Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum | Tag für Tag



22. April 2017, von Michael Schöfer
Wie viele Finger halte ich hoch, Kemal Kiliçdaroglu?


In der Türkei wurde das Büro einer regierungskritischen Internetzeitung durchsucht, deren Chefredakteur festgenommen sowie dessen Computer und Mobiltelefon beschlagnahmt. Obendrein hat man die Website im Internet gesperrt. Dem Journalist Ali Ergin Demirhan werfen die Behörden vor, er erkenne das Ergebnis des Referendums über das Präsidialsystem nicht an und habe über soziale Medien zu Protesten aufgerufen. Ministerpräsident Binali Yildirim (AKP) wies Oppositionsführer Kemal Kiliçdaroglu (CHP) auf die derzeit geltende Interpretation der Gesetze hin. Kiliçdaroglu überschreite die Grenzen der Rechtmäßigkeit, weil er die Menschen dazu verleite, gegen das Ergebnis des Verfassungsreferendums auf die Straße zu gehen.

Ich verwahre mich gegen die schändliche Verleumdung der Türkei, der demokratischsten Demokratie, die es je auf Erden gab. "Die Medien sind nirgendwo auf der Welt freier als in der Türkei", stellte Präsident Erdogan vor kurzem zu Recht fest. Daran kann auch die Verhaftung von mehr als hundert Journalisten und die Schließung ebenso vieler Zeitungen nichts ändern. Und wer glaubt, er könne in einer Demokratie einfach so ohne Erlaubnis auf die Straße gehen, hat sie völlig falsch verstanden.

Es ist eine unerträgliche Beleidigung des Türkentums, im Zusammenhang mit dem Referendum von einem "getürkten" Ergebnis zu sprechen. Nach Angaben der CHP enthielten 960 Wahlurnen ausschließlich Ja-Stimmen, in 2.645 Wahlurnen hätten sich sogar mehr Stimmen befunden, als es registrierte Wähler im Stimmbezirk gab. Dennoch hat die Wahlkommission alle Einsprüche zurückgewiesen. Na und? Lassen Sie mich anhand eines literarischen Beispiels zeigen, warum die Zurückweisung korrekt ist:

"Erinnern Sie sich (…) in Ihr Tagebuch geschrieben zu haben: Freiheit bedeutet die Freiheit zu sagen, daß zwei und zwei vier ist?"
"Ja", sagte Winston.
O'Brien hielt die Linke hoch, mit dem Handrücken zu Winston, den Daumen versteckt und die vier Finger ausgestreckt. "Wie viele Finger halte ich hoch, Winston?"
"Vier."
"Und wenn die Partei sagt, es sind nicht vier, sondern fünf - wie viele dann?"
"Vier." [1]

Winston konnte sich aber der Überzeugungskraft seines Vernehmers vom "Ministerium für Liebe" nicht lange entziehen und gestand nach kurzer Diskussion endlich die unbestreitbare Wahrheit ein: "Fünf." Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke. Nein ist Ja. Lüge ist Wahrheit.

Was will uns das sagen? Nun, wenn in bestimmten Wahlbezirken 103 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl gegangen sind, dann sind eben 103 Prozent zur Wahl gegangen. Außerdem: Angesichts der grenzenlose Liebe, die das Volk Präsident Erdogan entgegenbringt, war ohnehin zu erwarten, dass man in vielen Wahlurnen keine einzige Nein-Stimme finden wird. Und gegen Liebe sind Behörden bekanntlich absolut machtlos. Wenn also die Wahlkommission am Wahlabend 51,4 Prozent Ja-Stimmen verkündet, dann sind es auch 51,4 Prozent Ja-Stimmen. Hundertsechsprozentig! Kein vernünftiger Mensch würde daran zweifeln.

Versuchen wir es deshalb noch ein letztes Mal im Guten: "Wie viele Finger halte ich hoch, Kemal Kiliçdaroglu?"

----------

[1] Auszug auf George Orwells Roman "1984"