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12. Mai 2017, von Michael Schöfer
Der versüßte Alptraum


Seit der Umstellung auf DVB-T2 HD empfange ich auch Privatsender. Vorübergehend, denn bei "freenet TV" anmelden, um sie auch nach der bald einsetzenden Verschlüsselung empfangen zu können, werde ich mich nicht. Das sind mir die 69 Euro pro Jahr einfach nicht wert. Und ich werde auch nichts vermissen - außer vielleicht die Werbung. Ja, genau, die Werbung! Kurios, nicht wahr? Normalerweise sehe ich mir ja bei den Öffentlich-Rechtlichen keine Werbung an, aber wenn man sich bei den Privaten einen Spielfilm ansieht, kann man der kaum entgehen. Dank dem Privatfernsehen konnte ich endlich meinen Wissensstand auf den neuesten Stand bringen. Jetzt weiß ich wenigstens, dass Amazon-Chef Jeff Bezos George Orwells Dystopie "1984" nie gelesen hat. Und falls doch, dann jedenfalls mit Genuss und als Anregung.

In den Werbepausen wird den Zuschauern nämlich "Echo" von Amazon vorgestellt. Echo ist ein digitaler Assistent, mit dem man sprechen kann und der sprachgesteuerte Befehle ausführt. Dazu muss er natürlich ständig hinhören, ob er gebraucht wird oder nicht. "Sagen Sie einfach das Aktivierungswort 'Alexa' und Echo reagiert", behauptet Amazon. Angeblich ist Echo erst aktiv, wenn das Aktivierungswort gesagt wird. Aber um auf das Aktivierungswort zu reagieren, muss Echo logischerweise ständig lauschen. Wie praktisch: Der digitale Assistent hat "sieben Mikrofone" und kann einen "sogar in lauter Umgebung oder wenn Musik läuft" hören. [1] Echo ist daher nicht bloß ein digitaler Assistent, er ist auch eine perfekte Wanze. Zumindest potenziell. Denn ob, wann und was Echo mithört, kann man nicht kontrollieren (es sei denn, man zieht den Netzstecker). Wir sollen Amazon glauben, dass Echo wirklich erst nach dem Aktivierungswort mit der Amazon-Cloud verbunden ist. Wir dürfen aber auch misstrauisch sein.

Was kann man mit Echo machen? Der digitale Assistent "beantwortet Fragen, liest Hörbücher, liefert Nachrichten, Verkehrs- und Wetterinformationen, informiert über örtliche Geschäfte, Sportergebnisse, Spielpläne und mehr mithilfe des Alexa Voice Service". Er "steuert Lampen, Lichtschalter, Thermostate" und überwacht die Termine: "Alexa, welche Termine habe ich heute?" Und natürlich kann man mit ihm einkaufen: "Alexa, setze Tennisbälle und Hundekuchen auf die Einkaufsliste." In den Werbespots sieht man einen Mann, der krampfhaft versucht, einen überfüllten Koffer zu schließen. Entnervt fragt er: "Alexa, wie ist das Wetter in London?" Echo antwortet: "In London ist es heute 23 Grad warm und leicht bewölkt." Schon kann er die dicken Pullis zur Seite legen. [YouTube-Video] Oder ein älteres Ehepaar, das die Kinder und Enkel zu Besuch hatte und nach deren Abfahrt erleichtert aufatmet: "Alexa, spiel Klassikradio." Echo spielt daraufhin Beethovens "Ode an die Freude", den vierten Satz der 9. Symphonie. [YouTube-Video] Aber Echo kann auch Ironie, schließlich soll uns das Ganze irgendwie schmackhaft gemacht werden: Man sieht einen hustenden Mann auf der Couch, der sichtlich leidet. Eine Frauenstimme im Hintergrund fragt: "Alexa, was ist die Definition von Männergrippe?" Echo antwortet: "Der Mann sagt, er hat eine Grippe, obwohl es nur ein Schnupfen ist." [YouTube-Video]

