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17. Oktober 2015, von Michael Schöfer
Brüder im Geiste

In jüngster Zeit haben sich einige gründlich diskreditiert und dabei manche Illusion zerstört. Zum Beispiel am vergangenen Samstag in Berlin, auf der Demo gegen das geplante transatlantische Freihandelsabkommen der EU mit den USA (TTIP). Irgendein bedauernswertes Geschöpf glaubte, die Welt mit einer blutverschmierten Guillotine bereichern zu müssen. "Pass blos auf Sigmar", stand auf einem Pappschild. [1] Ausersehen als Schicksalsgenosse von Sophie Scholl (Mitglied der "Weißen Rose", der Widerstandsgruppe gegen die Nazi-Diktatur) war Bundeswirtschaftsminister Gabriel (SPD). Guillotiniert wurde bei uns zuletzt in der DDR. Das sei hier erwähnt, damit allen klar wird, in welcher Tradition sich der Demonstrant sieht. In der von Nazis und Kommunisten.

Nun denkt man für gewöhnlich, wer das unendlich komplexe TTIP-Vertragswerk durchschaut und deshalb dagegen demonstriert, muss intelligent sein. Hätte er sonst das Hinterhältige bei TTIP erkannt? Aber Pustekuchen, der Schöpfer der geschmacklosen Fallbeil-Attrappe kann nicht einmal richtig schreiben. "Blos" mit einfachem "s" ist nun mal grottenfalsch. Und das Komma hat er ebenfalls vergessen. Richtig hätte es lauten müssen: "Pass bloß auf, Sigmar." Der Möchtegern-Scharfrichter steht folglich nicht nur mit TTIP auf Kriegsfuß, sondern darüber hinaus mit der Rechtschreibung. Und ich fürchte, zu allem Überfluss auch noch mit unserer Verfassung und der Demokratie. Dummheit und Gewaltbereitschaft paaren sich eben häufig.

Nicht viel besser machte es zwei Tage später jemand von PEGIDA. Die Deutschen sind ja bekanntlich schon einmal einer fremdenfeindlichen und äußerst brutalen Gruppierung nachgerannt, die von einem geführt wurde, der mit dem Gesetz in Konflikt kam. Die gescheiterte Existenz aus Braunau am Inn landete im Wiener Obdachlosenmilieu und wollte ursprünglich Kunstmaler werden, schaffte es aber mangels Talent bloß (!) zum größten Massenmörder aller Zeiten. Ich sehe da durchaus Parallelen. PEGIDA-Gründer Lutz Bachmann bezeichnete Ausländer als "Viehzeug", "Gelumpe" und "Dreckspack", die Nazi-Propaganda verglich Juden mit Ratten. Erkennen Sie da Unterschiede? Ich nicht.

PEGIDA wird immer radikaler, das hat sich an besagtem Montag in Dresden gezeigt. Irgendein bedauernswertes Geschöpf (offenbar ein Bruder im Geiste) brachte nämlich einen Galgen mit zur Kundgebung. "Reserviert für Siegmar, 'das Pack' Gabriel." [2] Ich weiß nicht, an welchen "Sieg" der Galgenbauer dachte (vielleicht an den Endsieg), aber unser Bundeswirtschaftsminister schreibt sich, wie jeder einigermaßen politisch informierte Zeitgenosse weiß, nur mit "i". Sigmar, nicht Siegmar! Doch vermutlich kommt es beim kurzen Prozess, den der PEGIDA-Sympathisant im Falle der Machtübernahme anstrebt, ohnehin nicht mehr auf die korrekte Schreibweise an. Hoffentlich hat der SPD-Chef inzwischen seine Illusion, man könne mit PEGIDA reden, endgültig verloren. PEGIDA ist unfähig, einen politischen Diskurs zu führen. Wer Journalisten tätlich angreift und "Lügenpresse" skandiert, würde, falls er es könnte, mit Andersdenkenden noch viel rabiater umgehen. Wer Politikern Lynchjustiz androht, verlässt den Boden der Demokratie.

Der Staatsanwalt, der in Sachen Galgen ermittelt, bekam übrigens per E-Mail Morddrohungen zugeschickt. "Für Euch ist die Schlinge auch schon geknüpft. (…) Wir kriegen Euch alle." Ihm wurde die Erschießung angedroht, es komme "der Tag der Abrechnung". [3] Angesichts des aufgeheizten Klimas sind solche Drohungen ernst zu nehmen. Es gibt viel zu viele frustrierte Wirrköpfe. Schockierende Nachricht: In Köln ist die parteilose OB-Kandidatin Henriette Reker an einem Info-Stand durch einen Messerangriff schwer verletzt worden. Es wäre extrem hilfreich, wenn die Behörden endlich konsequent handeln würden, die Dresdner Polizei hat jedoch vom Galgenbauer noch nicht einmal die Personalien festgestellt. Aber sie sucht aber nach ihm... Mit ganzer Kraft, wie ich annehme.

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[1] Cicero vom 14.10.2015
[2] Die Zeit-Online vom 14.10.2015
[3] Spiegel-Online vom 14.10.2015