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13. Oktober 2016, von Michael Schöfer
Die Abgründe werden vielleicht noch tiefer


Wir haben uns ja in puncto NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) schon an viele unwahrscheinliche Zufälle und haarsträubende Fehler der Behörden gewöhnen müssen, aber dass jetzt am Skelett der 2001 verschwundenen Peggy die DNA von Uwe Böhnhardt gefunden wurde, lässt erneut alle Spekulationen ins Kraut schießen.

Böhnhardt nahm sich 2011 in Eisenach gemeinsam mit Uwe Mundlos angeblich selbst das Leben, die Leiche von Peggy wurde 2016 in einem Waldstück in der Nähe von Lichtenberg (Oberfranken) gefunden. Spiegel-Online schreibt jedoch, dass die Überreste von Peggy und die Leiche von Böhnhardt im gleichen rechtsmedizinischen Institut untersucht worden sind. [1] Dazwischen liegen aber immerhin fünf Jahre. Falls es dort tatsächlich trotz des großen zeitlichen Abstands zu einer Verunreinigung gekommen ist, wäre das eine ungeheure Schlamperei, die künftig DNA-Beweise vor Gericht massiv in Zweifel ziehen würde. Schließlich befinden sich Opfer und Tatverdächtige etwa auf Polizeidienststellen nicht selten in zeitlicher und räumlicher Nähe. Wenn Verunreinigungen selbst an einem rechtsmedizinischen Institut möglich wären, das eigentlich hohe Standards einhalten müsste, sind auch Verunreinigungen an Orten anzunehmen, die nur geringeren Ansprüchen genügen müssen. Unter Umständen entwertet das die Beweisführung, weil man dem Verdächtigen die Tat nicht mehr anhand von objektiven Tatsachenfeststellungen schlüssig nachweisen kann. Ein handfester Skandal also. Erinnerungen an das Heilbronner Phantom werden wach.

Noch frappierender wäre allerdings, wenn es im rechtsmedizinischen Institut gar keine Verunreinigung gegeben hätte, der NSU vielmehr - auf welche Art auch immer - wirklich etwas mit dem Verschwinden des damals neunjährigen Mädchens zu tun hat. Schon 2012 fragte etwa BILD, warum man im verkohlten Wohnmobil des NSU, in dem sich Böhnhardt und Mundlos nach einem Banküberfall getötet haben sollen, Kinder-Spielzeug fand ("einen Teddy, eine Wasserpistole, eine Plastikpuppe, ein 'Winnie the Pooh'-Buch und einen Schuh in der Kindergröße 33"). Für die Polizei ein Rätsel, denn das NSU-Trio war bekanntlich kinderlos. [2] Könnte man einen Zusammenhang zwischen dem NSU und Peggy herstellen, gäbe das dem gesamten Komplex noch einmal eine völlig unerwartete Wendung. Aufgrund neuer Erkenntnisse wird überdies ein bislang unaufgeklärten Kindermord in Jena aus dem Jahr 1993 geprüft, da nach der Aussage eines früheren Freundes von Böhnhardt das NSU-Mitglied etwas mit einem wenige Meter neben der Kinderleiche gefundenen Außenbordmotor zu tun gehabt haben könnte. [3] Zudem fand sich auf dem Computer von Beate Zschäpe kinderpornografisches Material. Und Ende der 90er Jahre wurde offenbar schon einmal gegen sie wegen Kinderpornografie ermittelt. [4]

In puncto NSU haben sich ohnehin bereits Abgründe aufgetan. Bestätigt sich das, was manche angesichts der neuen DNA-Spur ahnen, werden diese noch viel tiefer. Womöglich stehen nämlich nicht bloß die Morde an neun Migranten und einer Polizeibeamtin im Raum, sondern noch viel schlimmere Dinge.

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[1] Spiegel-Online vom 13.10.2016
[2] BILD vom 25.11.2012
[3] FAZ.Net vom 17.06.2014
[4] Stuttgarter Nachrichten vom 06.07.2015