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27. Mai 2017, von Michael Schöfer
Wir werden hoffentlich auch Donald Trump überleben


Es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird, behauptet ein Sprichwort. Das gilt natürlich auch in der Politik. Wobei uns die Erfahrung sagt, dass das Mahl den Menschen gelegentlich doch brennend heiß verabreicht wird. Das sind dann die großen Katastrophen, wie etwa der Zweite Weltkrieg. Da hätte das Volk eigentlich vorher wissen müssen, dass der Brei, den die Nazis anrührten, genauso heiß gegessen werden muss. Aber das ist zum Glück nicht die Regel. Unsere Erfahrung sagt nämlich auch, dass sich schlechte und gute Zeiten abwechseln. So standen wir beispielsweise im Kalten Krieg oft nah am atomaren Abgrund, das Problem löste sich dann aber Ende der achtziger Jahre überraschend schnell in Wohlgefallen auf. Der Kommunismus kollabierte, die Sowjetunion existierte plötzlich nur noch in den Geschichtsbüchern. Jetzt haben ebenfalls viele das Gefühl, die Welt gerate aus den Fugen, was genau genommen nicht völlig falsch ist. Gleichwohl kann das Ganze in 20 Jahren anders aussehen. Besser. Wer weiß…

Oft sind mit Zeitenwenden aber auch Brüche verbunden, die ganze Weltreiche zerstören. So ist meiner Meinung nach das Römische Reich vor allem durch ökonomische Verwerfungen und innere Machtkämpfe zugrunde gegangen. Die Völkerwanderung war dann bloß der berühmt-berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen, sprich das von innen heraus geschwächte Staatsgebäude vollends zum Einsturz brachte. Ich kann mich nicht dagegen wehren, Parallelen zur aktuellen Situation des Westens zu erkennen. Der Neoliberalismus hat einerseits den Wohlstand ungemein wachsen lassen, zugleich ist dieser so ungerecht verteilt wie noch nie. Bedauerlicherweise wollen die Verantwortlichen nicht zur Kenntnis nehmen, welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft hat. Heute stellen wir fest, dass die Menschen supranationalen Gebilden wie der EU äußerst kritisch gegenüberstehen und vielen der Rückfall auf den Nationalstaat als die einzig gangbare Lösung erscheint. Leider oft genug verbunden mit dem gleichzeitigen Anwachsen der Fremdenfeindlichkeit.

Mehr und mehr kommen Autokraten an die Macht, die das Staatsgebäude von innen heraus unterhöhlen, indem sie das demokratische Fundament der Gesellschaft zerstören. Mit weitreichenden Auswirkungen, die heute noch gar nicht absehbar sind. Die offene Gesellschaft befindet sich in einem Abwehrkampf. Da braucht es gar keine Vandalen, Westgoten oder Langobarden, die von außen Druck ausüben, da genügt schon allein ein gewisser Donald Trump. Die Welt wird von einem Kind geführt, schreibt die altehrwürdige New York Times. Und sie hat damit vollkommen recht, denn genau so benimmt er sich. Von unterschiedlichen Ansichten zu Sachfragen abgesehen ist Trumps rüpelhaftes Auftreten, nun ja, äußerst gewöhnungsbedürftig. Wie er beim Nato-Treffen in Brüssel den montenegrinischen Regierungschef Dusko Markovic mit der Hand brüsk zur Seite drängt, um beim Gruppenfoto in die erste Reihe zu kommen, sagt eigentlich alles. Der Mann führt sich tatsächlich auf wie ein rotzfreches Kind im Vorschulalter, das keine Kinderstube genossen hat, gutes Benehmen scheint für ihn ein Fremdwort zu sein. Er erscheint alles andere als präsidiabel, eher wie ein Elefant im Porzellanladen. Der Westen hat eindeutig ein Führungsproblem, das aber lediglich die gesellschaftlichen Fliehkräfte repräsentiert.

Donald Trump mag sich wie ein Kaiser fühlen. Und die Kaiser im Römischen Reich hatten erstaunlich viel mit ihm gemein: Oft unberechenbar und sehr von sich selbst überzeugt, beratungsresistent, genuss- und prunksüchtig, prahlerisch und notorisch verlogen. Sogar an seiner geistigen Gesundheit wurde schon gezweifelt. Ob zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt. Jedenfalls ist seine Präsidentschaft nach nur vier Monaten Amtszeit von innen- und außenpolitischen Verwerfungen überschattet. In den USA droht ihm womöglich die Amtsenthebung wegen Behinderung der Justiz, das Verhältnis zu seinen Partnern in der Nato und der G7-Gruppe ist zerrüttet. Schlimmer hätte es eigentlich gar nicht beginnen können. Dabei ist, sofern Trump überhaupt volle vier Jahre Präsident bleibt, nicht einmal ein Zehntel seiner Amtszeit vorüber. Es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird? Manchmal eben doch! Aber wir werden hoffentlich auch ihn überleben. Fragt sich nur, wie.