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25. Mai 2016, von Michael Schöfer
Das unselige Bild muss weg


Ein Demokratieverächter und Kriegstreiber ist wahrlich kein Aushängeschild für die Bundesrepublik Deutschland. Nein, hier ist ausnahmsweise einmal nicht vom Massenmörder Adolf Schicklgruber alias Hitler die Rede, sondern von Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen, besser bekannt unter Wilhelm II. Der letzte deutsche Kaiser war oberster Repräsentant des preußischen Militarismus und stürzte Deutschland mit seiner dilettantischen Politik geradewegs in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges. Ergebnis: 9,56 Mio. gefallene Soldaten, horrende Kriegskosten, wirtschaftlicher Niedergang und soziales Elend. Ohne den Ersten Weltkrieg wäre der spätere Aufstieg des österreichischen Gefreiten zum "Führer" und der noch viel verheerendere Zweite Weltkrieg vermutlich ausgeblieben. Und mit ihm wohl auch der Holocaust, der Völkermord an den europäischen Juden.

Welch faszinierender Gedanke: Was wäre Deutschland ohne das fatale Wirken von "Wilhelm Zwo" alles erspart geblieben - wir würden heute in einer ganz anderen Welt leben. Wilhelm II. initiierte die törichte Aufrüstungspolitik, veränderte das bis dahin austarierte Gleichgewicht der europäischen Großmächte, stand für den autoritätsfixierten Obrigkeitsstaat und verweigerte sich hartnäckig demokratischen Reformen (in Preußen galt bis zuletzt das Dreiklassenwahlrecht). Nichts charakterisiert die Wilhelminische Epoche so akkurat wie das schneidig herausgebellte "hamse jedient?" in Carl Zuckmayers Theaterstück "Der Hauptmann von Köpenick" oder der Untertan in Heinrich Manns gleichnamigem Roman. Das einzig Gute, das man von Wilhelm Zwo sagen kann, ist, dass wir mit ihm endlich die adlige Mischpoke losgeworden sind, die seitdem ihr kümmerliches Dasein hauptsächlich in der Regenbogenpresse fristet.

Würden Sie so einen in Ihrem Wohnzimmer aufhängen? Vor allem dann, wenn Sie dort oft Gäste empfangen? Von ein paar unbelehrbaren Monarchisten abgesehen würden Sie sich bei den meisten bestimmt lächerlich machen. Wilhelm Zwo taugt nicht einmal fürs Klo. Deutschland hat da offenbar weniger Bedenken, denn im deutschen Generalkonsulat in Istanbul hängt ein Ölgemälde von Wilhelm Zwo sogar in einem Festsaal. Nein, es "schmückt einen der drei kleineren Festsäle", wie sich die deutsche Auslandsvertretung in der Türkei auszudrücken beliebt. Der frühere Kaiser ist auf dem Gemälde auch noch in türkischer Pascha-Uniform abgebildet. Dieser Kriegstreiber, dieser Demokratieverächter soll Deutschland "schmücken"? Und das ausgerechnet in der Türkei?

Nun, irgendwie passt das gewissermaßen wie die Faust aufs Auge. "Deutsche Militärs waren mitverantwortlich für mehr als eine Million ermordeter Armenier im Osmanischen Reich", schreibt Jürgen Gottschlich in seinem Buch "Beihilfe zum Völkermord". Bundespräsident Joachim Gauck nannte die Verbrechen ebenfalls einen Völkermord. Und auch der Deutsche Bundestag wird die massenhafte Ermordung und Vertreibung von Armeniern im Ersten Weltkrieg voraussichtlich Anfang Juni in einer Resolution als Völkermord bezeichnen. Erstaunlich: Dafür haben wir 100 Jahre gebraucht.

Der damalige deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg reagierte auf Warnungen seiner Diplomaten, was da in der Türkei im Gange sei, abweisend: "Unser einziges Ziel ist es, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht." [1] Das nennt man wohl Machtpolitik. Andere hatten noch weniger Skrupel: Der preußische Offizier Friedrich Bronsart von Schellendorf wurde 1914 zum Generalstabschef des Osmanischen Heeres ernannt und war am Völkermord an den Armeniern beteiligt. Seine rassistische Gesinnung gab er wie folgt kund: "Der Armenier ist, wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit, der die Gesundheit eines anderen Landes, in dem er sich niedergelassen hat, aufsaugt. Daher kommt auch der Hass, der sich in mittelalterlicher Weise gegen sie als unerwünschtes Volk entladen hatte und zu ihrer Ermordung führte." [2] Die Opfer waren also an ihrem Schicksal selbst schuld. Wenig verwunderlich, dass wir diesen feinen Herrn später an der Seite Erich Ludendorffs wiederfinden, der wiederum 1923 am gescheiterten Putsch von Adolf Hitler gegen die junge Weimarer Republik beteiligt war (Marsch auf die Feldherrnhalle). So fügt sich eben eins ins andere.

Aber ungeachtet dieser Geschehnisse und der historischen Verbindungslinien "schmückt" sich das deutsche Generalkonsulat in Istanbul mit einem Ölgemälde von Wilhelm II. Wie unpassend für das demokratische Deutschland. Meiner Meinung nach wird unser Land dadurch besudelt. Was sollen eigentlich die Türken von uns denken, die sich mit ihrer eigenen Geschichte so schwer tun und gleichzeitig gegen den Autokrat Erdogan auflehnen? Deutschland fühlt sich durch Wilhelm Zwo geehrt? Haben wir sie noch alle? Ich finde, das unselige Bild muss weg.

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[1] Wikipedia, Theobald von Bethmann Hollweg
[2] Wikipedia, Friedrich Bronsart von Schellendorf