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10. März 2017, von Michael Schöfer
Der entscheidende Moment


Die meisten Politiker planen akribisch ihren Aufstieg, wenngleich es naturgemäß nur wenige bis ganz nach oben schaffen. Ein gutes Image ist ungemein hilfreich, es muss aber nicht unbedingt mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Mehr Schein als Sein genügt vollkommen. Ein Schuss Charisma wäre nicht zu verachten, gute Beziehungen und eine möglichst enthusiastische Anhängerschaft ebenso wenig. Mit ein bisschen Glück lässt sich damit der Karriereplan auch verwirklichen. Was bei der akribischen Planung allerdings in der Regel außer Acht gelassen wird, ist das unabwendbare Karriereende. Deshalb agieren Politiker, sobald sie ernsthaft in Bedrängnis geraten, in der Regel ziemlich kopflos und verschlimmern ihre Lage dadurch nur noch mehr. Ein Paradebeispiel hierfür ist François Fillon, der Präsidentschaftskandidat der französischen Les Républicains. Sein Fall steht hier aber nur stellvertretend für andere, er könnte genauso gut in Deutschland spielen. Das Schema ist international übertragbar.

Eigentlich war die Karriere von François Fillon bereits vorbei. Sie hatte klassisch als Mitarbeiter eines Parlamentsabgeordneten begonnen. 1981 wurde er zum ersten Mal in die Nationalversammlung gewählt, 2002 Minister und 2007 sogar französischer Premierminister. Nebenher engagierte er sich in der konservativen Partei, die sich gelegentlich umbenannte bzw. mit anderen unter einem neuen Dach zusammenfand (RPR, UMP, Les Républicains). Nach der Niederlage von Nicolas Sarkozy im Jahr 2012 wurde es auch um François Fillon ruhiger. 2016 stieg er dann buchstäblich wie Phönix aus der Asche auf, überraschend gewann er nämlich die Vorwahlen der Republikaner (44,1 % im ersten, 66,5 % im zweiten Wahlgang). Damals, Ende November, feierten ihn seine Anhänger schon als nächsten Präsidenten Frankreichs, weil nach übereinstimmender Ansicht der politischen Beobachter am 7. Mai 2017 der Gegenkandidat von Marine Le Pen siegreich aus der Stichwahl hervorgehen wird. Hoffen wir, dass sie recht behalten. Dass Fillon in die Stichwahl kommt, galt in jenem Moment als so gut wie sicher.

Doch die Realität schlug andere Wege ein. Und die Gründe hierfür sind ausschließlich bei Fillon selbst zu suchen. Sein strikt neoliberal ausgerichtetes Programm gefiel zwar den konservativen Wählern, doch es wollte ab dem Zeitpunkt nicht mehr so recht zum Kandidaten passen, von dem an dessen dunkle Seiten bekannt wurden, die wiederum das sorgsam gepflegte Image (Wahrheit, Stolz, französische Werte) nachhaltig beschädigten. Fillon predigte zwar anderen Wasser, gönnte sich aber edlen Wein. "Ende Januar 2017 berichtete die Zeitung Le Canard enchaîné, Fillon habe seine Frau in seiner Abgeordnetenzeit als parlamentarische Mitarbeiterin beschäftigt. Penelope Fillon habe in acht Jahren rund 500.000 Euro an Staatsgeldern bekommen, ohne jemals tatsächlich so gearbeitet zu haben. Die Staatsanwaltschaft eröffnete Vorermittlungen wegen des Verdachts der Veruntreuung öffentlicher Gelder. Am 31. Januar behauptete Le Canard enchaîné, es seien über 830.000 Euro in 15 Jahren gewesen. Zwei von Fillons Kinder wurden zeitweise als parlamentarische Mitarbeiter für insgesamt 84.000 Euro beschäftigt. Am selben Tage durchsuchten Ermittler sein Abgeordnetenbüro in der Nationalversammlung und Büros der Parlamentsverwaltung. Am 6. Februar 2017 äußerte Fillon bei einer großen Pressekonferenz, die Höhe des Gehalts seiner Frau sei völlig angemessen gewesen; er werde an seiner Kandidatur festhalten." [1]