Unfassbar, für solche Kinkerlitzchen holt man sich eine potenzielle Wanze ins Haus? Kann man das Klassikradio nicht mehr wie früher einfach per Knopfdruck einschalten? Kann ich das aktuelle Wetter in London nicht im Internet eruieren? Echo "Look" hat auch eine Kamera. Der digitale Assistent schaut den Nutzern beim Einkleiden zu und soll passende Styling-Tips geben. Fotos und Videos werden selbstverständlich in der Amazon-Cloud gespeichert. Echo "Knight" wiederum bekommt ein Display spendiert, dort sieht man dann grafisch, was der Sprachassistent antwortet. Doch noch wichtiger: Echo "Knight" hat ebenfalls eine Kamera. Wenn man die Entwicklung zu Ende denkt, landen wir in nicht allzu ferner Zukunft tatsächlich bei "1984". In George Orwells Roman spielen sogenannte "Televisoren" bei der Überwachung der Bevölkerung die entscheidende Rolle, der "Große Bruder" (Big Brother) kann damit alle Wohnungen visuell kontrollieren und abhören. Mit Amazons Echo stellen wir uns diese Dinger sogar freiwillig ins Haus. Keine übermächtige Partei, die uns dazu erst zwingen muss. Und warum? Weil wir zu faul sind, unsere Termine manuell in den Terminkalender einzutragen und per Hand das Klassikradio oder den CD-Player einzuschalten. Entschuldigung, aber das ist dumm, furchtbar dumm.

Amazon ist beileibe nicht der einzige Anwärter auf den Big-Brother-Award. Redakteure von "heise.de" waren von den Produkten auf Microsofts Entwicklerkonferenz entsetzt: Dort stellte die Software-Schmiede "viele neue Dienste vor, die die immensen Daten auf den Cloud-Servern mit Hilfe von künstlicher Intelligenz auswerten. (…) Der Video Indexer erkennt automatisch, welche Personen in einer Szene zu sehen sind, dank OCR und Spracherkennung transscribiert er die gesprochenen oder geschriebenen Worte und kann diese einzelnen Sprechern zuordnen. Fremde Sprachen lassen sich automatisch übersetzen und über eine 'Sentiment Analysis' kann die Software sogar feststellen, ob eine Person gegenüber einem Thema positiv oder negativ eingestellt ist. Der Video Indexer legt besondere Keywords in einer Datenbank ab. Einmal analysiert, lassen sich anschließend Videos nach bestimmten Personen, gesprochenen Wörtern und besonderen Keywords durchsuchen. Ein eingebauter Editor schneidet die Videos dann auf die Passagen zusammen, in den die gesuchten Personen und Themen auftauchen." [2] Damit kann künftig wirklich jeder ohne großen Aufwand alles überwachen.

Fehlt bloß noch die Vernetzung des "Internet of Things" (IoT), das demnächst nahezu alle Lebensbereiche umfasst (vom eigenen Auto bis zur intelligenten Zahnbürste), und die schöne neue Überwachungswelt ist perfekt. Mit der entsprechenden Zugriffsbefugnis der Geheimdienste ("Sie haben doch hoffentlich nichts zu verbergen?"). Im Zweifelsfall geht es auch ohne Befugnis. Wer weiß denn schon, wer bereits jetzt Zugriff auf den heimischen PC hat? Niemand. Genauso ist es mit Produkten wie Echo. Ob irgendwelche Behörden, russische und chinesische Hacker oder schlicht der technikaffine, aber ungemein neugierige Nachbar, ist doch einerlei. Möglichkeiten, die wir schaffen, werden erfahrungsgemäß auch ausgenutzt. Irgendwann und von irgendwem, denn die hundertprozentige Sicherheit kann man bekanntlich in der Pfeife rauchen. Erst kürzlich wurde eine schwerwiegende Sicherheitslücke im hauseigenen Virenschutz-Programm von Windows 10 geschlossen. Der "Defender" führte nämlich beim Überprüfen schädlichen JavaScript-Code ohne Sandbox und mit privilegierten Benutzerrechten aus. Eine verseuchte E-Mail hätte vollauf genügt, man musste sie nicht einmal lesen, das Abrufen des E-Mail-Accounts wäre für die Infektion absolut ausreichend gewesen. Vor einer solcherart unter Beweis gestellten "Kompetenz" des Betriebssystem-Herstellers kann es einem nur gruseln. Welche Lücken mögen da noch im Verborgenen schlummern?

Mein Vertrauen in Konzerne, die dann obendrein Überwachungssysteme verkaufen, hält sich in engen Grenzen. Wir rutschen da in eine Welt hinein, die sich als Alptraum entpuppen könnte. Wie bitte? Wir rutschen da nicht hinein? Wieso? Ach, Sie meinen, wir wären da schon mittendrin. Auch ein Gesichtspunkt. Vermutlich haben Sie recht, denn der Alptraum wird uns regelrecht versüßt: "Alexa, setze Gummibärchen auf die Einkaufsliste."

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[1] Amazon, Echo
[2] heise.de vom 11.05.2017