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22. Dezember 2016, von Michael Schöfer
Das phlegmatische Volk


Was ist bloß los mit den Deutschen? Am 19. Dezember 2016 gab es auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche einen furchtbaren Anschlag. In Deutschland der erste dieser Größenordnung. Ein Terrorist fuhr mit dem LKW in die Menschenmenge hinein, was zwölf Menschen das Leben kostete. Natürlich gab es daraufhin, wie in solchen Fällen üblich, Sondersendungen im Fernsehen und zudem ein paar Mahnwachen mit recht schwacher Beteiligung. Mehr nicht.

Ganz anders die Franzosen: Als am 7. Januar 2015 in Paris ein Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt wurde, reagierten die Franzosen sofort, noch am gleichen Abend demonstrierten Zehntausende (!) auf dem Place de la République für Pressefreiheit und Demokratie. Erinnern Sie sich? "Je suis Charlie." Am 11. Januar, also bloß vier Tage danach, gab es dort eine riesige Solidaritätskundgebung (marches républicaines), an der sich schätzungsweise 1,5 bis 2 Millionen Menschen beteiligten. In ganz Frankreich sollen fast vier Millionen gegen den Terror und für die Republik demonstriert haben. Vielen Fernsehzuschauern in aller Welt trieb es die Tränen in die Augen. Auch am 13. November 2015 wurde Paris vom Terror erschüttert, diesmal kosteten die Anschläge 130 Menschen das Leben. Demonstrationen wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt, trotzdem kamen viele auf dem Place de la République zusammen und trauerten.

Der Berliner Anschlag wurde erwartungsgemäß von der AfD und der CSU politisch missbraucht. Aber Massendemos? Fehlanzeige! Leider. Berlin übe sich in "heroischer Gelassenheit", lesen wir. Angeblich "ein gutes Zeichen in schlechten Tagen". [1] So kann man es auch ausdrücken. Gestern riefen Rechtsextreme in der Nähe des Breitscheidplatzes, wo sich der Anschlag ereignete, zu einer Demonstration auf: Teilnehmerzahl ungefähr 130. Immerhin 800 demonstrierten am Bahnhof Zoo gegen die NPD.

Warum sind die Deutschen so phlegmatisch und überlassen bereitwillig den Radikalen das Feld? Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner - und wo sind bitteschön die Hunderttausende, die zur Verteidigung der Demokratie und als Bekenntnis zur offenen Gesellschaft auf die Straße gehen? Ja, wo denn? Geben wir uns wirklich mit ein paar Brennpunkt-Sendungen und Talk-Runden im Fernsehen zufrieden? Da wird analysiert, gestritten und gelegentlich auch informiert. Aber damit kann sich die Republik doch nicht zufriedengeben? Oder doch? In Frankreich ist wahrlich nicht alles Gold, was glänzt. Insbesondere wenn man an den politischen Rechtsruck und die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen denkt. Aber ist hierzulande das völlige Ausbleiben der herzzerreißenden Szenen à la Place de la République im Grunde nicht genauso bedenklich? Was ist das bloß für ein Volk, das praktisch von jetzt auf nachher wieder zur Tagesordnung übergeht? Was in der Adventszeit übrigens den Kauf von Geschenken bedeutet, ungeachtet des Anschlags ist momentan auf den Shoppingmeilen die Hölle los. Das ist enttäuschend, das ist ernüchternd, das ist beängstigend.

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[1] Tagesspiegel vom 21.12.2016