Trotz zahlreicher Rücktrittsforderungen, heftigen innerparteilichen Debatten und diversen Rücktritten aus seinem Wahlkampfteam hat sich kürzlich das politische Komitee der Republikaner einstimmig hinter François Fillon gestellt. Zuvor verzichtete sein Konkurrent Alain Juppé endgültig auf die Ersatzkandidatur. "Es war ein Fehler", gestand Fillon lediglich ein. "Ich hätte ihn nicht begehen dürfen. Und ich habe einen zweiten Fehler begangen, als ich gezögert habe, darüber zu sprechen." [2] Das, was er euphemistisch als Zögern bezeichnet, nennen andere eine faustdicke Lüge. Anfangs ließ er die Parteigranden noch von "Verleumdung" reden. Fillon bestritt vehement, dass bei seiner Frau eine Scheinbeschäftigung vorlag. Er beteuerte, ihre Anstellung sei legal gewesen, sie habe eine Reihe von Aufgaben für ihn erfüllt. Später wurde jedoch ein Interview von Penelope Fillon mit dem britischen Sunday Telegraph aus dem Jahr 2007 bekannt, in dem sie wörtlich sagte: "Ich war niemals die Assistentin meines Mannes." [3] Ein klassischer Genickbruch. Er zeigt freilich nach wie vor keinerlei Unrechtsbewusstsein, sieht sich vielmehr als Opfer einer Kampagne und bezeichnet seine Kritiker als "Meute". Was Fillon partout nicht einsehen will, ist, das er verbrannt ist, jede Glaubwürdigkeit verloren hat und seine Partei mit in den Abgrund reißt. Natürlich gilt - wie immer - bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung. Dennoch sinken Fillons Umfragewerte rapide. Es ist unsicher, ob er es überhaupt in die Stichwahl schafft. Nach derzeitigem Stand nicht.

Fillon folgt einem klassischen Muster, das sich auch andernorts findet: Erst wird jemand von euphorischen Anhängern quasi in den Himmel gehoben, ist Kristallisationspunkt all ihrer Hoffnungen. Wenn Vorwürfe ans Tageslicht kommen, die das makellose Image infrage stellen, wird verharmlost oder gelogen. Und wie bestellt folgen Solidaritätsbekundungen des Umfelds. Gibt es nichts mehr zu leugnen, weil die Vorwürfe mit Beweisen untermauert werden, versucht man das Ganze als böswillige Rufmordkampagne der Gegner hinzustellen, Neid und Missgunst seien deren treibende Motive. Eigentlich absurd, denn die Lügen sind ja für alle offenkundig. Aber das irrationale Festhalten am Erreichten ist oft der letzte Strohhalm, an den man sich noch krampfhaft klammert. Nun käme es darauf an, dass man dem Gefallenen schonend den Rücktritt nahelegt. Sobald das nähere Umfeld merkt, dass kein Hund mehr ein Stück trocken Brot von einem nimmt, müsste es dem Uneinsichtigen beibringen, dass er zur Belastung geworden ist und gefälligst den Hut zu nehmen hat. Am Ende ist der Fall unvermeidlich. Und je höher vorher der moralische Anspruch, desto größer die Fallhöhe, sprich desto härter der Aufprall. Durch einen schnellen Rücktritt kann sich vielleicht die Organisation (Partei, Gewerkschaft, Firma etc.) leidlich erholen, sollte sich jedoch die Krise längere Zeit hinziehen, gerät mehr und mehr das ganze Gebäude ins Wanken, die Organisation muss dann jahrelang um die Wiedergewinnung ihrer Reputation kämpfen. Gelegentlich fällt sogar alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Das ist der entscheidende Moment, François Fillon und die Republikaner scheinen ihn allerdings verpasst zu haben. Nun können sie nur noch hoffen, bei der Präsidentschaftswahl nicht völlig unterzugehen. Die Hoffnung indes ist gering. Schon allein der Einzug in die Stichwahl wäre unter den jetzigen Umständen eine Sensation. Was aber noch viel schlimmer ist, möglicherweise erhöht das törichte Verhalten von Fillon die Wahlchancen von Marine Le Pen. Und das ist etwas, das ganz Europa erschüttern könnte.

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[1] Wikipedia, François Fillon, Verdacht der Veruntreuung öffentlicher Gelder
[2] FAZ.Net vom 05.03.2017
[3] kurier.at vom 02.02.2017