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12. Dezember 2015, von Michael Schöfer
Ich hasse solche Ungenauigkeiten


Sigmar Gabriel hat auf dem SPD-Bundesparteitag in Berlin zweifellos eine veritable Klatsche erhalten - magere 74,3 Prozent bei seiner Wiederwahl als Parteivorsitzender. Dafür gibt es viele Gründe, schuld hat wohl vor allem seine Wankelmütigkeit. Doch darum soll es hier gar nicht gehen, sondern um die mediale Aufbereitung seines schlechten Wahlergebnisses.

Tina Hassel vom ARD-Hauptstadtstudio wies in der Tagesschau vom 11. Dezember süffisant darauf hin: "Nur einmal hat ein Parteivorsitzender ein noch schlechteres Ergebnis eingefahren - ausgerechnet Oskar Lafontaine 1995." [1] Auch die Süddeutsche setzt Oskar Lafontaine mit seinen 62,6 Prozent anno 1995 als "schlechtestes Wahlergebnis" ans Ende ihrer Liste. [2] Die FAZ erwartungsgemäß ebenso. [3]

Doch diese Information ist falsch, weil sie einen entscheidenden Hinweis unterschlägt: Parteivorsitzender war damals der eher unbeholfen agierende Rudolf Scharping, der in einer Kampfabstimmung um den Parteivorsitz gegen Oskar Lafontaine unterlag. Ergebnis: 321 Stimmen für Lafontaine, 190 Stimmen für Scharping (von insgesamt 513 Delegiertenstimmen). Mit anderen Worten: Das schlechteste Wahlergebnis aller SPD-Parteivorsitzenden fuhr nicht Lafontaine ein, sondern vielmehr Scharping, der 1995 auf dem Mannheimer Bundesparteitag bei seiner Abwahl ganze 37 Prozent bekam. Schlecht recherchiert? Oder haben die Medien den Kontext bewusst unterschlagen?

Die SPD befand sich nämlich zu jener Zeit in den Wahlumfragen auf dem absteigenden Ast. Lafontaine wollte das Ruder herumreißen und hielt am Vortag seiner Wahl zum Parteivorsitzenden eine fulminante Rede, für die er stürmischen Applaus der Delegierten erntete. Damit war Scharpings Schicksal besiegelt. 57 Prozent aller Deutschen bezeichneten anschließend laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa die Wahl Lafontaines als richtig. [4] Oskar Lafontaine war denn auch gemeinsam mit Gerhard Schröder maßgeblich am Machtwechsel des Jahres 1998 beteiligt, bei dem die SPD endlich Dauerkanzler Helmut Kohl (CDU) ablösen konnte. Anders ausgedrückt: Die 62,6 Prozent für Lafontaine waren ein Triumph, keine Blamage. Auf dem Bundesparteitag 1997 wurde Lafontaine übrigens mit beachtlichen 93,2 Prozent bestätigt.

Dass die Medien die tatsächlichen Begebenheiten so verdrehen, ist ärgerlich. Selbst Antipathie gegenüber Lafontaine sollte Journalisten nicht davon abhalten, bei der Wahrheit zu bleiben, so etwas nennt man gemeinhin professionelles Verhalten. Oder "Qualitätsjournalismus". Es genügt vollkommen, wenn stattdessen Politiker mit Halbwahrheiten glänzen. Ein Beispiel: Sigmar Gabriel versprach auf dem Bundesparteitag in Berlin, die Parteimitglieder zu befragen, falls in Syrien eine deutsche Beteiligung an Kampfhandlungen geplant würde. [5] Dabei hat die Bundesregierung erst vor kurzem Tornados in die Türkei entsandt, die die Staatenkoalition beim Kampf gegen den IS unterstützen.

Wie bitte? Die Tornados sollen nur aufklären, aber keine Bomben abwerfen? Ja ist denn das keine Beteiligung an Kampfhandlungen? Schließlich ist auch der Fahrer des Fluchtwagens am Banküberfall beteiligt, obwohl er nur mit laufendem Motor vor der Eingangstür auf seine Komplizen wartet. Dass Letztere mit der Pistole das Kassenpersonal bedrohen, muss er sich genauso ankreiden lassen wie seine Mittäter. Kein Wunder, wenn Sigmar Gabriel bei derart die Wahrheit verdrehenden Aussagen schlechte Wahlergebnisse einfährt. Bedauerlicherweise haben die Medien diesen Widerspruch in Gabriels Aussage ebenfalls unter den Tisch fallen lassen. Es hat schon seinen Grund, wenn die Menschen der Presse reserviert gegenüberstehen.

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[1] tagesschau.de vom 11.12.2015
[2] Süddeutsche vom 12.12.2015, Printausgabe Seite 2
[3] FAZ.Net vom 11.12.2015
[4] Der Spiegel 47/1995 vom 20.11.1995
[5] Süddeutsche vom 11.12.2015