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09. Oktober 2016, von Michael Schöfer
Die US-Wahl - ein schreckliches Schauspiel


Erinnern Sie sich noch an das Auszählungschaos bei den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000? George W. Bush siegte gegen Al Gore, weil er angeblich mit 537 Stimmen Vorsprung die Mehrheit in Florida errang. Die Wahl fand am 7. November statt, aber es dauerte bis zum 12. Dezember, bis der Ausgang durch einen Beschluss des Supreme Court zugunsten von Bush entschieden wurde. Wer damals in Florida tatsächlich gewann, ist bis heute offen (eine Neuauszählung fand ja nie statt).

Es wird momentan heftig darüber spekuliert, ob der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump seine Kandidatur zurückzieht. Grund sind seine frauenfeindlichen Sprüche aus dem Jahr 2005 ("als Star kannst du dir alles leisten, du kannst ihnen zwischen die Beine greifen"). Doch was passiert dann? Ist dann Hillary Clinton automatisch die Siegerin? Mitnichten, denn es kandidieren ja auch - von der Öffentlichkeit meist völlig unbeachtet - Kandidaten anderer Parteien: Gary E. Johnson (Libertarian Party), Jill Stein (Green Party), Darrell Castle (Constitution Party) und Evan McMullin (unabhängig).

Da die Frist zur Kandidatur in den meisten Bundesstaaten bereits abgelaufen ist, in manchen kann man sogar schon wählen, könnte es ein Ersatzkandidat der Republikaner allenfalls über die Write-in-Option schaffen, dabei werden nichtnominierte Bewerber (Write-in-Candidate) von den Wählern handschriftlich auf dem Stimmzettel in einem eigens dafür vorgesehenen Feld eingetragen. Das Chaos von Florida anno 2000 dürfte gegen das des Jahres 2016 verblassen, vermutlich würde die Präsidentschaftswahl vor Gericht landen und die Entscheidung könnte sich angesichts der komplizierten Materie vielleicht monatelang hinziehen (bislang gibt es für diese Konstellation keinen Präzedenzfall).

Noch beteuert Trump, keinesfalls aufgeben zu wollen. Doch die Enthüllung kam für ihn zur Unzeit, denn das 2. TV-Duell mit Clinton (10.10.2016, 02.45 MESZ) steht kurz bevor. Nach allgemeiner Einschätzung hat der Populist das erste Fernsehduell verloren, wenn er auch das zweite in den Sand setzt und in den Umfragen stark abstürzen sollte, wird der Druck auf ihn bestimmt riesengroß. Allerdings ist Trump kaum ausrechenbar, ob er aufgibt oder trotz allem durchhält ist angesichts seiner erratischen Persönlichkeit völlig offen. Der Wahlkampf tritt wohl erst jetzt in seine schmutzige Phase ein. Neue Enthüllungen über Trump könnten sich mit Angriffen unter der Gürtellinie gegen Clinton ablösen. Der Republikaner hat ja schon angedeutet, im 2. TV-Duell die Lewinsky-Affäre - also die eheliche Untreue von Bill Clinton - aufzuwärmen. Wenn man glaubt, der Boden der Niveaulosigkeit sei endlich erreicht, geht es immer noch eine Stufe tiefer.