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19. Oktober 2016, von Michael Schöfer
Halte dich nicht an den Dingen fest


Der Mensch ist nicht das, was er hat, sondern das, was er tut. Dinge sind vergänglich, Taten wirken unter Umständen dauerhaft nach. Trotzdem sind Menschen geradezu versessen darauf, Dinge zu besitzen. Besonders abstrus wird es, wenn sie sich die Besitztümer berühmter Menschen aneignen. Eine Akustikgitarre, die Anfang der sechziger Jahre ein Jahr lang von John Lennon benutzt wurde, brachte bei einer Versteigerung 2,4 Mio. Dollar ein. 2,4 Millionen! Was soll das? Okay, der Beatle hat damit vielleicht ein paar Songs komponiert, doch die Band wurde schließlich durch ihre Musik unsterblich, nicht durch banale Dinge wie eine alte Gitarre. Ohne Lennon ist das Instrument nichts. Eine Gitarre halt. Er lebt in seiner Musik weiter.

Eine ungereinigte Unterhose von Elvis Presley wurde für 8.000 Dollar ersteigert. Der Holzstuhl, auf dem die Schriftstellerin Joanne K. Rowling ihre ersten beiden Harry Potter-Romane geschrieben hat, wechselte für 394.000 Dollar den Besitzer. Sie bekam ihn einst vom Staat als Ausstattung für ihre Sozialwohnung zur Verfügung gestellt, Rowling war damals bekanntlich Sozialhilfeempfängerin. Der Romanreihe ist das zum Glück nicht anzumerken. Die Schreibmaschine des amerikanischen Schriftstellers Cormac McCarthy (The Road) erzielte sage und schreibe 254.000 Dollar. Würde mich nicht wundern, wenn auch ein Glas, aus dem Charles Bukowski ehedem seinen Alkohol trank, Rekordpreise erzielen würde - selbst wenn es ursprünglich bloß ein gewöhnliches Senfglas aus dem Supermarkt gewesen wäre. Es ist hirnrissiger Besitztrieb, der solche skurrilen Blüten treibt. Was, bitteschön, fängt man mit der schmutzigen Unterhose von Elvis an? Gelegentlich selbst anziehen? Igitt...

Ganz schlimm wird die Sache, wenn es um religiöse oder politische Reliquien geht. Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin, will 325 n. Chr. (also rund 290 Jahre nach der angeblichen Kreuzigung) in Jerusalem das Heilige Kreuz gefunden haben. Es wurde geteilt und an verschiedene Orte gebracht. Ich möchte nicht wissen, wie viele Holzhäuser man aus den Splittern vom Kreuz Jesu bauen könnte, im Mittelalter soll es davon jedenfalls eine große Anzahl gegeben haben. Das Geburtshaus von Adolf Hitler, einem der schlimmsten Massenmörder aller Zeiten, wird jetzt sogar abgerissen, damit es nicht zum Wallfahrtsort für Neonazis wird. Dabei war das Gebäude für Hitler und den Nationalsozialismus vollkommen irrelevant, aber offenbar ist es für die Unverbesserlichen dennoch mit hoher Symbolik aufgeladen. Echt idiotisch, wenn Sie mich fragen.

Mit der Stellvertreterfunktion von Dingen kann ich ehrlich gesagt wenig anfangen. Mit welcher Schreibmaschine ein Schriftsteller seine Werke schrieb, ist doch absolut unwichtig. Wichtig sind allein seine Werke. Sogar der Sammlerwert von Originalausgaben lässt mich kalt, denn es geht ja um den Inhalt, nicht um die äußere Form. Oder ist Dostojewskis "Schuld und Sühne" (in der Neuübersetzung als "Verbrechen und Strafe") weniger genial, wenn man es auf einem modernen E-Book-Reader liest? Der Wert, den wir den Dingen beimessen, lenkt nur vom Wesentlichen ab. Mohandas Karamchand Gandhi hat, als er 1948 ermordet wurde, fast nichts Materielles hinterlassen. Aber er hat Indien von der britischen Kolonialherrschaft befreit und gilt vielen bis heute als moralisches Vorbild. Daran werden sich die Menschen noch in tausend Jahren erinnern.

Fazit: Halte dich nicht an den Dingen fest, denn sie sind im Grunde wertloses Zeug. Nippes, der bestenfalls in Glasvitrinen präsentiert wird.

Postskriptum: Was würden Sie für den Computer zahlen, auf dem dieser Artikel geschrieben wurde? Vielleicht werde ich ja mal berühmt. Auch Bob Dylan hat klein angefangen...