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12. Januar 2017, von Michael Schöfer
Freuen Sie sich auf ein nervenaufreibendes Bühnenstück


Schon bei den Dramatikern der Antike, zum Beispiel Aischylos (525 - 456 v. Chr.) oder Sophokles (497/496 - 406/405 v. Chr.), spielten Intrigen und der Eros eine wichtige Rolle. Auch im Werk Shakespeares (1564 - 1616) finden wir diese Konstellation gleich mehrfach wieder, so etwa in den weltberühmten Tragödien "Hamlet", "Othello", "King Lear" oder "Macbeth". Alles offenbar zutiefst menschlich. Wie das Stück, in dem Donald Trump die Hauptrolle spielt, einmal heißen wird, ist noch offen. Ebenso, ob er dabei die Rolle des Bösewichts oder die des Opfers mimt. Jedenfalls dürfen wir uns auf eine Vorstellung freuen, die auch genauso gut aus Shakespeares Feder hätte stammen können.

Wie sehr sich Trump im Wahlkampf danebenbenahm, darf man als weitgehend bekannt voraussetzen. Das war entweder eine ausgeklügelte Taktik, ohne die er schon bei den Vorwahlen der Republikanischen Partei gescheitert wäre, oder tatsächlich das furchteinflößende Spiegelbild seines wahren Charakters. Letzteres wäre die wesentlich schlimmere Alternative. Jetzt, kurz vor seiner Amtsübernahme am 20. Januar, befinden wir uns noch ganz am Anfang des ersten Aktes, nichtsdestotrotz strebt das Stück bereits seinem ersten Höhepunkt entgegnen: Ist der künftige Präsident der Vereinigten Staaten eine russische Marionette, die an den Fäden Wladimir Putins hängt, oder ist er das unschuldige Opfer einer Intrige der amerikanischen Geheimdienste? Wie bei jedem Meisterwerk der Bühnenkunst lässt man den Zuschauer zunächst im Ungewissen.

Hat ihn Putin in der Hand, weil Trump 2013 im Moskauer Ritz Carlton eine Sexparty mit russischen Prostituierten feierte? Wird der Immobilienunternehmer wirklich schon seit mindestens fünf Jahren von Russland unterstützt - mit dem Ziel, das Weiße Haus zu erobern und dort eine den russischen Interessen entgegenkommende Politik umzusetzen? Oder ist das 35 Seiten umfassende Dossier eines ehemaligen britischen Geheimdienstlers, in dem all diese Vorwürfe niedergeschrieben sind, bloß eine geschickte Fälschung aus dem Dunstkreis der westlichen Geheimdienste, um den gewählten Präsidenten noch vor Amtsantritt gründlich zu diskreditieren? Nach dem gegenwärtigen Stand ist beides möglich. Doch beide Alternativen lassen auch die Abgründe erahnen, die sich da auftun.

Das mit der Sexparty ist lediglich eine Frage des guten Geschmacks respektive der Moral. Und über beides kann man bekanntlich nicht richten. Der, der über die gleichen finanziellen Möglichkeiten verfügen würde und nicht in Versuchung käme, die kleinbürgerliche Moral wie ein zu enges Jackett abzustreifen, werfe den ersten Stein. Der eigentliche Knackpunkt des Dossiers ist der Verdacht, ein Präsident von Putins Gnaden zu sein. Hätte der russische Autokrat tatsächlich erfolgreich einen Verbündeten im Oval Office installiert, käme das einem politischen Erdbeben gleich. Alle Achtung, wäre raffiniert eingefädelt von Putin, wenngleich mit dem Manko des Bekanntwerdens behaftet. Für die Führungsmacht der freien Welt wäre das jedoch ein gewaltiger Schlag unter die Gürtellinie, der zweifellos an den Grundlagen des eigenen Selbstverständnisses rühren würde.

Die Alternative, dass alles - von wem auch immer - erstunken und erlogen ist, aber von den amerikanischen Geheimdiensten bewusst dazu eingesetzt wird, ihren künftigen Chef vor aller Welt gewissermaßen als russischen Agenten zu desavouieren, hätte jedem guten Thriller-Autor zur Ehre gereicht. Absolut unwahrscheinlich, wäre vielleicht das Urteil über den Plot ausgefallen. Dennoch gehört genau das momentan zu den beiden plausibelsten Möglichkeiten. Man müsste freilich in diesem Fall die Existenz einer konspirativen Verflechtung von Militär, Geheimdiensten, Politik, Justiz, Verwaltung etc. unterstellen. Etwas, das gemeinhin unter der Rubrik "Verschwörungstheorie" eingeordnet wird, in der Realität aber durchaus vorkommt (Gladio, Loge P2, Tiefer Staat in der Türkei etc.).

Zweifelsohne dürften bestimmte Kreise Donald Trump als Risiko für das Land und/oder als Bedrohung ihrer eigenen Interessen einstufen. Vor so einer Zäsur, wie sie die Präsidentschaft Donald Trumps darstellen könnte, standen die USA seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie. Entsprechend verbreitet sind die Ängste. Unabhängig davon, was sich am Ende als wahr herausstellen wird, ist die Krise des Westens wohl tiefer, als viele von uns vermuten. Wenn die beiden realistischsten Erklärungen für den Inhalt des Dossiers ein "US-Präsident von Putins Gnaden" oder die Verschwörung der eigenen Geheimdienste sind, blicken wir fürwahr in einen Abgrund. Die dritte und für alle Beteiligten harmloseste Variante wäre, dass sich der britische Ex-Geheimdienstmitarbeiter als Spinner entpuppt. Und die US-Dienste als leichtgläubige Tölpel.

Im Theater hat sich eben erst der Vorhang geöffnet - freuen Sie sich also auf ein nervenaufreibendes Bühnenstück mit vielen Verwicklungen, Intrigen und mehr oder minder amourösen Abenteuern. Wussten wir nicht schon immer, dass die ganze Welt eine Bühne ist? Und das Gute daran ist, Sie müssen für den Eintritt nicht einmal bezahlen. Alles gratis. Wenn es schlecht läuft, könnte es Sie allerdings das Leben kosten. Oder zumindest Ihre Freiheit. Lassen Sie sich überraschen.