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20. Juli 2016, von Michael Schöfer
Blender haben's eben leichter


Die Welt ist voller Blender. Und warum? Weil es funktioniert. Leider. Wir können uns ja noch gut an diverse Abgeordnete und Minister erinnern, die ihre Dissertationen abgekupfert haben. So ein Doktortitel schmückt halt ungemein. Nun ist bekannt geworden, dass auch die Bundestagsabgeordnete Petra Hinz (SPD) ihren Lebenslauf frisiert hat. Sie habe entgegen ihren ursprünglichen Angaben weder Abitur gemacht noch Jura studiert, räumt sie jetzt ein. "Wir alle sind schockiert, dass Petra Hinz uns 30 Jahre lang eine falsche Biografie aufgetischt hat", sagt NRW-Justizminister Thomas Kutschaty als Vorsitzender der SPD Essen. [1] Hinz kommt aus Essen und hat dort ihren Wahlkreis. Christine Lambrecht, Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion, beteuert: "Gerade in der SPD zählten nicht Hochschul- und Studienabschlüsse, sehr wohl aber Vertrauen und Glaubwürdigkeit." [2] Ja, ja, wer's glaubt.

Ich will derartige Fälschungen überhaupt nicht verteidigen. Und natürlich haben diejenigen absolut recht, die beklagen, durch solche Machenschaften gehe viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit in die Politik verloren. Dennoch sind die o.g. Reaktionen ein bisschen heuchlerisch, denn Hochschul- und Studienabschlüsse spielen in der Karriereplanung durchaus eine Rolle. Die 630 Bundestagsabgeordneten haben der Website des Deutschen Bundestages zufolge während ihrer Ausbildung alles in allem 719 Studienfächer belegt - von der Anglistik bis zu den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (offensichtlich waren Mehrfachnennungen möglich). [3] Ob sie auch einen Abschluss gemacht haben, kann man der Statistik nicht entnehmen. Überprüft ja auch keiner, wie man bei Petra Hinz sieht.

Beamte, Angestellte des Öffentlichen Dienstes, Juristen, Volks- und Betriebswirte sowie Ingenieure sind im Bundestag stark vertreten. [4] Sage und schreibe 91 Prozent der Bundestagsabgeordneten sind Akademiker, Arbeiter findet man dort jedoch so gut wie keine. [5] Im Gegensatz zu früher. Repräsentativ für die Bevölkerung ist der Deutsche Bundestag nicht, denn nur 28 Prozent der Bevölkerung haben einen Hochschulabschluss. [6]

In der Vita ist, wenn man Bundestagsabgeordneter werden will, ein Jurastudium eben wesentlich vorteilhafter als eine Ausbildung zum Schreinergesellen. Selbst in der SPD. 2009 waren lediglich 16 Prozent der SPD-Mitglieder Arbeiter, dagegen hatten 37 Prozent einen Hochschulabschluss. [7] Eigentlich beschämend für eine Partei, deren Wurzeln in der Arbeiterbewegung liegen. Kein Wunder, wenn sich die Bevölkerung immer weniger von den Abgeordneten vertreten sieht. Angesichts dessen ebenso wenig verwunderlich, dass Referenden (etwa das über den EU-Austritt Großbritanniens) ganz anders ausgehen als vom Establishment erwünscht. Wer unbedingt dazugehören will, fälscht dann mitunter seinen Lebenslauf, weil das erfolgversprechender ist. Dabei nutzen sie bloß eine menschliche Schwäche, denn vor Menschen mit irgendeinem Titel haben die meisten halt einen Heidenrespekt. Ob gerechtfertigt oder nicht, lasse ich hier bewusst offen.

Das, was Petra Hinz gemacht hat, ist zweifelsohne verwerflich. Aber das ist ein System der Personalauswahl, das solche Täuschungen geradezu herausfordert und unübersehbar auch noch belohnt, sicherlich genauso. Blender ergattern nämlich ein Mandat erheblich leichter als Hinz und Kunz.

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[1] WDR vom 20.07.2016
[2] tagesschau.de vom 20.07.2016
[3] Deutscher Bundestag, Abgeordnete in Zahlen, Studienfächer
[4] Deutscher Bundestag, Fakten - Der Bundestag auf einen Blick, PDF-Datei mit 10,2 MB
[5] Deutschlandfunk vom 15.10.2015
[6] OECD, Soziale und ökonomische Teilhabe durch Bildung: Deutschland muss seine Chancen nutzen
[7] Bundeszentrale für politische Bildung, Soziale Zusammensetzung der SPD-Mitgliedschaft