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15. Oktober 2016, von Michael Schöfer
Donald Trump ein Grabscher?


Kann sein, kann aber auch nicht sein. Ist halt schwer nachzuprüfen, wenn die Vorwürfe teilweise mehr als 30 Jahre zurückliegen. Jessica Leeds, eine Geschäftsfrau, will laut New York Times auf einem Erste-Klasse-Flug nach New York neben Donald Trump gesessen sein. 45 Minuten nach dem Start soll Trump begonnen haben, Leeds zu begrabschen. "He was like an octopus. His hands were everywhere." Sie sei dann ans Ende des Flugzeugs geflohen. [1]

Das will damals niemand mitbekommen haben? Und eine Geschäftsfrau (!) hat nicht den Mumm, sich zu wehren oder jemand (andere Fluggäste, Bordpersonal) zu Hilfe zu rufen? Nun ja… Immerhin würde mittlerweile fast jeder Trump so ein Verhalten zutrauen. Aber es geht nicht darum, ob man es ihm zutraut, sondern ob er es wirklich getan hat. Doch bei Fällen, in denen Aussage gegen Aussage steht und es keinerlei objektive Beweise gibt, sollte man vorsichtig sein. Schließlich sind Falschbeschuldigungen, aus welchen Motiven auch immer, durchaus möglich. Jedenfalls ist es merkwürdig, dass die Vorwürfe erst jetzt, nach der Veröffentlichung von Trumps unflätigen Sprüchen ("als Star kannst du dir alles leisten, du kannst ihnen zwischen die Beine greifen"), bekannt werden.

Kristin Anderson will von Trump Anfang der neunziger Jahre in einem New Yorker Nachtclub betatscht worden sein, Temple Taggart McDowell habe er 1997 plötzlich geküsst und umarmt, Mindy McGillivray wirft ihm vor, 2003 an ihren Hintern gegriffen zu haben. Rachel Crooks Vorwürfe stammen aus dem Jahr 2005, ebenso wie die von Natasha Stoynoff. Der republikanische Präsidentschaftskandidat soll Summer Zervos im Jahr 2007, eine unbekannte Frau im Jahr 2010 und Cassandra Searles im Jahr 2013 belästigt haben. [2] Nicht auszuschließen, dass bis zum Wahltag weitere Vorwürfe hinzukommen.

Es gibt nur wenige Delikte, mit denen man jemand nachhaltiger diskreditieren kann, als mit sexuell motiviertem Fehlverhalten. Und kaum eines, gegen das man sich schlechter zur Wehr setzten kann. Es bleibt immer etwas hängen, egal was tatsächlich geschah, denken wir bloß einmal an den schier unendlichen Fall Kachelmann. Erst kürzlich hat das OLG Frankfurt in einem Zivilverfahren noch einmal darüber geurteilt - fünfeinhalb Jahre nach der spektakulären Verhaftung des Wettermoderators. In den USA reagiert die Öffentlichkeit noch viel sensibler, zum Teil sogar paranoid. Dort können schon Komplimente gegenüber einer Frau oder ein Augenkontakt als sexuelle Belästigung ausgelegt werden.

Früher war das anders: John F. Kennedy (1961 - 1963 der 35. Präsident der USA) war Frauengeschichten bekanntlich nicht abgeneigt, man sagte ihm zahlreiche außereheliche Affären nach, unter anderem mit Marilyn Monroe. Kennedy galt zu jener Zeit als Frauenheld, heutzutage müsste er sich womöglich mit diversen Belästigungsvorwürfen auseinandersetzen. Natürlich gibt es eine Grenze zwischen Übergriffen und einvernehmlichem Handeln, doch die hat sich in den USA in den letzten Jahrzehnten dramatisch verschoben (was allerdings für Trumps Verhalten, so es denn wie beschrieben stattgefunden hat, keine Rechtfertigung ist).

Um nicht missverstanden zu werden: Für sexuelle Belästigung gibt es keine Entschuldigung, und Donald Trump ist in meinen Augen für das Amt des US-Präsidenten charakterlich vollkommen ungeeignet. Aber das wusste ich schon vor den Belästigungsvorwürfen, und zwar anhand seiner politischen Aussagen. Trump ist gefährlich und hat diktatorische Neigungen. Keiner, der bei Sinnen ist, sollte ihn wählen - ganz unabhängig von Vorwürfen, er habe Frauen belästigt.

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[1] New York Times vom 12.10.2016
[2] Wikipedia (eng.), Donald Trump sexual misconduct allegations