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25. Juni 2016, von Michael Schöfer
Beschwert Euch nicht, macht was!


Die Alten hätten den Jungen beim EU-Referendum in Großbritannien die Zukunft gestohlen, hört man allenthalben. "Wie uns die Alten die Zukunft versauen", lauten etwa die Schlagzeilen nach der Abstimmung, bei der sich die Briten mehrheitlich für den Brexit entschieden haben. "Thank you", rufen die Jungen sarkastisch. Sie sind wütend und enttäuscht. Die Alten hätten für etwas gestimmt, dessen Folgen sie aufgrund ihres Alters gar nicht mehr zu spüren bekämen. Die Folgen des Austritts aus der Europäischen Gemeinschaft müssten hauptsächlich die Jungen ausbaden. Bei allem durchaus verständlichen Furor sollte man dennoch die Fakten nicht leichtfertig über Bord werfen.

Vor dem Referendum waren die Präferenzen klar: Junge Briten sind für den Verbleib in der EU, ältere Briten für den Austritt aus der Gemeinschaft. Dem Meinungsforschungsinstitut "YouGov" zufolge sprachen sich in einer Online-Umfrage kurz vor der Abstimmung 63 Prozent der über 65-Jährigen für den Brexit aus, während es in der Altersgruppe der 18-24-Jährigen lediglich 20 Prozent waren. [1] Nach Angaben von LordAshcroftPolls.com haben am 23. Juni von den 18-24-Jährigen beachtliche 73 Prozent gegen den Brexit gestimmt, von den 25-34-Jährigen waren es 62 Prozent. Bei den 45-Jährigen kippt das Ganze, ab dieser Altersgruppe waren die Austrittsbefürworter in der Mehrheit. [2] Insofern können sich die Jungen, zumindest auf den ersten Blick, tatsächlich zu Recht über die Älteren beklagen.

Doch das ist falsch, denn die Jungen sind am Ausgang der Abstimmung selbst schuld. Sie waren zwar mehrheitlich gegen den Austritt aus der EU, allerdings haben sie sich am Referendum bloß unterdurchschnittlich beteiligt. Nach Angaben der BBC wiesen nämlich Gebiete mit einem höheren Anteil an jungen Wahlberechtigten eine geringere Wahlbeteiligung auf. [3] Nach Angaben des Office for National Statistics waren in Großbritannien im Jahr 2011 (aktuellere Daten nicht verfügbar) 22,43 Mio. Einwohner in einem Alter zwischen 13 und 39 Jahren und 22,08 Mio. zwischen 40 und 66. Das sind die, die heute, sofern Wanderungsbewegungen und Mortalität daran nichts gravierend geändert haben, zwischen 18 und 44 (überproportional Brexit-Gegner) bzw. zwischen 45 und 71 (überproportional Brexit-Befürworter) sind. [4] Kurz gesagt: Wären Erstere stärker zu den Polling Stations geströmt, hätten sie Letztere übertrumpfen können und das Ergebnis sähe wahrscheinlich anders aus. Mit anderen Worten: Die Jungen haben sich den Brexit durch ihre Wahlabsenz selbst eingebrockt. Jetzt auf die Alten zu schimpfen, ist daher vollkommen unangebracht. Die Jungen müssen sich vielmehr an die eigene Nase fassen.

Wer sich nicht einbringt und die eigenen Interessen vertritt, braucht sich nicht zu beklagen, wenn andere die Sache dann in ihrem Sinne entscheiden. That's democracy. Hinweise, dass die Wahlbeteiligung der Jungen für das EU-Referendum ausschlaggebend sein würde, gab es im Vorfeld mehr als genug. Warum haben die Jungen darauf nicht gehört? Provokant gefragt: War Euch am 23. Juni das Gelaber auf Facebook wieder einmal wichtiger als die Zukunft Europas? Seid ruhig geschockt, hoffentlich ist Euch das eine Lehre! Die Alten werden über kurz oder lang abtreten, demzufolge müssen die Jungen deren Plätze in den gesellschaftlichen Institutionen einnehmen. Oder sagen wir: müssten. Doch wo, bitteschön, ist denn der Nachwuchs? Wenn ich mir beispielsweise hierzulande die Parteien oder die Gewerkschaften ansehe, kommt man sich - überspitzt formuliert - fast vor wie in einem Altersheim.

