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24. Juni 2017, von Michael Schöfer
Na bitte, geht doch!


Heutzutage ist jeder ein potenzieller Terrorist. Auch Sie und ich. Deshalb muss man alle möglichst lückenlos überwachen. Das ist nicht immer legal, aber aus der Sicht der Behörden dennoch absolut notwendig. Motto: Legal, illegal, scheißegal. Der alte Spontispruch feiert fröhliche Urständ. Sie stehen auf einer Terror- und Flugverbotsliste? Wie sind Sie da nur draufgekommen? Ach, das wissen Sie nicht? Und das können Sie auch nicht überprüfen respektive revidieren lassen? Das nennt man Rechtsstaat. Wahrscheinlich hat so ein Dödel wieder einmal ihren Namen verwechselt. Oder Sie haben das Pech, auf den Namen "Osama" zu hören. Selbst schuld, beklagen Sie sich bei Ihren Eltern. Datenbanken wie "World-Check" geben den Banken Auskunft, ob Sie ein Konto eröffnen dürfen. Auf deren Liste stehen angeblich auch Aktivisten von Greenpeace, bekanntlich äußerst gefährliche Umweltterroristen. Die bekämpfen alles, was der Industrie lieb und teuer ist. Einem Rechercheverbund zufolge finden dort auch Berichte von Medien oder Blogs Eingang. Mit anderen Worten: Die Liste ist über jeden Zweifel erhaben. Wie bitte, Sie sind unschuldig und wurden nie angeklagt? Sorry, das hat sich offenbar noch nicht überall herumgesprochen. Das Blog "Watch my enemy" bezeichnet Sie nach wie vor als Terrorhelfer. In einem Atemzug mit Katar, wohlgemerkt. Das Blatt mit den großen Buchstaben hat sogar ein Bild von Ihnen samt ladungsfähiger Adresse veröffentlicht. Und die werden es schließlich wissen. Vermutlich haben Sie Greenpeace mal Geld gespendet. Oder Amnesty International.

Es findet überhaupt gerade eine riesige Umwertung aller Werte statt. Nietzscheaner dürften sich freuen. Folter? Funktioniert und ist nützlich. Behauptet jedenfalls Donald Trump. Nein, kein schauriger Unterweltkönig, sondern der Präsident der ältesten Demokratie der Welt. Ehedem "Anführer der freien Welt" genannt. Inhaftierung ohne Anklage und Urteil? Leider kein Alleinstellungsmerkmal von George W. Bush, das will offenbar auch die bayerische Landesregierung und schimpft sich dort unbegrenzte Präventivhaft für Gefährder. Bayerisch-Guantanamo. Außergerichtliche Tötung von Verdächtigen? Wie konnte ich das bloß vergessen? Bitte grüßen Sie mir Barack Obama, falls Sie ihn zufällig auf irgendeinem Drohnenflughafen treffen. Die Bundeswehr will übrigens ebenfalls Kampfdrohnen beschaffen. Die Kollateralschäden freuen sich bereits. Privatisierung des Krieges? Warum so bösartig? Das sind lediglich "Militärdienstleister". Man muss dem Kind nur einen passenden, möglichst angenehm klingenden Namen geben. Nein, nicht Osama! Früher nannten die Amerikaner Atomraketen "Peacekeeper". Friedenswächter. Parteispenden sind entweder "jüdische Vermächtnisse" oder "Pflege der politischen Landschaft". Zensur läuft neuerdings unter der harmlosen Bezeichnung "Netzwerkdurchsetzungsgesetz". Und der Staatstrojaner heißt offiziell "verdeckter Eingriff in informationstechnische Systeme". Ein minimal-invasiver Eingriff in Ihre Grundrechte, gewissermaßen ein Operatiönchen. Na bitte, geht doch!

Ach, beklagen Sie sich nicht, es ist alles nur zu Ihrem Besten. Ja, ich weiß, mit diesem Artikel habe ich meine Chancen, in den nächsten Ferienflieger nach Gran Canaria steigen zu dürfen, abermals verringert. Was soll's, ist Fliegen nicht ohnehin furchtbar umweltschädlich? Mein Rat: Sehen Sie es positiv, Urlaub in der Heimat kann wunderschön sein. Solange man dabei Sachsen und Bayern meidet...