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06. Dezember 2015, von Michael Schöfer
Völkerwanderung


Der Zustrom von Flüchtlingen wird oft mit der Völkerwanderung gleichgesetzt, die wiederum zum Untergang des Römischen Reiches geführt habe. Das soll heißen: Die Flüchtlinge sind der Untergang Europas (oder wenn Sie so wollen: der Untergang des Abendlandes). Dem liegt freilich ein falsches Geschichtsverständnis zugrunde.

Vergesst Hollywood! In den Sandalenfilmen stehen sich die jeweiligen Kaiser und die Senatoren (als vermeintliche Vertreter des römischen Volkes) feindselig gegenüber. Doch das ist irreführend, denn im Senat von Rom hatten zu jener Zeit längst die Vertreter der römischen Aristokratie die Oberhand, also die vermögenden Großgrundbesitzer. Das gemeine Volk kommt in den Sandalenfilmen überhaupt nicht vor, allenfalls in den Schlachtszenen als massenhaft sterbende Legionäre oder als Zuschauer im Kolosseum. In der Spätzeit der Römischen Republik (509 v. Chr. - 27 v. Chr.) verloren nämlich die Plebejer (lat. plebs "Menge, Volk") mehr und mehr an politischem Einfluss und ökonomischer Teilhabe. Versuche, diese Entwicklung rückgängig zu machen (Gracchische Reformen), endeten mit der Ermordung der Reformer. Das, was uns Hollywood zeigt, sind somit nur die Auseinandersetzungen innerhalb der Oberschicht.

Die Römische Republik zerfiel nach einer Phase, die durch Diktatur und Bürgerkrieg geprägt war. Die anschließende Kaiserzeit (27 v. Chr. - 476 n. Chr.) verschärfte jedoch die Probleme, die schon zum Untergang der Republik führten. Die ökonomischen Unterschiede wuchsen, ebenso die inneren Auseinandersetzungen. "Seit Ende des zweiten Jahrhunderts waren Bürgerkriege im Römischen Reich üblich geworden. Vom Tod des Marcus Aurelius im Jahr 180 bis zum Zerfall des Weströmischen Reiches im Jahr 476 verging kaum ein Jahrzehnt ohne einen Bürgerkrieg oder einen Staatsstreich. Wenige Kaiser starben eines natürlichen Todes oder fielen in der Schlacht. Die meisten wurden von Thronräubern oder von ihren eigenen Soldaten ermordet." [1] Die Völkerwanderung, der Einfall der "Barbaren" ins Römische Reich (ab 375 n. Chr.), war demzufolge nicht die Ursache, sondern lediglich ein Symptom des inneren Zerfalls. Kurz gesagt: Die Römer sind letztlich am Egoismus und an der Blindheit ihrer Politiker gescheitert, ohne diese selbst verursachte Schwächung hätten sie wahrscheinlich dem äußeren Druck standgehalten.

Gleichwohl sind die Analogien nicht völlig falsch, allerdings anders als die meisten meinen. Denn die Verschärfung der ökonomischen Gegensätze und den schwindenden Einfluss des Volkes erleben wir auch heute. 7,05 Billionen US-Dollar besitzen die 1.826 Milliardäre dieses Planeten. Die reichsten 0,7 Prozent der Erdenbürger verfügen über 45,2 Prozent des Reichtums, die ärmsten 71 Prozent müssen sich hingegen ganze 3 Prozent Anteil am globalen Vermögen teilen. [2] Selbst im wohlhabenden Deutschland wachsen die Unterschiede zwischen Arm und Reich. Die Mittelschicht, das Rückgrat der Demokratie, erodiert zusehends. Und die Bürger können sich immer weniger gegen die Partikularinteressen der Wirtschaft durchsetzen. Es droht die "marktkonforme Demokratie", die einer politischen Entmündigung des Volkes gleichkommt. Obendrein erleben autoritäre Regierungen eine Renaissance (Ungarn, Polen), während sich der gemeinsame Wertekanon (Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaat, Solidarität) allmählich aufzulösen scheint. Wie im Römischen Reich die Völkerwanderung ist daher die jetzige Flüchtlingskrise nicht die Ursache, sondern lediglich ein Symptom des inneren Zerfalls, der geprägt ist von politischer und ökonomischer Exklusion.

Daraus folgt: Wer die Demokratie retten will, muss diesen fatalen Trend stoppen und umkehren. Rechtspopulistische Parteien wählen bringt, analog zur Römischen Kaiserzeit, nicht die Rettung, sondern beschleunigt den Zerfall. Wir müssten eigentlich aus der Geschichte gelernt haben, dass autoritäre Regime, gleich welcher Couleur (rechte wie linke), die Durchsetzung von Partikularinteressen eher verstärken anstatt sie zu beseitigen. Das heißt: Diejenigen, die uns nun mit dem Begriff "Völkerwanderung" Angst einjagen wollen, sind mit Sicherheit kein Teil der Lösung. Andererseits müssen die bisherigen Volksparteien ihre Politik grundlegend überdenken, denn sie tragen für die unsoziale Politik der vergangenen Jahrzehnte zweifellos die Hauptverantwortung.

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[1] Daron Acemoglu / James A. Robinson, Warum Nationen scheitern, Frankfurt/Main 2013, Seite 211
[2] Süddeutsche vom 05.12.2015