Durchschnittsalter in den Parteien Ende 2014: Linke 60, CDU 59, SPD 59, CSU 58, FDP 54, Grüne 49. [5] In der SPD waren 53 Prozent der Mitglieder über 60, aber nur 16 Prozent unter 41. [6] Bei der CDU sieht die Altersstruktur ähnlich aus: 50 Prozent über 60, aber lediglich 15 Prozent unter 41. [7] Kein Wunder, dass die Regierungspolitik entsprechend ausfällt. Ganz anders übrigens die Grünen: 20 Prozent über 60, aber immerhin 30 Prozent unter 41. [8] Zum Vergleich die gegenwärtige Altersstruktur der Bevölkerung Deutschlands: 26 Prozent über 60, 42 Prozent unter 41. [9] Würden sich die Jungen gemäß ihres Bevölkerungsanteils engagieren, könnten sie wesentlich öfter Entscheidungen in ihrem Sinne beeinflussen. Weil sie sich jedoch diesbezüglich vornehm zurückhalten, bestimmen die Alten die Marschrichtung. Leider überwiegt im Alter selten die Weisheit, hier hat man es eher mit einem ausgeprägten Starrsinn zu tun ("haben wir schon immer so gemacht"). Betätigungsfelder gäbe es mithin genug.

Doch die Jugend ist heutzutage alles andere als rebellisch, und sie will offenbar auch keine Verantwortung übernehmen. Nicht einmal die Verantwortung für die eigene Zukunft, wie sich in Großbritannien gezeigt hat. YouTube und Facebook sind ihr womöglich wichtiger. Die Zukunft wird unterdessen andernorts entschieden - in den Parteien und an den Wahlurnen. Informiert Euch, beteiligt Euch, aber beschwert Euch nicht nur, sondern macht endlich was! Mit Verlaub: Eure Larmoyanz ist nicht mehr auszuhalten, Euer Phlegmatismus kotzt mich an. Wenn Ihr eine andere Welt haben wollt, dann baut gefälligst an ihr mit. Und starrt nicht bloß ständig auf euer Smartphone!

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[1] FAZ.Net vom 24.06.2016
[2] Lord Ashcroft Polls vom 24.06.2016
[3] BBC vom 24.06.2016
[4] Office for National Statistics, 2011 Census: Population estimates by single year of age and sex for local authorities in the United Kingdom, Excel-Datei mit 828 kb
[5] Statista, Durchschnittsalter der Mitglieder der politischen Parteien in Deutschland am 31. Dezember 2014
[6] Bundeszentrale für politische Bildung, Soziale Zusammensetzung der SPD-Mitgliedschaft
[7] Bundeszentrale für politische Bildung, Soziale Zusammensetzung der CDU-Mitgliedschaft
[8] Bundeszentrale für politische Bildung, Soziale Zusammensetzung der Mitgliedschaft der GRÜNEN
[9] Statistisches Bundesamt, 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung für Deutschland


Nachtrag (05.07.2016):
Nun liegen genauere Angaben zur Wahlbeteiligung vor. In der überwiegend proeuropäisch eingestellten Altersgruppe der unter 24-Jährigen hat am 23. Juni nur gut ein Drittel überhaupt gewählt. Sky News hat über Twitter die Wahlbeteiligung aufgeschlüsselt nach Altersgruppen verbreitet. [10]

[10] Sky News vom 25.06.2016

Damit ergibt sich das in der nachfolgenden Tabelle und Grafik aufgeführte Bild:

Alter
Wahlbeteiligung [10]
vote Remain
(gegen Brexit) [2]
vote Leave
(für Brexit) [2]
18-24 36 % 73 % 27 %
25-34 58 % 62 % 38 %
35-44 72 % 52 % 48 %
45-54 75 % 44 % 56 %
55-64 81 % 43 % 57 %
65+ 83 % 40 % 60 %