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29. August 2015, von Michael Schöfer
Bildung ist ein Schlüsselfaktor


Irrationale Ängste vor Überfremdung gibt es nicht bloß in Sachsen, in anderen Ländern ist die Situation sogar noch viel brisanter. Bei den feindlich gesinnten Atomwaffenmächten Indien und Pakistan zum Beispiel. Mehrfach führten ihre Streitkräfte Krieg gegeneinander, und in Indien hat die Abneigung zwischen Hindus und Muslimen schon häufig zu Pogromen geführt.

Nun jubeln die pakistanischen Muslime, weil sie sich anhand der gegenwärtigen Wachstumsrate der Religionsgruppen bereits ausgerechnet haben, dass ihre indischen Glaubensbrüder in 220 Jahren mit der Anzahl der Hindus gleichziehen. [1] In Indien ist man entsprechend besorgt, denn dort ist der Anteil der Hindus zwischen 1951 und 2011 in der Tat von 84,1 auf 79,8 Prozent gefallen, während der Anteil der Muslime von 9,8 auf 14,2 Prozent stieg. [2]

Zur Zeit leben in Indien 1,27 Mrd. Menschen, doch das Land wird China voraussichtlich bereits 2025 als bevölkerungsreichste Nation der Erde ablösen und soll dann 1,37 Mrd. Einwohner zählen. Nach den Prognosen sind es im Jahr 2050 schon 1,7 Mrd. Indien muss also lange vor Ablauf der besagten 220 Jahre jede Menge Probleme bewältigen, schließlich wollen 1,7 Mrd. Menschen Nahrung und Arbeit haben, vom massiven Anstieg des damit verbundenen Ressourcenverbrauchs ganz zu schweigen. Anders ausgedrückt: Wer sich heute über die Situation in 220 Jahren wirklich Sorgen macht, verliert allzu leicht das Naheliegende aus den Augen.

Außerdem: Was kann in einem solch langen Zeitraum alles passieren! Zur Erinnerung: Vor 220 Jahren, im Jahr 1795, hatte Frankreich mit den Nachwehen der Revolution zu kämpfen, Napoleon Bonaparte war noch nicht an den Schalthebeln der Macht angekommen. In Wien fand damals die Uraufführung von Beethovens zweitem Klavierkonzert statt, Immanuel Kant veröffentlichte seinen philosophischen Entwurf "Zum ewigen Frieden". Die Dampflokomotive war zu jener Zeit noch gar nicht erfunden. Und die Liste der Kriege, die zwischenzeitlich geführt wurden, ist riesig und würde den Rahmen dieses Artikels bei weitem sprengen. Man kann also heute schwerlich erahnen, wie die Welt in 220 Jahren aussehen wird, für Panik vor der scheinbar unausweichlich kommenden Überfremdung gibt es daher keinen Anlass. Wer weiß denn, ob Religionen im 23. Jahrhundert überhaupt noch eine Rolle spielen? Niemand. Vielleicht hat die Menschheit bis dahin die Nase von religiösen Konflikten gestrichen voll und besteht mehrheitlich aus Atheisten. (Ich räume ein, hier ist mein Wunsch der Vater des Gedankens.)

Zudem sinkt auch in Indien das Bevölkerungswachstum. Nach Angaben der Weltbank betrug dort die Fertilitätsrate (Kinder pro Frau) im Jahr 1960 im Durchschnitt noch 5,87, im Jahr 2013 waren es aber bereits weniger als die Hälfte, nämlich 2,48. [3] Entsprechend sank das Wachstum der Bevölkerung im gleichen Zeitraum von 1,96 auf 1,24 Prozent. [4] Interessant sind die regionalen Unterschiede: In den wohlhabenderen Bundesstaaten ist das Bevölkerungswachstum niedriger als in den ärmeren Bundesstaaten, und in den Städten wiederum niedriger als auf dem Land. So liegt die Fertilitätsrate in den armen Bundesstaaten Bihar (Alphabetisierungsquote 63,8 %) und Uttar Pradesh (Alphabetisierungsquote 69,7 %) deutlich über (3,4 bzw. 3,1 Kinder pro Frau), im reichen Bundesstaat Kerala (Alphabetisierungsquote 93,9 %) dagegen deutlich unter dem Durchschnitt (1,8 Kinder pro Frau). [5]

Zusammenfassend lässt sich Folgendes feststellen: Je höher der Bildungsstand (insbesondere der von Frauen), desto höher das Einkommen und desto niedriger das Bevölkerungswachstum. Das schließt im Übrigen beide Religionsgruppen (Hindus, Muslime) mit ein. Eine Feststellung, die nebenbei bemerkt weltweit Gültigkeit hat. Die Korrelation zwischen Bildungsstand und Bevölkerungswachstum ist evident. Bildung ist ein Schlüsselfaktor, der über den wirtschaftlichen Wohlstand einer Gesellschaft entscheidet. Und wenn man den Wohlstand möglichst gerecht verteilt, sinkt der Streit zwischen Bevölkerungsgruppen nahezu auf ein Minimum. Dummheit, Armut und die ungleiche Verteilung des Reichtums sind hingegen der beste Nährboden für Vorurteile und radikale Ideologien. Leider hat sich das noch nicht überall herumgesprochen. Manchen, die sich schon alleine deshalb für überlegen halten, weil sie dumpfe Parolen grölen können, täte ein Mehr an Bildung gewiss gut. Vielleicht wären sie dann auch weniger frustriert.

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[1] Pakistan Today vom 26.08.2015
[2] Wikipedia, Demographics of India, Religious demographics
[3] Weltbank, Fertility rate, total (births per woman)
[4] Weltbank, Population growth (annual %)
[5] Wikipedia, Indian states ranking by fertility rate, und Wikipedia, Liste der Bundesstaaten und Unionsterritorien in Indien