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06. August 2016, von Michael Schöfer
Falsche Idole


Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre hatten fortschrittlich gesinnte Menschen große Sympathie für die Revolution in Nicaragua. Als die Sandinisten der FSLN 1979 Diktator Anastasio Somoza stürzten, war das ein Hoffnungsschimmer für ganz Lateinamerika. In jener Zeit unterdrückten nämlich im Hinterhof der USA Militärdiktaturen die Bevölkerung, so etwa - um nur die wichtigsten zu nennen - in Chile (1973-1990), Argentinien (1976-1983), Brasilien (1964-1985) und Uruguay (1973-1985). Washington unterstützte die Juntas, obgleich diese gegen sämtliche demokratischen Werte verstießen. Zynisches Motto: "Er ist zwar ein Schweinehund, aber er ist unser Schweinehund." (US-Präsident Dwight D. Eisenhower über den dominikanischen Diktator Rafael Leónidas Trujillo Molina)

Aushängeschild der nicaraguanischen Revolution war Daniel Ortega. Wer damals Sympathien für die Sandinisten hegte und gegen den Contra-Krieg Ronald Reagans war, muss jedoch leider feststellen, dass Ortega heute fast genauso autoritär und selbstherrlich regiert, wie ehedem Anastasio Somoza. Der Vorsitzende der FSLN soll mittlerweile über ein beträchtliches Privatvermögen verfügen. Woher er das wohl hat? Von seinem Salär als Präsident sicherlich nicht. Fazit: Solche Typen zerstören jeden Idealismus.

Nicaragua ist klein, unbedeutend und weit weg von Europa. Anders ausgedrückt: Was geht das uns an? Doch genau das ist das Muster, das exemplarisch für die Situation in vielen Ländern ist. "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" (Georg Büchner), ist keine akzeptable Lösung, wenn es am Ende nur darum geht, die Bewohner der Paläste auszutauschen, aber das System der Korruption weiterhin am Leben zu erhalten (eben bloß mit anderen Profiteuren). Jacob Zuma ist gerade dabei, in Südafrika das Vermächtnis Nelson Mandelas zu verspielen. Nicolás Maduro spürt den Geist seines Vorgängers (Hugo Chávez) in einem Vögelchen. Darüber kann man angesichts der verheerenden Lage in Venezuela nicht einmal mehr lachen.

Banale Erkenntnis: Der Mensch ist schwach, genau aus diesem Grund muss man Macht kontrollieren - egal welch hehre Motive die Idole vorher vertreten haben und unter welcher Flagge sie segeln. Dort, wo es keine Kontrolle gibt, ist der Missbrauch der Macht erfahrungsgemäß nicht weit. Dies gilt übrigens nicht nur für die Dritte Welt, sondern ebenso für uns Europäer. Wer Verfassungsgerichte faktisch entmachtet, wer Oppositionelle zu Feinden oder gar Terroristen erklärt, führt Böses im Schilde - mag er offiziell auch noch so stark für Recht, Gerechtigkeit und Demokratie eintreten. Gerade deshalb gilt: Wehret den Anfängen! Geht den Rattenfängern am besten gar nicht erst auf den Leim.