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29. Januar 2017, von Michael Schöfer
Die amerikanische Kulturrevolution


406,48 ppm. Prägen Sie sich diese Zahl genau ein. So hoch war nach den Messdaten des Mauna Loa Observatoriums (Hawaii/USA) am 22. Januar 2017 der CO2-Anteil der Erdatmosphäre. [1] Das Observatorium ist dem Handelsministerium unterstellt, also einer Bundesbehörde. Wer das Ministerium künftig führen wird, ist noch nicht bekannt. Aber weil die Trump-Administration gerne "alternative Fakten" (Präsidentenberaterin Kellyanne Conway) präsentiert und bestimmten nachgeordneten Behörden eigene Pressemitteilungen und Social-Media-Einträge verboten hat, ist es höchst ungewiss, wie lange Regierungsbehörden noch Messdaten veröffentlichen dürfen, die der Ideologie Donald Trumps ("der Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen") widersprechen.

Die Wissenschaft hat sich schon oft Ideologien beugen müssen, was allerdings den Menschen, die unter solchen Ideologien zu leben gezwungen waren, nicht sonderlich gut bekam. So wurde etwa die Relativitätstheorie Albert Einsteins während der chinesischen Kulturrevolution als "reaktionäre bürgerliche Theorie" bezeichnet, die durch Experimente nie bestätigt worden sei. Ebenso erging es der Quantenmechanik sowie der Urknalltheorie. Die Rotgardisten fegten alles vom Tisch. Leider ist es schwer, moderne Technologien zu entwickeln, deren Grundlagen aus ideologischen Gründen abgelehnt werden. Entsprechend rückständig war China bis zum Beginn der Reformpolitik Deng Xiaopings.

Auch in der Sowjetunion wurde beispielsweise die klassische Genetik und die Mendelsche Vererbungslehre als "konterrevolutionär" abgelehnt. Stalin lehnte die Quantenmechanik und Relativitätstheorie ab, weil sie angeblich die marxistisch-leninistische materialistische Erkenntnistheorie untergruben. Und was als inkompatibel mit dem Sozialismus galt, hatte es schwer. Die Nationalsozialisten lehnten die Relativitätstheorie, die Quantenmechanik und die moderne Mathematik als "jüdisch" ab. Deshalb unternahmen sie im Dritten Reich den Versuch, eine "arische" Physik oder "deutsche" Mathematik zu entwickeln. Wie immer das konkret aussehen sollte. Wenig verwunderlich: Wissenschaftliche Bedeutung erlangten ihre "alternativen Fakten" nicht. "'Wenn die Entlassung jüdischer Wissenschaftler die Vernichtung der zeitgenössischen deutschen Wissenschaft bedeutet, dann werden wir eben einige Jahre lang ohne Wissenschaft auskommen', brüllte Hitler bei einem Besuch Max Plancks, der auf die enormen Schäden für Deutschland aufmerksam zu machen versuchte." [2] Die Ignoranz des Diktators war haarsträubend. Unbeabsichtigte Folge: Nach 1933 emigrierten viele jüdische Wissenschaftler in die USA und halfen ihrer neuen Heimat dabei, die Nazis zu besiegen.

Dass sich jetzt ausgerechnet ein US-Präsident anschickt, aus ideologischen Gründen wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel zu ziehen oder sogar zu leugnen, ist im Grunde ein Treppenwitz der Geschichte. Wenn diese Verbohrtheit so weit gehen sollte, Fakten zu unterdrücken, wird die Wissenschaftsnation USA, die es bislang als Einzige schaffte, Menschen auf den Mond zu bringen, schweren Schaden erleiden. Bleiben wir einmal beim vom Menschen verursachten Klimawandel. Der steigende Anteil von Klimagasen ist Fakt, er lässt sich messen, wie es seit langem auf dem Mauna Loa geschieht. Ebenso deren Klimawirksamkeit, die man mit einem Spektrometer nachweisen kann. Auch die anthropogenen Emissionsquellen sind bekannt, im Wesentlichen der enorme Verbrauch fossiler Energieträger (Kohle, Erdöl, Erdgas). Hinzu kommen die Wetterdaten, die zeitlich weit zurückreichen. Aus diesem Mix an Fakten entwickelte die Wissenschaft eine Theorie, im vorliegenden Fall war das die eines durch die Menschheit hervorgerufenen Klimawandels. Die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftsgemeinde ist sich darin einig. Natürlich muss man die aus den Fakten resultierenden Schlussfolgerungen nicht teilen. Jeder hat das Recht, zu anderen Ergebnissen zu kommen. Auch Donald Trump. Aber wenn Fakten unterdrückt oder der Öffentlichkeit "alternative Fakten" vorgelegt werden, gerät etwas auf die schiefe Bahn. 406,48 ppm sind 406,48 ppm - selbst wenn man partout nicht an den Klimawandel glauben mag.

"Etwa 3,7 Millionen Amerikaner leben in Gebieten, in denen das Risiko sehr hoch ist, in den kommenden Jahrzehnten aufgrund des Klimawandels überflutet zu werden, berichtet die New York Times." [3] Der vom Meeresspiegelanstieg am meisten verwundbare Bundesstaat ist Florida, Miami liegt im Durchschnitt bloß zwei Meter über Normalnull. Das kann man ignorieren. Klimawandel? Papperlapapp! Aber hilft diese Haltung, wenn der Meeresspiegel trotzdem steigt? Sicherlich nicht, denn die Ozeane werden sich kaum nach Donald Trump richten. Die Wissenschaft einer kruden Ideologie zu unterwerfen, wäre fatal. Eine hochtechnisierte Industrienation kann sich Wissenschaftsfeindlichkeit schlicht und ergreifend nicht leisten. Dazu braucht man sich nur die historischen Negativbeispiele anzusehen. Allen Amerikanern sollte klar sein, welches Risiko sie mit einem derartigen Kurs eingehen. Der Preis für eine amerikanische Kulturrevolution wäre der absehbare Niedergang.

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[1] U.S. Department of Commerce, National Oceanic & Atmospheric Administration, NOAA Research, Mauna Loa CO2 weekly mean and historical comparisons
[2] Berliner Zeitung vom 12.12.2013
[3] New York Times vom 13.03.2012 zitiert und übersetzt von Klimaretter.info vom 15.03.2012