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06. Februar 2016, von Michael Schöfer
Jesus kannte seine Pappenheimer


PEGIDA, AfD & Co. tun ja immer so, als würden sie die westlichen Werte verteidigen, dabei scheinen sie gar nicht zu wissen, was überhaupt zum westlichen Wertekanon gehört.

Die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" setzen sich zum Beispiel für "die Erhaltung und den Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur" ein. Das hält Lutz Bachmann, den Gründer von PEGIDA, jedoch nicht davon ab, Ausländer als "Viehzeug", "Gelumpe" und "Dreckspack" zu beschimpfen. Sehr christlich! Auch Frauke Petry, die Vorsitzende der AfD, stellt ihren Glauben ostentativ in den Vordergrund: "Ich versuche, die christliche Weltanschauung jeden Tag zu leben." [1] Ihre Stellvertreterin, Beatrix von Storch, gilt ebenfalls als engagierte evangelische Christin und vertritt entsprechende Positionen. Sie schöpfe ihre Kraft aus dem christlichen Glauben, ihr Glaube an Jesus Christus präge daher auch ihr Handeln, behauptet sie. [2] Allerdings würden beide an der Grenze auf Flüchtlinge schießen lassen. Selig sind die Barmherzigen!

Der christlichen Legende nach war der gerade geborene Jesus mit seinen Eltern auf dem Weg nach Ägypten, sie flohen vor König Herodes, dem Kindermörder. (Dessen Rolle hat inzwischen Baschar al-Assad übernommen.) Beatrix von Storch schreibt auf Facebook: "Ich habe bejaht, daß 'Frauen mit Kindern' mit Waffengewalt am Übertritt der grünen Grenze gehindert werden sollen." [3] Ob sie vor 2000 Jahren auch auf die Familie ihres Religionsgründers hätte schießen lassen? Und woraus würde sie dann heute ihre Kraft schöpfen? Ich möchte es an dieser Stelle mit dem Christentum keinesfalls übertreiben, doch ein kleiner Hinweis sei mir gestattet: Das Fundament des christlichen Glaubens ist bekanntlich die Nächstenliebe. Beatrix von Storch setzt sich für den Lebensschutz ein, sie ist gegen Abtreibung und Sterbehilfe. Aber das geborene Leben darf man ihren Worten zufolge mit Waffengewalt am Grenzübertritt hindern. Nur als Ultima Ratio, versteht sich. [4] Das nenne ich Christentum konsequent zu Ende gedacht. (Achtung: Ironie!)

Zum westlichen Wertekanon gehören: Demokratie, Menschenrechte, Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Pluralismus, Toleranz, Meinungsfreiheit, soziale Gerechtigkeit, Humanismus etc. Alles übrigens gegen den hartnäckigen Widerstand der Kirche erkämpft. Nicht zu den westlichen Werten gehören: Hass, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Intoleranz, Autoritarismus, Diktatur etc. Mit anderen Worten: Wer vorgibt, das "Abendland" retten zu wollen, dabei aber Hass auf Andersdenkende und Minderheiten predigt, vertritt definitiv keine westlichen Werte. Kein Wunder, dass besagter Jesus bereits in der Bergpredigt vor Heuchlern und falschen Propheten warnte: "Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie (harmlose) Schafe, in Wirklichkeit sind sie aber reißende Wölfe." [5] Offenbar kannte er schon damals seine Pappenheimer. Wir kennen unsere auch.

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[1] agwelt.de vom 19.02.2015
[2] kath.net vom 07.09.2013
[3] Facebook, Beatrix von Storch, 31.01.2016, 22:37 Uhr
[4] Entgegen der Auffassung der AfD-Politikerin gibt es dafür keine Rechtsgrundlage, siehe Kein Schießbefehl, bloß Schusswaffengebrauch vom 30.01.2016
[5] Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Das Neue Testament, Stuttgart 1983, Seite 30, Mt 7, 15-19