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02. April 2017, von Michael Schöfer
Aprilscherze


Gestern war der Tag der "Fake-News". Früher nannte man das Aprilscherze, aber neuerdings werden ja nur noch Anglizismen unter die Leute geworfen. Die Crux bei Aprilscherzen ist: Entweder sind sie so gut oder wir sind zu blöd (sie als solche zu erkennen). Das Rheinneckarblog beispielsweise berichtete, dass die gerade eingeweihte neue Feuerwache der Mannheimer Berufsfeuerwehr wegen Baumängeln teilweise wieder abgerissen werden muss. Der Autor, Mathias Meder, beruhigte jedoch: "Ganz so schlimm wie am neuen Hauptstadtflughafen in Berlin ist es zwar nicht…" Wenn man das liest, denkt man gleich nach den ersten Sätzen an einen Aprilscherz. Aber ist das wirklich sofort erkennbar? Schließlich ist seit dem Drama um den "Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt" bei Bauvorhaben kein Dilettantismus mehr ausgeschlossen. Nicht einmal im Land der Ingenieure und Facharbeiter (ehedem Dichter und Denker).

Und warten Sie erst einmal ab, welche Aprilscherze bei "Stuttgart 21" auf uns lauern. Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautete, sollen ab 2018 die aktuellen Baukosten stets nur noch jeweils am 1. April veröffentlicht werden. Ausgenommen davon ist lediglich die saftige Abschlussrechnung, die uns am 30. April 20XX präsentiert wird. Warum ausgerechnet am 30. April? Nun, in den USA wird an diesem Tag der - siehe oben unter Anglizismen - "National Honesty Day" gefeiert, der Tag der Ehrlichkeit. In Großbritannien ist das der 7. Juli und nennt sich dort "Tell The Truth Day", der Sag-die-Wahrheit-Tag (laut Statistik werden übrigens auf der Insel am 8. Juli die meisten Scheidungen eingereicht). Doch die Briten treten ja ohnehin bald aus der EU aus…

Ich merke, ich schweife etwas ab, deshalb zurück zu den Fake-News.

Genau das ist der besondere Reiz an Aprilscherzen: Der Leser ist dieses Jahr mindestens bis zum 3. April damit beschäftigt, über den Wahrheitsgehalt von Nachrichten zu sinnieren, denn sicher sein kann er sich ja nie. Bis ihn dann die schadenfrohe Redaktion ("bei uns meldeten sich zahlreiche empörte Leser") in der Montagsausgabe darüber aufklärt.

"Der thüringische AfD-Chef Bernd Höcke hat seine Partei zur Einheit ermahnt." Gerade der… Aprilscherz oder kein Aprilscherz? Eindeutig eine Fake-News, Bernd Höcke heißt nämlich in Wahrheit Björn Höcke, worauf er großen Wert zu legen scheint. Die Rechten waren eben schon immer das, was man in der Pfalz gerne als "Dippelschisser" bezeichnet (hochdeutsch: Paragraphenreiter). Mein Gott, warum immer so verkrampft, man muss Fünfe auch mal gerade sein lassen.

Im Sozialismus gehen die Uhren bekanntlich anders, und so verkündete das Oberste Gericht Venezuelas bereits am 30. März, dass die Nationalversammlung entmachtet sei. Doch gestern rief der Retter der Enterbten, Nicolás Maduro, überraschend "April, April". Er habe die Verfassung gerettet, verkündete er schmunzelnd im Kreise des Kabinetts. Und im Fernsehen konnte man live mitverfolgen, wie ihm seine Minister für diese Großtat dienstbeflissen applaudierten. Klar, wenn einer die Weltöffentlichkeit so geschickt hinters Licht führt, ist das definitiv einen Sonderapplaus wert. Ach, Venezuela, du hast es gut. Wenn selbst euer Präsident so viel Zeit für Aprilscherze hat… Allerdings ist Maduro anderen gegenüber im Vorteil, erscheint ihm doch gelegentlich der legendäre Hugo Chávez als Vögelchen, um ihm wichtige Anweisungen ins Ohr zu zwitschern. Bei uns in der Schule war Vorsagen allerdings von jeher streng verboten, ob die bolivarische Revolution auch das geändert hat? Vermutlich. Der Aprilscherz mit dem Parlament kam bestimmt vom Vögelchen. Mein lieber Hugo, da ist Dir posthum mal wieder ein echter Coup gelungen, die ganze Welt hat sich täuschen lassen, alle haben reflexartig "Diktatur" geschrien. Und vom Olymp her erscholl das Gelächter der Götter.

