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28. August 2015, von Michael Schöfer
Aletheia hilf!


Wissenschaftliche Studien suggerieren Genauigkeit und verströmen den Duft der Aletheia, der griechischen Göttin der Wahrheit. Doch wie das halt so ist mit der Mythologie, letztlich beruht sie auf erfundenen Personen und Geschehnissen. Skeptiker sind diesbezüglich im Vorteil - aber vielleicht auch nur deshalb, weil sie ein besseres Gedächtnis haben. Leider kann Otto Normalbürger wissenschaftliche Studien kaum überprüfen, er nimmt ihre Aussagen für gewöhnlich hin und unterstellt ihnen kurzerhand, wahr zu sein. Nur dumm, dass sich Studien oft widersprechen.

Greifen wir ein Beispiel heraus: das Schrumpfen der Mittelschicht. Spätestens seit Gerhard Schröders "Agenda 2010" wird hierzulande heftig über das Schrumpfen der Mittelschicht gestritten. Eine breite Mittelschicht, der es gutgeht und die keine Angst vor dem sozialen Absturz hat, ist das Rückgrat der Demokratie. Erodiert die Mittelschicht, besteht Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität, weil dadurch die Extreme an den Rändern des politischen Spektrums gestärkt werden.

"Das Märchen vom Absturz", titelte die Süddeutsche Zeitung vor fünf Jahren. "Die angebliche Angst vieler Durchschnittsverdiener vor einem Absturz in die Langzeitarbeitslosigkeit ist offenbar weitgehend unbegründet. Das geht aus einer Untersuchung des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. (…) Die Ergebnisse der Studie sind auch politisch brisant, weil sowohl die Regierungsparteien CDU, CSU und FDP als auch die SPD die vermeintlich wachsende Furcht der Mittelschicht vor einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Absturz zum Anlass für Gesetzesänderungen genommen hatten." [1]

"Mittelschicht erweist sich als krisensicher", meldete das Blatt vor drei Jahren. "Immer wieder wurde es beschworen: das Ende der Mittelschicht. Eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) kommt zu einem anderen Ergebnis: 'Ein besorgniserregendes Schrumpfen der Mittelschicht ist nicht zu erkennen.' Die deutsche Mittelschicht sei stabiler als erwartet, heißt es in der Studie." [2]

Doch es gibt natürlich eine Fülle von Studien, die das Gegenteil behaupten: "Deutschlands Mitte bröckelt", lautete im gleichen Jahr das Fazit eines anderen Instituts. "Vom wachsenden Wohlstand profitiert nur eine Elite. Forscher des Berliner DIW und der Universität Bremen widerlegen die These von der Stabilität der Mittelschicht. (…) 'Gemessen an den Reallöhnen, dem realen Haushaltsnettoeinkommen und dem Vermögen hat die Einkommensmittelschicht in Deutschland in den vergangenen Jahren zum Teil deutliche Einbußen erlitten', heißt es in der Untersuchung, die von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben wurde." [3]

"Deutschlands Mittelschicht schrumpft", heißt es auch jetzt. "Die breite Mittelschicht, die am Wohlstand partizipiert, wird schmaler. (…) Trotz eines neuen Beschäftigungsrekords ist die deutsche Mittelschicht in den vergangenen 20 Jahren deutlich geschrumpft. Nach einer Studie der Universität Duisburg-Essen ging der Anteil von Haushalten mit mittleren Einkommen zwischen 1993 und 2013 von 56 auf 48 Prozent zurück. Gleichzeitig stieg die Quote der schlechter Verdienenden." [4] Dass die Mittelschicht nicht wachse, obgleich sich der Arbeitsmarkt gut entwickelt habe, halten die Forscher für eine Folge der Situation Älterer, die "wegen stagnierender Renten in untere Einkommensschichten abrutschen". Und es würden überdies im Gegensatz zu früheren Boomphasen nicht mehr so viele aufsteigen.

Jetzt wissen wir es ganz genau: Das Schrumpfen der Mittelschicht sei eine Mär, sagt das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), dem pflichtet das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) bei. Allerdings kommen das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und das Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen zum gegenteiligen Ergebnis. Aletheia hilf! Manchmal kann man sich daran orientieren, wer die Studie in Auftrag gegeben bzw. wer sie durchgeführt hat. Es ist ja kein Geheimnis, dass Studien nicht selten so ausfallen, wie es dem Auftraggeber zupasskommt. Rein zufällig, versteht sich. Und bestimmte Institute haben darüber hinaus ihre Präferenzen.

Ein anderes Beispiel: "Der Mindestlohn wird Jobs vernichten", hieß es vor kurzem bei dem einen Institut. Natürlich wissenschaftlich fundiert. "Der Mindestlohn wirkt", sagte das andere. Selbstverständlich wissenschaftlich ebenso fundiert. Maßstab darüber, was tatsächlich wahr ist, ist fraglos die Realität. Jedenfalls bislang sind sämtliche Horrorszenarien von der massenhaften Arbeitsplatzvernichtung ausgeblieben. Das Mindestlohngesetz gilt seit dem 1. Januar 2015, und im Mai 2015 gab es in Deutschland 30,6 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigte (522.624 oder 1,7 % mehr als im Vorjahresmonat). Die Anzahl der geringfügig entlohnten Beschäftigten hat demgegenüber im gleichen Zeitraum um 157.800 oder 2,1 Prozent abgenommen. [5] Wobei: Statistik, das ist wiederum eine Wissenschaft für sich. "Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast", lautet ein gerne zitiertes Bonmot.

Auch in einem scheinbar wissenschaftsfixierten Zeitalter gibt es nur ganz wenig Gewissheiten. Mitunter ist es sogar so: Je genauer man hinsieht, desto mehr Fragen tauchen auf. Das bietet mir die Gelegenheit, zur eingangs erwähnten Mythologie zurückzukommen. Wenn man der Hydra einen Kopf abschlug, wuchsen an dessen Stelle zwei neue. Die Hydra wird ja oft als Synonym für die Mafia verwendet. Wenn ich mir die Veröffentlichungen zu Gemüte führe, gilt das mindestens genauso für wissenschaftliche Studien. Wenn man etwas über eine liest, kommen bestimmt zwei andere, die die erste angeblich widerlegen. Und so weiter und so fort. Da gibt’s nur eines: Skeptisch bleiben, egal bei was. Und sich des eigenen Verstandes bedienen.

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[1] Süddeutsche vom 17.05.2010
[2] Süddeutsche vom 27.08.2012
[3] Süddeutsche vom 13.12.2012
[4] Süddeutsche vom 26.08.2015
[5] Bundesagentur für Arbeit, Beschäftigung