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26. Februar 2017, von Michael Schöfer
Das Rad der ewigen Wiederkehr


Die Buddhisten glauben an das Rad der ewigen Wiederkehr. In Friedrich Nietzsches "Zarathustra" finden wir die Zeile: "Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins." Natürlich hat auch Hollywood mit dem Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" das Seine zur Popularisierung dieser Sichtweise beigetragen. Jetzt sorgt US-Präsident Donald Trump für ein Déjà-vu-Erlebnis: Das kommt mir bekannt vor, ist alles schon einmal dagewesen. Trump will nämlich das Atomwaffenarsenal der Vereinigten Staaten vergrößern. "Es wäre wunderbar, es wäre ein Traum, wenn kein Staat Atomwaffen hätte. Aber solange Staaten Atomwaffen haben, werden wir im Rudel ganz oben stehen." [1] Angeblich seien die USA diesbezüglich zurückgefallen.

Wer Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts im Rahmen der Debatte über die Nato-Nachrüstung die Jahrbücher der Friedensforschungsinstitute verschlang oder Kernwaffenstudien als Bettlektüre bevorzugte, hat nun ein echtes Déjà-vu und wird bestimmt augenrollend denken: Nicht schon wieder! Trump will aufrüsten und erfindet zu diesem Zweck eine Lücke, die es in Wahrheit gar nicht gibt. "Alternative Fakten" nennt man das neuerdings. Übrigens eine sattsam bekannte Taktik, John F. Kennedys inexistente "Raketenlücke" lässt grüßen. Donald Trump versucht es dennoch aufs Neue. Oje...

Die Anzahl der einsatzbereiten Nuklearsprengköpfe hat seit Anfang der achtziger Jahre stetig abgenommen, gleichwohl besitzen die USA diesbezüglich nach wie vor ein Übergewicht.

Anzahl der einsatzbereiten Nuklearsprengköpfe [2]

1980 2016
UdSSR / Russland 6.000 1.790
USA 9.200 1.930

Beide Atommächte haben außerdem noch weitere Sprengköpfe eingelagert (USA: 5.070, Russland: 5.500). Nach Angaben des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) verfügen die USA über 450 landgestützte Interkontinentalraketen (ICBM) und Russland über 378 (Stand: 2015). [3] Daneben haben beide seegestützte Interkontinentalraketen (SLBM) auf U-Booten und Atombomben oder Marschflugkörper an Bord von Langstreckenbombern stationiert. Die USA und Russland modernisieren ihre Atomwaffenarsenale fortwährend, die Modernisierung des amerikanischen ist auf 30 Jahre angelegt und soll eine Billion US-Dollar kosten. Nach dem 2011 in Kraft getretenen New START-Vertrag (Strategic Arms Reduction Treaty, deutsch: Vertrag zur Verringerung strategischer Waffen) müssen die USA und Russland die Anzahl ihrer Sprengköpfe bis zum Jahr 2018 auf jeweils 1.550 verringern. Zugleich wird die Anzahl der Trägersysteme auf jeweils 800 begrenzt.

Das Problem, welcher Gockel mehr atomare Eier im Korb hat als der andere, ist somit eigentlich seit langem gelöst. Ohnehin reichen die Sprengköpfe auch danach noch aus, um die Menschheit mehrfach zu vernichten. Insofern war die infantile Erbsenzählerei ("Mami, die Russen haben aber 200 Atomsprengköpfe mehr als ich") schon von jeher irrational. Toter als tot geht nicht. Wenn nun Donald Trump "im Rudel ganz oben stehen" will, stellt er damit den New-Start-Vertrag infrage. Das hierarchische Wolfsrudel kennt nur einen Rudelführer, Macht wird unter Wölfen bekanntlich nicht geteilt. Doch was soll das? Die USA riskieren bloß, in ein unter militärischen Aspekten sinnloses und unter finanziellen Gesichtspunkten sündhaft teures Wettrüsten zurückzufallen. Und wozu? Selbst wenn die USA 20.000 Atomsprengköpfe mehr hätten als Russland, besäßen sie dadurch, solange die Zweitschlagskapazität und damit die wechselseitig zugesicherte Zerstörung ("Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter") existiert, keinen militärischen Vorteil. Und täglich grüßt das Murmeltier mit dem Mantra: Toter als tot geht nicht.

Dieses völlig sinnfreie Unterfangen passt freilich zu einem Typ wie Donald Trump. Wer mit der Größe seines Gemächts hausieren geht, der ist natürlich auch für nukleare Erbsenzählerei empfänglich. "The big stick" (der große Knüppel) ist in Amerika seit Theodore Roosevelt (1901-1909 Präsident der Vereinigten Staaten) ein Synonym für militärische Stärke, hat dort aber ebenso eine sexuelle Konnotation. Besser wäre allerdings, sich die Kosten für das angekündigte Wettrüsten zu sparen und für soziale Zwecke einzusetzen. Die arbeitslosen Bergwerkkumpel oder Autobauer im Rust Belt der USA würden nämlich von zusätzlichen Atomraketen und -sprengköpfen kaum profitieren. Make america great again? Investitionen in die bröckelnde Infrastruktur wären notwendiger. Da sich Trump und seine Kamarilla aber nicht durch harte Fakten und gute Argumente überzeugen lassen, sehe ich leider voraus: Wir werden uns erneut, wie zu Beginn der achtziger Jahre, intensiver mit Rüstungsfragen befassen müssen. Gewissermaßen das Rad der ewigen Wiederkehr. Oder wie es Nietzsche formulierte: "Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins."

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[1] Süddeutsche vom 24.02.2018
[2] 1980: SIPRI, Rüstungsjahrbuch '81/82, Reinbek 1981, Seite 41; 2016: SIPRI, Yearbook 2016, Global nuclear weapons: downsizing but modernizing, World nuclear forces
[3] Strategische Studien, Interkontinentale Ballistische Flugkörper (ICBMs): Merkmale, Einsatzfähigkeiten, Potentiale