Auch bei der Meldung, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel erst durch die Presse von der brisanten Liste des türkischen Geheimdienstes erfahren hat, kann es sich bloß um einen üblen Aprilscherz zur Verächtlichmachung des Staatsapparates handeln. BND-Chef Bruno Kahl hatte die Liste Mitte Februar (!) vom MIT-Chef übergeben bekommen und sie an das Bundesamt für Verfassungsschutz weitergeleitet. Doch angeblich wurde darauf erst Ende März (!) vom BKA (!) der Name der Bundestagsabgeordneten Michelle Müntefering (SPD) erkannt, aber weder das Kanzleramt noch der Innenminister darüber persönlich informiert, was dann letztlich der Süddeutschen Zeitung vorbehalten blieb.

Jetzt mal ehrlich: Da erkennt man den Aprilscherz doch auf den ersten Blick. Oder können Sie sich vorstellen, dass unsere Sicherheitsbehörden aus der peinlichen Pannenserie beim NSU (nein, damit ist nicht der gleichnamige Autobauer gemeint) überhaupt keine Lehren gezogen haben? Ich nicht! Und da Geheimdienste für gewöhnlich gut informiert sind, also diverse Zeitungen abonniert haben, dürfte ihnen der Name "Müntefering" sicherlich geläufig sein. Zweifellos werden sie schon beim Einstellungsgespräch darauf achten, dass sich künftige Geheimdienstmitarbeiter wenigstens ein bisschen für Politik und nicht bloß für "Deutschland sucht den Superstar" oder "Die Bachelorette" interessieren. Wenn Bundesinnenminister Thomas de Maizière rechtzeitig für die Montagsausgabe der Tageszeitungen "April, April" ruft, atmet gewiss ganz Deutschland erleichtert auf. Andernfalls könnte ja in der Bevölkerung ernsthaft die Verunsicherung darüber wachsen, ob sie von den Sicherheitsbehörden gut beschützt wird.

Mir ist gestern übrigens kein passender Aprilscherz eingefallen. Jedenfalls kein so vorzüglicher wie etwa die Nachricht vom 2:5-Auswärtssieg von Werder Bremen beim SC Freiburg. Ich meine, WERDER BREMEN!!! Fußballkundige wissen natürlich sofort Bescheid, denn Werder ist für den SC so etwas wie ein Angstgegner, verloren doch die Freiburger daheim schon häufiger gegen die Nordlichter. 2:4 am 25.10.2003, 0:6 am 04.12.2004, 0:6 am 21.11.2009. Insgesamt 11-mal hat Bremen in Freiburg gewonnen - von insgesamt 18 Begegnungen. 21:40 Tore, welch eine - aus der Sicht der Freiburger - miserable Quote. War daher gar kein Aprilscherz, hätte aber auf den ersten Blick einer sein können. Was lernen wir daraus? Manche müssen noch ein bisschen an ihrer Kreativität feilen, denn deren Aprilscherze sind allzu leicht als solche erkennbar. So wie die vom Rheinneckarblog oder dem Bundesnachrichtendienst.

Postskriptum: Es ist eine Fake-News, dass Bundesjustizminister Heiko Maas Aprilscherze unter Strafandrohung rechtzeitig vor dem 2. April löschen lassen will. Von Facebook verlautete, das soziale Netzwerk sei sowieso außerstande, Aprilscherze zu erkennen. Was, beiläufig bemerkt, wiederum alle Vorurteile gegenüber den Mitarbeitern von Facebook bestätigt. Nippel erkennen sie auf der Stelle, aber beim Textverständnis hapert es gewaltig.