: Sie haben einst den fatalen Fehler gemacht, ihr Produkt im Internet zu verschenken. Mittlerweile hat sich alle Welt daran gewöhnt und liest am liebsten "für umme". Nachrichten gibt es schließlich überall kostenlos. Zwangsläufige Folge: Den meisten Zeitungen in Deutschland geht es schlecht, die Auflagen der kostenpflichtigen Printausgaben sinken und sinken. Etliche Zeitungen musste schon aufgeben, sie gingen pleite oder wurden von der Konkurrenz übernommen (Financial Times Deutschland, Frankfurter Rundschau).

Wie reagierten die Verlage? Genauso wie die Troika! Zunächst verordneten sie ihren Blättern harte Sparprogramme: Redakteure wurden entlassen, um die Kosten zu senken. Inhalte wurden ausgedünnt, Online-Redaktionen schlechter entlohnt, Redaktionsgemeinschaften gebildet. Logischerweise konnten die verbliebenen Redakteure das ursprüngliche Niveau nicht lange halten - die Qualität sackte ab und das Produkt wurde austauschbar (kennst du eine Zeitung, kennst du alle). Das führte wiederum zu weiteren Abokündigungen. Die Verlage fühlten sich zu erneuten Sparprogrammen angespornt. Die Zeitungen stecken zweifellos in einem echten Teufelskreis.

Krampfhaft versuchen die Verlage irgendwie an Geld zu kommen. Bezahlmodelle werden erprobt, doch bislang ohne durchschlagenden Erfolg. Die Politik hat den Verlegern auf deren Wunsch hin sogar ein eigenes Gesetz geschenkt. Stichwort: Leistungsschutzrecht. Bisher allerdings ein veritabler Rohrkrepierer. Manche denken an eine Kulturflatrate (Pauschalabgabe) oder an eine Art GEZ für Zeitungen. Kurzum, trotz diverser Versuche fanden sie nicht mehr auf den Wachstumspfad zurück.

"Dann müssen wir eben noch mehr sparen", sagen die Verlage. "Seid ihr verrückt", rufen die Redakteure, "dadurch gehen die Auflagen noch mehr in den Keller. Was wir brauchen sind Investitionen." Die Verlage erwidern: "Dafür haben wir kein Geld." Währenddessen sinken die Umsätze, Journalisten werden arbeitslos, viele müssen sich als sogenannte Freie verdingen (ein Synonym für Billigkräfte). Frust macht sich breit im Lande Gutenbergs.

Das Ganze ist also durchaus mit der Situation von Griechenland vergleichbar: Erstens die zum Teil mitverursachte Lage, zweitens die einschneidenden Sparprogramme, und drittens die sich selbst verstärkende Abwärtsspirale. Angesichts dessen frage ich mich ernsthaft, warum sich ausgerechnet die Zeitungen beim Griechen-Bashing so ins Zeug legen. Eigentlich müssten sie sich gut in die Griechen hineinversetzen können. Der Angstschweiß, den viele Redakteure im Nacken spüren, kennen die Griechen genau. Liegt's vielleicht daran, dass sie sich besser fühlen, wenn sie unter sich noch einen haben, auf dem sie herumtrampeln dürfen?